Sigur RósKveikur

Wunderbar und wunderlich zugleich ist es, in welchem Ausmaß Sigur Rós sich seit ihrer Gründung 1994 zum kulturellen Konsens entwickelt haben. Sie sind nach Björk jedermanns Lieblingsklischee isländischer Eigentümlichkeit und haben Gastauftritte bei den Simpsons als … na ja … Isländer, klar.

Heerscharen an Feuilletonisten und bildungsfixierten Großstadtintellektuellen feiern ihre Songs und Alben regelmäßig voller Überschwang und Leidenschaft, vielleicht weil sie sich alle freuen, endlich mal wieder tief in die metaphorische Trickkiste greifen zu können, ja fast zu müssen. Und das Faseln von selbstmordgefährdeten Kastratenkobolden, von auf Geysiren tanzenden Eisprinzessinnen, von schneebärtigen Engeln mit brennenden Flügeln und ähnlichem Hokuspokus bereitet ja auch Freude wie nur die Kapitulation der Worte vor Sinnlichkeit, Gefühligkeit und Musik es schaffen kann.

Je überbordender und unkonventioneller der Realität die Stirn geboten wird, umso leichter lässt es sich in ihr einrichten. Ein Phänomen, auf dessen Schultern der Erfolg von Metaphysik, Mystik und Gott aufbaut und das graphisch in etwa so funktioniert: Am nächsten dran an der Welt ist die gewöhnliche Realität. Das ist der schnöde Alltag, die dumme Gewöhnlichkeit beziehungsweise der kapitalistische Eiertanz. Wird die Welt mit etwas Übersinnlichkeit versetzt, sind wir bei Kitsch, Schlager, schlechter Poesie und den Abziehbildern von Wolkenkuckucksheim. Das ist die Langeweile und der Überfluss. Werden aber die Fesseln jeglicher Gebräuchlichkeit abgeworfen und nichts erinnert mehr an Welt und Realität, dann verkürzt sich der Weg zum Alltag wieder: Das gänzlich Andere und Mehr-als-Besondere wird Garant für die eigene Nicht-Verrücktheit und fügt sich irgendwie bei entsprechender Verbreitung und Ausdauer (wie genau, weiß ich auch nicht genau) umso besser in die Realität ein. Je mehr Andersartigkeit, umso mehr Einheitlichkeit. Eigenartigkeit als artige Eigenheit und Bestätigung der eigenen Eigentümlichkeit. Wird die Übersinnlichkeit nicht als verrückt abgetan (auch das ist möglich, wäre aber das Eingeständnis der eigenen Beschränktheit – und wer will das schon?), wird sie sinnlich und fest verankert wie ein Spleen.

Erklärt das aber Sigur Rós? Erklärt das irgendwas? Oder gibt das nur eine Ahnung von der Ahnungslosigkeit?

Die geisterhafte Maske fasst sich zu Recht an den Kopf und hört der zum Trio geschrumpften Band zu, wie sie mehr oder weniger das macht, was sie immer macht: Lange Spannungsbögen ziehen aus Falsett, Glocken und Sounds. „Kveikur“ heißt Kerzendocht, auch das passt. Die Körperlosigkeit der nimmer heruntergefahrenen Emotionalität führt zu Atemlosigkeit, mit Variationen an manchen Stellen, aber doch immer mit Wucht: Rückwärts und tief schürfend in dunklen Rhythmen („Kveikur“), verzerrt jubilierend („Ísjaki“), ohne Herzlichkeit pulsierend („Yfirborð“), störrisch am Rande des Noise-Rock („Brennisteinn“), drastisch dröhnend („Rafstraumur“), aber auch als Piano-Umarmung für frierende Gespenster („Var“).

Sigur Rós sind eine Kulturgröße und das sei ihnen gegönnt. Sie festigen ihre eigene Welt mit hohen Mauern. Ein Hauch von erfüllten Erwartungen weht durch ihre Fahnen. Die dialektische Leier: Gewöhnliche Außergewöhnlichkeit, sinnliche Übersinnlichkeit, außerweltliche Welt. Feste Anker halten das Schiff vom Schaukeln ab, niemand braucht schunkeln, keiner muss kotzen. Dabei lässt sich doch eine zünftige Seekrankheit so schwer vergessen! In domestizierten Wundern kann man sich heimisch fühlen. Ich muss ausatmen.

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