Musikfreund Haldern: Ein Festivalbericht

„Hat jemand Kartoffeln?“, fragt der Typ mit der Diagonalfrisur am Ende der Zeltstraße, bevor ihm einfällt, dass er für seine schmackhafte Suppe auch noch einen Topf schnorren muss. Es geht wie jedes Jahr entspannt und kollegial auf der Weide im Niemandsland zwischen Pferdekoppel, See und Trafometer zu. Der ganze Ort scheint inzwischen routiniert darin, dass einmal im Jahr die betuliche Ereignislosigkeit des Niederrheins von knapp 8000 Zugereisten durchbrochen wird und für zweieinhalb Tage großer Trubel in Haldern ausbricht. Dann schmieren die Bäcker bereits frühmorgens für die Augengeränderten Brötchen im Akkord und stehen die Leergut-Buggys der Nachbarskinder in einer wohlorganisierten Reihe hintereinander – selbst die Zöglinge der Festivalmacher wie der sechsjährige Tom dürfen Bändchen am neugestalteten Einlass kontrollieren. Haldern Pop, das ist wie immer ein besonders entschleunigtes Festival.

Traditionen bedeuten auch den Machern viel: „No way“, heißt es in der Festivalpublikation „Dat Blatt“ zu einer möglichen Vergrößerung des Festivals, das 2010 wie so oft schon weit vorab ausverkauft war. Dennoch war dieses Jahr der Andrang auf dem Gelände scheinbar größer als je zuvor, was durchaus auch mit der feinen Selektion an Bands zu tun haben könnte, die es um kein Bier auf dem Zeltplatz zu versetzen galt. Am Donnerstagabend hatte man neben den wunderbaren Seabear beispielsweise auch ein Date mit Beach House, die mit ihrem rührenden und zuckersüßen Indiepop das Atmosphärometer auf Anschlag brachten. Gerade auch, weil die rotschimmernde Bühnenbeleuchtung so wunderbar dem Sonnenuntergang außerhalb des stolzen Spiegelzeltes eine Entsprechung bot, dessen letzte Strahlen vor Aufregung glühten.

Freitag schaute das Murmeltier in Gestalt von Fyfe Dangerfield unter dem brokatverhangenen Zelthimmel vorbei. Zum dritten Mal binnen weniger Jahre ist er in Haldern zu Gast, suchte vergeblich seine Band Guillemots und trat dann einfach solo mit Gitarre und Keyboard auf und musizierte bisweilen ebenso triefend kitschige Gefühlslieder wie Überraschungsgast Philipp Poisel, der eindrucksvoll bewies, dass eine Sechserbesetzung nicht unmittelbar ein Garant für musikalische Präsenz ist. Entsprechend waren die Reaktionen eher zwiegespalten: „Das hat die deutsche Musik gerade noch gebraucht…“, echauffierte sich ein Mann mittleren Alters, den kurze Zeit später aber sichtlich die Limboeinlagen der britischen Soulsängerin Rox in gelben Pants versöhnten, die einen urban-bunten Tupfer im dieses Jahr eindeutig indielastigen Line-Up darstellte. Mit ihrer sympathischen Art und stimmlichen Treffsicherheit zog sie das Publikum auf ihre Seite und sorgte so neben den Norwegern von Serena-Maneesh für die Überraschung am Freitag. Im schier schockgefrosteten Nachtdunkel zerkauten sie gefühlte zehn Minuten einen einzigen Akkord und entfesselten ihre hypnotisch rockende Psychedelik.

Leider ließen sich nur wenige Festivalbesucher auf deren wildwuchernde Performance ein, die meisten waren nach dem sich zum finalen „Dust Bowl Dance“ steigernden Auftritt der heimlichen Headliner Mumford & Sons und dem extrem tanzbaren, rhythmisch wuchtigen Konzert von Delphic (furios: der Doppelpack „Halcyon & Counterpoint“) ins Zelt gekrochen.Natürlich nicht, ohne vorher bei Beiruts Balkanklängen mit all ihrem nostalgischen Flair von darbender Armut, emotionalem Sentiment und tiefer Spiritualität standesgemäß einen Walzer zu tanzen, zu dem auch wildfremde Menschen hinter dem Mischer-Turm aufgefordert wurden. Die vielleicht herzzerreißendste und einprägsamste Szene des Festivals, obwohl der Beirut-Auftritt ein wenig Enthusiasmus vermissen ließ. Die folgende Nacht war gewiss die leiseste der letzten zehn Jahre auf den Halderner Wiesen; es lag förmlich eine Anspannung in der klaren Luft, denn der Abschlusstag bot Musikenthusiasten das vielleicht sensationellste Programm der letzten Jahre.

Young Rebel Set machten am Samstag weiter, wo am Vortag Mumford & Sons aufgehört hatten, Portugal. The Man spielten ihren 643. Auftritt in Deutschland ebenso souverän wie die vorherigen 642  und die englischen Senkrechtstarter von Everything Everything hatten im Zelt alle zehn Minuten einen Hit der besseren Art parat, was aber etwas Zweifel an der musikalischen Qualitätskontinuität auf ihrem bald erscheinenden Album aufkommen ließ. Fanfarlo machten viel aus ihrem Darling-Status, überhaupt schien 2010 der Trend zur Großband ungebrochen. Unzählige Projekte tummelten sich mit fünf, sechs, gar acht Musikern auf der Halderner Hauptbühne – einzig The Tallest Man On Earth hatte statt vieler Freunde nur seine drei Gitarren parat. Umso erstaunlicher, dass er es zur besten Spielzeit trotz ein wenig zuviel Nachstimm-Freestyle vermochte, das vollzählig anwesende Publikum mit seinen erstaunlichen Songs ergriffen zurückzulassen. Manchmal braucht es eben nicht mehr als gute Songs, dieses musikalische Treibgut der Erinnerung, um Eindruck zu hinterlassen. Gewiss, eine Stimme wie fünf halbe Guthries oder ein ganzer Dylan hilft dabei sicherlich zusätzlich.

Weit vorher durften aber noch die cleveren Kopenhagener Efterklang verdienten Applaus einfahren, für den sie sich standesgemäß und überschwänglich bedankten. Wohl auch dafür, dass sie als Quasi-Unbekannte einen Slot abstauben konnten, der ihre organisch-verstrickte Fantasie-Musik einem größeren Betrachterraum zugänglich machte – eine begrüßenswerte Eigenart der Kuratoren, die hiermit ein Gespür für das Besondere bewiesen haben oder zumindest aufmerksam das glücklich machende Album „Magic Chairs“ gehört haben. Auch die Brooklyn-Truppe Bear In Heaven schaffte es, einen dieser magischen Momente zu erzeugen, auf die man das ganze Festival lang hinfiebert. In nebliges Blau getüncht, spielten sie mit exaltiertem Drumming und geheimnisvoller Stimmungshaftigkeit ein dichtes Set, das Ahnungen an bessere Zeiten der Rockmusik heranschweben ließ. Ganz sicher: Von denen werden wir in Zukunft noch einiges hören.

Während Frightened Rabbit und die Blood Red Shoes ruppig das Gaspedal durchdrückten und dabei sichtlich Spaß hatten, lief es im Pressebereich für Yeasayers „Mogli“ Anand samt Mischer nicht ganz so rund. Acht Partien am Stück gewann letztlich das AUFTOUREN-Team im Kickern, da konnte selbst das Wechseln der violetten Glücksbringer-Shorts und das amüsante Detailwissen um die deutsche Sprache und die eher unrühmliche deutsche Geschichte nichts richten. „Blitzkrieg“ , konstatierte das Yeasayer-Team und forderte eine allerletzte, natürlich ebenso aussichtslose, Revanche. Nicht besser erging es dem Intro-Redakteur am Meet&Greet-Stand: Sophie Hunger gewann mit lässiger Souveränität und Sprachwitz klar nach Punkten. „Da kommste nicht mehr raus“, schallte es aus dem Publikum, bevor der Interviewer kleinlaut die Sängerin vom Sofa komplimentierte. Zum Schluss lieferten Yeasayer dann doch eine zumindest ordentliche Show, während The National besonders in den ersten zwei Dritteln mit der Technik und mauem Klang zu kämpfen hatten (oder hatte sie der Anblick nackter Menschen im See wirklich so sehr verunsichert?) und ihrem Unmut auch entsprechend Luft machten, was der Stimmung einen kleinen Dämpfer verlieh. Ganz anders parallel bei Dan Deacon im Zelt, diesem besessenen Teufel im scheußlichen Mumien-Volldruck-T-Shirt: Mit unzähligen Pedalen, Maschinen und einem grünem Leuchtschädel bewaffnet, schleuderte er mit Nachdruck seine billigen Schranz-Beats in die ekstatische Menge, bis im wahrsten Sinne alle Sicherungen durchschossen waren und der Totenkopf mit gebrochenem Genick an seinem Stativ baumelte. Ein trügerisches Schlussbild, denn Haldern 2010, das war wie jedes Jahr eine friedliche Feierei unter Freunden.

Fotocredits: Michael Schröder von 305.

6 Kommentare zu “Musikfreund Haldern: Ein Festivalbericht”

  1. Maximilian sagt:

    ein weniger trügerisches schlussbild boten noch the whale watching tour zu allzu später stunde – wer darauf noch gewartet hat bzw. sich mit letzter kraft ins spiegelzelt schleppte, wurde definitiv belohnt.

  2. Tobi sagt:

    Schöner Artikel, tolles und sehr entspanntes Festival, das sieht man selten. Bin mit einigen Kollegen aus dem tiefen Süden angereist und werde mich nächstes Jahr defintiv wieder auf den Weg machen.

  3. Pascal Weiß sagt:

    Markus, dieses Mal sind wir uns tatsächlich nahezu in allen Punkten einig;)

  4. Sven sagt:

    Uns begegneten zwei Unbekannte, auch aus dem tiefen Süden, bei der Spontanparty unterm Pavillonzelt in ziemlicher Kälte. Überhaupt kamen einige Fremde, mit denen man sich vernünftig unterhalten konnte. Auch das fühlte sich irgendwie typisch nach Haldern an. Wobei die Entspannung den gepflegten Gelagen dann ja doch keinen Abbruch tut. Eine recht einmalige Mischung.

  5. […] Haldern Pop 2010 begann wie jedes Jahr: Wir sind falsch abgebogen – es ist wie verhext. Doch während wir […]

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