Es sind diese Tage, an denen der Winter schon zu lange in den Knochen und draußen auf der Straße wohnt. Dann der freie Samstag, den Kaffee in der Hand und den Schlaf noch im Auge unter zerwirrtem Haar. Man schaut durchs geschlossene Fenster nach draußen und sieht: Sonne. Und traut ihr nicht.

Hat dann einfach zuviel Bock auf Veränderung des eigenen Gemütszustandes. Man reißt das Fenster weit auf, riskiert alles und gewinnt Farben, den Duft von Frühling, Vogelzwitschern und Wärme im Gesicht. So wie dieser erste Rausch, der die Hormone immer wieder aufs Neue an bestimmten Tagen im Frühjahr ins Rollen bringt, hilft das zweite Album von Youth Lagoon über den Lichtmangel hinweg. Es stößt alle Türen auf und lässt die Sonne rein, nimmt mit auf eine kunterbunte, herzerwärmende Rollercoasterfahrt.

„Through Mind And Back“ ist als erster Track von „Wondrous Bughouse“ fast schüchtern, hinter einer Papierwand. Mit ganz leichter Hand skizziert finden sich die Instrumente zusammen, die das Album bestimmen werden, als müsse der 23-jährige sie erst zusammenrufen, auf dass sie sich in den nächsten 50 Minuten vertragen und an einem Strang ziehen. Sortiert in der Manege und dann losgelegt.

„Mute“ folgt als im besten Sinne „Lalala-Lied“, sind es doch die einfachen Songs, die direkt ins Herz treffen – jene, wo man im Kopf die Melodie mitzusummen versucht, weil das Lied vertraut klingt. Die Stimme von Trevor Powers jubiliert mit den kindlichen Synthies um die Wette, fertig ist die Hymne. Solche Musik fällt jemandem aus Kalifornien, der nun in Idaho wohnt, aktuell vielleicht auch leichter als einem chronisch Vitamin-D-Unterversorgten unserer Breitengrade. Gegen Ende erdet ein Klavier die auf Höhenflug gegangenen Instrumente.

Seit mehr als zwei Jahren agiert Trevor Powers unter dem Namen Youth Lagoon. Sein Debüt („The Year of Hibernation“) erschien im Herbst 2011 und zeigte sich weitaus minimalistischer als nun der Nachfolger, der im Vergleich fast pompös und artistisch daherkommt. Ein wenig klingen die Titel auf „Wondrous Bughouse“ (dem wundersamen Käferhaus, wobei „to be bughouse“ auch ein antiquierter Ausdruck für anstaltsreif ist) nach sich begegnenden Welten aus Clowns im Zirkus („Attic Doctor“) und Wiesenspaziergang („Third Dystopia“), aus Hypnose („Dropla“) und Zappelphilipp („Mute“).

Seine Musik ist Kopfkino pur, der Klang seines Albums wild und magisch. Die Plätze, zu denen uns Youth Lagoon mitnimmt, sind bizarr, aber nie angsteinflößend. Es gibt nachdenkliche Momente („The Bath“, mit minimaler Instrumentierung und verwaschenem Gesang), die jedoch nie komplett der Melancholie verfallen, sondern Atempause sind vor dem nächsten Hör-Parforceritt. Zwischen seinem Debüt und „Wondrous Bughouse“ war Powers viel auf Tour und in der Welt unterwegs. Jetzt teilt er diese Eindrücke auf die ihm eigene Weise. Youth Lagoon ist für Powers etwas sehr Persönliches, hier sortiert er seine Gedanken und beschäftigt sich mit seinen Ängsten. Genau dieses Gefühl verkörpert dieses höchst facettenreiche Album: Es zeigt die unterschiedlichen Gesichter und Gemütszustände eines sensiblen Menschen mit viel Humor.

„Pelican Man“ und „Rasperry Cane“ erinnern in Details an „I Am The Walrus“ und die „Magical Mystery Tour“ der Beatles. Auch hier ist der Gesang ein wenig entrückt und die Instrumente scheppern sich schleppend durch mehr als fünf Minuten, bei denen nicht selten das Klavier die Oberhand erhält. Auch in „Dropla“ verliert sich der Song in sich selbst, dreht Schleifen und wiederholt sich.

„I’ve been playing music since I was younger but always tried to define myself by what music I played. I tried to find a sense of meaning in it. But it wasn’t until I realized I was more than just music – that I was able to create music that means something to me. And that is Youth Lagoon. I don’t think I could ever write a completely happy album. It’s not that I’m not a happy person.“

Es ist, als drehe man an einem Kaleidoskop. Zwar sind es häufig ähnliche Versatzstücke, die sich hier wieder und wieder zusammenfügen, sie langweilen jedoch nie, weil sie sich immer wieder neu erfinden. Das hat sehr tröstliche Momente und löst übergreifend schnell heimische Gefühle aus. Bei Songs wie „Sleep Paralysis“ etwa hat man fast das Gefühl, der Lauscher an der Wand zu sein, so entrückt ist der Einstieg, so mechanisch-antiquiert die Instrumentierung, deren Details ein wenig an Spieluhren und eben Jahrmarkt erinnern. Verstaubte, verhallte Fröhlichkeit, auf der ein Schatten liegt.

4 Kommentare zu “Youth Lagoon – Wondrous Bughouse”

  1. Pascal Weiß sagt:

    Wirklich ein kunterbuntes Album, erinnert mich manchmal ein wenig an das ebenfalls grelle „Ships“ (2006) von Danielson.

    Und Katja, der letzte Absatz ist ganz groß.

  2. Carl sagt:

    „Ships“ war ein kleines Meisterwerk, dann muss ich „Wondrous Bughouse“ ja mögen. Pascal hat übrigens Unrecht Katja, die ganze Rezi ist ganz groß!

  3. Katja Diehl sagt:

    Ich erkläre mich einverstanden – zumal heute echt die Sonne schien und ich das Album bereits bestellt habe ;-) danke!

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