JungbluthPart Ache

Münster in Westfalen. Gefühlte Post-Hardcore-Punkkapitale der Republik, was nicht einmal in der Fülle der dortigen Bands begründet liegt, sondern an Messer und Jungbluth, die sich derzeit besonders in den Vordergrund spielen. Warum eigentlich gerade Münster? Vielleicht liegt es am Katholizismus, auf den man dort seit der Gegenreformation (die Käfige, in denen die Überreste der sozial-revolutionären Wiedertäufer um Johann Bockelson zur Schau gestellt wurden, hängen immer noch am höchsten Kirchturm der Lamberti-Kirche) besonders stolz ist. Vielleicht liegt es an der Wilhelms-Universität mit ihren vielen Studenten und den auch dazu gehörigen Milieus von rechtskonservativ bis linksalternativ, wobei sich gerade die Letzteren hervorragend am zuvor Erwähnten reiben und abarbeiten können. Münster also und Jungbluth, deren Tape-EP mit „Part Ache“ ihr erster Langspieler folgt.

Gerahmt wird der Songkorpus von „Part Ache“ von zwei Instrumentalstücken namens „Crevasse“ und „Crevasse II“. Crevasse bezeichnet im Französischen die Spalte, den Riss, die sich auch im Album-Artwork wiederfindet und hier tatsächlich programmatisch verstanden werden sollte. „Crevasse“ reißt nämlich als Intro die nötige Spalte in die „Friede, Freude, alles ist gut, wir lieben Deutschland, hier ist es toll solange alles so ist, wie es ist“-Idylle anno 2013 und dies ist auch mehr als gut so. Hier ist nicht alles gut, nein, es stinkt teilweise gewaltig. Die Regierungen Kohl-Schröder-Merkel haben mit Sicherheit nicht dazu beigetragen, dass es besser geworden wäre, obwohl es zumindest der letzten darunter gelungen ist, das Land in einen wohldeodorierten, betäubenden Wattebausch der Glückseligkeit zu hüllen.

Jungbluth haben folglich eine mächtige Wut im Bauch, die ihren Niederschlag auch musikalisch findet. Hier liegt dann auch schon einer der großen Unterschiede zu Messer: Die spielen, was ich mal „Deutschpunk“ nennen möchte (ich rede damit nicht von Toten Hosen und Ärzten, sondern eher von EA80, Feine Sahne Fischfilet oder Turbostaat), wobei sich „Deutsch“ mitnichten auf eine Geisteshaltung bezieht, sondern dem Umstand geschuldet ist, dass vornehmlich Deutsch gesungen wird. Während bei Messer der intellektualisierende Gesang deutlich aus der Musik heraus sticht und besonders in Szene gesetzt zur Geltung kommt, haben Jungbluth für sich einen anderen Ansatz gewählt. Der Gesang auf Deutsch und/oder Englisch wird zumeist gleichberechtigt zur Musik eingesetzt, alles erscheint egalitär, was bestens mit dem anarchistischen Grundsatz der Band korrespondiert.

Auch auf musikalischer Ebene muss man die Ahnen von Jungbluth wohl eher im Post-Metal oder Post-Hardcore-Bereich suchen als im Post-Punk. Die Münsteraner amalgamieren den Post-Rock-Screamo von Mesa Verde mit der Aggression von Converge – dass dabei auch eine ungeheure Menge Frust und Verzweiflung zum Ausdruck kommt sollte nicht weiter wundern, so erlangt die Musik von Jungbluth nur noch eine weitere Tiefe. Und wenn tatsächlich einmal sowas wie „ungetrübte Lebensfreude“ aufflammt, dann ist das einer dieser raren Momente („These Rare Moments“), die man festhalten möchte, aber die einem trotz allem durch die Finger rinnen. Trotzdem sind Jungbluth gewiss keine absoluten Miesepeter, die zum Lachen in den Keller gehen (ein Charakterzug, der dem Westfalen gerne nachgesagt wird), sie sind nur von den bestehenden Verhältnissen schwer angepisst und das wiederum darf man ruhig hören! Wenn schließlich „Crevasse II“ semiakustisch, fast flüsternd, leicht dronig die blutenden Ohren beruhigend das Ende von „Part Ache“ markiert, überkommt einen das Gefühl, etwas Großem beigewohnt zu haben, das man noch nicht recht greifen kann.

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