Plattenkritiken


Montags-Preview: The Tallest Man on Earth – The Wild Hunt

Montags-Preview: The Tallest Man on Earth - The Wild HuntDie Sonne steht hoch am Himmel, der Wind pfeift über die Prärie. Sträucher und dünnästige Bäume versuchen wenig Angriffsfläche zu bieten und ducken sich nach unten weg, wo sie können. Draußen im Dreck steht ein schmächtiges Kerlchen in Unterhemd, Hosenträgern und Bluejeans. Die Gitarre wirkt wie festgewachsen, ein gleichberechtigter Teil seines Körpers, das Banjo sitzt fest im Halfter. Gegen den Wind, gegen die Hitze, für die Szenerie erhebt er seine Stimme. Selbst die Sträucher knicken nun ein. Aufgewirbelter Staub lässt sich auf dem hölzernen Dach einer Farm nieder, und wird wieder fortgetragen. Stillstand und Bewegung, Momentaufnahme und ein stetiger Kreislauf – so könnte man sich dem Zweitling „The Wild Hunt“ des schwedischen Barden Kristian Matsson alias The Tallest Man On Earth annähern.

Schon das 2008er Debütalbum war ein Paukenschlag im Kleinen. Minimalistisch und keineswegs neu erfunden, klang Country dafür schon lange nicht mehr so folkig, Folk schon ewig nicht mehr so country, eine Stimme nur ganz selten derart durchdringend und authentisch. Und für die Mischung gab es zu Recht Applaus von allen Seiten, der ganz große Wirbel blieb jedoch aus. Die Erwartungen an den Nachfolger ragten in Liebhaberkreisen dennoch bedrohlich über das Gatter hinaus. Für alle, die sich zwischen Korn und Mais wohl fühlten und dort bei Flüssigem über Verflossene singen wollten, kann mindestens Entwarnung gegeben werden. Denn es geht wieder raus, weit raus.

Es ist erfrischend und befreiend, wie sehr The Tallest Man On Earth es schafft, jeglichem urbanen Hipster-Geplänkel davonzubrausen, zu entfliehen, die Stimmen hinter sich leiser werden und dann völlig verlöschen zu lassen. Dann steht dort nur noch seine eigene im Raum. Ein Julian Casablancas würde bei zwei Flaschen Strohrum täglich zu Lebzeiten nicht eine solch fein-kratzbürstige und feurig beseelte Stimme erhalten, wie sie Matsson scheinbar schon in die Gene gelegt bekommen hat. Es fällt schwer, große Unterschiede zu „Shallow Grave“ auszumachen. Am Arrangement hat sich beim Country-Nerd genau nichts geändert, Gitarre und Banjo reichen völlig aus, um im rauen Land zu überleben. Variantenreich wird gezupft, in die Saiten als Ganzes geschlagen, gestreichelt, gespannt und gebogen, was diese Instrumente hergeben, bisweilen darüber hinaus.

Vielleicht ist es das Kollektiv, die Relativierung von Highlights, die „The Wild Hunt“ vom Vorgänger unterscheiden. Und doch fehlen diese nicht gänzlich. Nur sind es hier nicht die flotten Draufgänger und schrammeligen Popsongs, sondern solche Momente, in denen die Sonne schlagartig untergeht und das weite Land auf ein überschaubares Maß zusammengezurrt wird. Die Stories sind nach wie vor traurig, entwaffnend ehrlich, hoffnungsvoll, und geprägt von der gleichen Ausreißerromantik, wie sie das ganze Album verkörpert: „And I’ll throw you in the current that I stand upon so still. Love is all, from what I’ve heard, but my heart’s learned to kill. Oh, mine has learned to kill.“ singt Matsson in “Love Is All” mit zitternder Stimme, und erhebt sie kurz darauf zum Refrain wieder auf eine Weise, die es schwer bis unmöglich macht, der Gänsehaut auszuweichen. Hier wird sich ins Herz gegraben und zum resultierenden Dreck unter den Fingernägeln gestanden. Von diesen Momenten lebt seine Musik. Und sie sind in großer Zahl vorhanden. Wenn dieser Sommer The Tallest Man on Earth die ersten größeren Bühnen beschert, wird er darauf verloren wirken. Bis er zu singen beginnt.

Wertung: 82

Label: Dead Oceans

Referenzen: Eric Bachmann, Horse Feathers, Bob Dylan, Leonard Cohen, Bon Iver, Fionn Regan

Links: Myspace, Label

VÖ: 09.04.2010


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13 Kommentare zu “Montags-Preview: The Tallest Man on Earth – The Wild Hunt”

  1. Pascal Weiß sagt:

    “Für alle, die sich zwischen Korn und Mais wohl fühlten und dort bei Flüssigem über Verflossene singen wollten”

    Fantastisch, Sven.

  2. Razor sagt:

    da muss ich auch mal einstimmen, das ist eine rezension, die sehr gut geschrieben ist. kannte diesen typen vorher noch nicht und ist jetzt auch nicht so meine musik, aber schön, dass man bei euch immer wieder was neues findet.

  3. Sven sagt:

    Dankeschön!
    @Pascal: Ich weiß ja, wie ich bei dir punkten kann. ;-)

  4. [...] Wintersleep, dazu viele geniale Remixe von Mount Kimbie bis Joy Orbison. Und auch unser 82%-Mann Tallest Man On Earth darf mitmischen, ebenso wie die Tropicmischung Tanlines, der Dubstep-Künstler Scuba oder das neue [...]

  5. [...] 500 über plötzlichen Medienrummel klagen dürften. Ohne zu zögern durchgewunken wurden mit The Tallest Man On Earth, Midlake oder Emit Bloch darüber hinaus einige Vertreter des in den letzten Jahren durchweg [...]

  6. [...] großer Wertschätzung für sein Debütalbum und satten 82% für den aktuellen Schönling “The Wild Hunt” hat AUFTOUREN nun die Ehre, den Mann mit der tatsächlich einmaligen Stimme live zu [...]

  7. [...] The Tallest Man On Earth – The Wild Hunt Sage Francis – Li(f)e James Brown – Time For Payback Flying Lotus – Cosmogramma Meshell Ndegeocello – Devil’s halo [...]

  8. [...] Hand zu geben, konnte der junge Singer/Songwriter in diesem Frühling mit dem erstaunlich reifen „The Wild Hunt“ nachlegen und an zahlreichen Orten Lobpreisungen einheimsen – und zudem verdientermaßen [...]

  9. [...] tummelten sich mit fünf, sechs, gar acht Musikern auf der Halderner Hauptbühne – einzig The Tallest Man On Earth hatte statt vieler Freunde nur seine drei Gitarren parat. Umso erstaunlicher, dass er es zur besten [...]

  10. [...] Matsson kann auf ein erfreulich ereignisreiches Jahr zurückblicken: Sein charmantes „The Wild Hunt“ wurde wohl so ziemlich überall mit offenen Armen und pochendem Herzen aufgenommen, auch das [...]

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