HoldenThe Inheritors

„Kommt und reicht, ihr Lieben, die Hand! das möge genug sein, / Aber die größere Lust sparen dem Enkel wir auf.“
(Friedrich Hölderlin: „Stuttgart“)

Wie klassisch ist denn bitteschön ein Einstieg mit Hölderlin, Alter! Doch hochtrabend geht anders, denn ohne Cowboylyrik stünden diese Verse nicht hier.

Das Geschäftsmännische am Aufsparen der größeren Lust für die Nachfahren mutet fast befremdlich an: Hände wollen gehalten werden, sicherlich. Aber Lüste können größer sein. Werden die Enkel aber auch selbst beim Handhalten innehalten und die Fackel der Lust wiederum ihren Erben überreichen, dann wäre die Lust immer zukünftig größer und gegenwärtig entsprechend kleiner. Aber sage das mal den Lüsternden! Die werden dir Modewörter wie „Intensität“, „Erlebnis“, vielleicht sogar „Event“ um die Ohren hauen, weil ihre Lust ja auch nur ewig sein will. (Das nächste hoch gestochene Zitat verschweige ich, versprochen!)

Soviel ist aber gewiss: Wer an die Nachkommen denkt, denkt an die Zukunft. Und Zukunft ist für alle da, Zukunft mag jeder. Gerade heute (weitere Modewörter zum Thema: „Nachhaltigkeit“, „Verantwortungsbewusstsein“, „Wellness“). „The Inheritors“ könnte also als Albumtitel kulturell belastet sein, muss es aber nicht. So viel sei verraten: Das ist auch nicht der Fall.

James Holden leiht sich den Titel seines zweiten Albums von William Goldings Roman aus dem Jahr 1955, in dem es um die evolutionäre Wachablösung der Neanderthaler durch die Menschen geht. Tradition bedeutet nämlich nicht nur Bewahrung, sondern auch Veränderung. Und James Holden weiß, was er tut: Nachdem das 2006er Album „The Idiots Are Winning“ den Trance rehabilitierte, ist „The Inheritors“ Trance und vieles mehr, vor allem aber ein stimmiges Album.

Das heißt, es taugt als Geräuschkulisse im Hintergrund sowie per Kopfhörer unmittelbar ins Ohr. Es taugt als Katalysator sphärischer Stimmungen, ausartend, ein bisschen monoton, aber wohlwollend (wie „Blackpool Late Eighties“), als beunruhigendes, noisiges Wabern („Rannoch Dawn“) sowie als erst behutsam, dann gewaltig initiierte Krautrock-Illumination („Renata“, während ja, wo wir gerade bei Erleuchtung sind, „The Illuminations“ eher Space und Ambient ist …). Bei „The Caterpillar’s Intervention“ befreit sich das von Etienne Jaumet gespielte Saxophon von allen harmonischen und tonalen Grenzen. „Seven Stars“ schwebt grazil in den Himmel hinein. Songs wie „Gones Feral“ und „Delabole“ könnten kaum automatischer klingen. Selbst die Liedtitel stimmen: „Self Playing Schmaltz“. Einzig für den Dancefloor ist Holdens Elektronica wohl zu bedacht und zu intelligent, was kein arg schlimmer Kritikpunkt ist.

Nicht jede Ambientfläche kann die Aufmerksamkeit fesseln, aber der Boden für erlösende Motive und entspannte wie eingängige Rhythmen ist bereitet. Ruhepausen vermag Holden nämlich zu setzen, das ist wichtig, sinnvoll und kann nie zu viel sein (oder?). Nachfahren schön und gut, aber „The Inheritors“ ist eher ein Testament der Vergangenheit und eine Ahnung der aus ihr erwachsenden Zukunft, kein Versprechen, eher eine Verheißung, nur ohne Sprache. Oder auch: Fahrstuhl für Genießer (und alles langsam, selbstverständlich).

Um das eingangs erwähnte Problem der Lustaufsparung noch zu lösen: Seid lustig und auch lustvoll, dann werden es die Enkel auch sein, weil sie sehen, fühlen, lernen. Hölderlin hat keine Ahnung.

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