AUFTOUREN 2016Geheime Beute

AUFTOUREN 2016 – Geheime Beute

Endspurt in aller Ruhe: Nach unseren Jahrescharts, den besten EPs, Musikvideos und Albumcovern (auch den schlimmen) kommen wir nun zum Abschluss unseres Jahresrückblicks, der für so manche auch das wahre Highlight ist: Die geheime Beute.

Ausgewählte Werke, die für den Konsens zu seltsam oder abseitig waren, aufs erste Hören unterschätzt oder fürs Rezensieren schlichtweg bislang übersehen wurden, finden hier nun ihre Geltung. Die Mischung ist dabei wie immer bunt, die Popularitäts- und Genretendenz ist zur Nische, in jedem Fall: Es gibt einiges aus 2016 zu entdecken. Auf geht’s.


Anna Meredith – Varmints [Moshi  Moshi]

Wenn es in der diesjährigen Geheimen Beute einen roten Faden gibt, dann ist es wohl Eklektizismus. Auch die klassisch ausgebildete, schottische Komponistin und Musikerin Anna Meredith frönt diesem, indem sie leichtem bis mittelschwerem Indie- und Elektropop einen Hauch Neoklassizismus gönnt. Darüber hinaus fügt sie Flächen, Tupfer und Sprengsel weiterer Genres hinzu, ohne die limonadensüße Mixtur zum Überschäumen zu bringen. „Varmints“ lässt viele Schubladen offen stehen und ergötzt sich teilweise fast schon ein wenig aufreizend an den einfachsten Dingen, wie dem drolligen „Taken“, dessen indiepoppiger Charakter sich süffisant in den Vordergrund spielt. „Varmints“ ist ein famoses Popalbum geworden, dessen „Pop-“-Appeal man sich allerdings erst erarbeiten muss. (Carl Ackfeld)


PYUR – Epoch Sinus [Hotflush]

Elektronische Soundscapes, auch solche mit Beats, sollten am besten über Kopfhörer erfahren werden – zumindest lehrt das die Erfahrung. Faszinierender sind die Kompositionen von PYUR jedoch als Frontalerfahrung über Lautsprecher. Die Dramatik der Stücke entfaltet sich vorwiegend über die Spannungsfelder zwischen gewichtvollen bis treibend rollenden Bässen und Drone-/Ambient-Texturen, dazwischen zuckt und flattert und raunt „Epoch Sinus“ aber auch ständig von nah und fern, links und rechts auf, als navigierte man ein Fahrzeug durch eine klangreiche Landschaft auf einem fremden Planeten. (Uli Eulenbruch)


Chris Forsyth & The Solar Motel Band – The Rarity Of Experience [No Quarter]

„Anthem I“ und „Anthem II“ heißen die ersten beiden Tracks auf „The Rarity Of Experience“ und der Namen könnte als kleines Versprechen für den Rest des Albums nicht besser gewählt sein. Chris Forsyth lässt nichts unversucht, hier auf über 70 Minuten tatsächlich permanent Melodie für Melodie und Instrument für Instrument himmelhoch aufzubauen und zu großen Hymnen auszuschmücken. Zwischen Americana, Art Punk und Krautrock hastet Forsyth samt elektrischer Gitarre unruhig hin und her. Dass er gelegentlich den Faden zu verlieren scheint, kommt dem Album insgesamt eher noch zu Gute, wirkt es hierdurch doch zu keiner Zeit auch nur ansatzweise verkopft oder pedantisch proggy, sondern eher wie ein großer Kindergeburtstag. (Felix Lammert-Siepmann)


U – Vienna Orchestra [Where To Now?]

„Vienna Orchestra“ ist ein kompliziertes und fragmentarisches Werk. Nicht immer wirklich ambient, gerne cellophaniert im Klang und deutlich zerrissener, als es zum Beispiel die letzten Alben Leyland Kirbys waren. U setzt dazu Klänge und Sounds eher nebeneinander, als diese miteinander zu verbinden und lässt dadurch deutlich mehr Luft und Momente zum Atemholen entstehen. In „U2“ verwandelt sich so zum Beispiel ein kurzer Klassik-Moment in ein industrielles Memento, nur um kurz darauf wieder in den Hintergrund zu treten und einer Marsch-Minatur den Vortritt zu lassen. Skizzen werden somit zu Szenen, die zwar nur lose zusammenhängen, aber trotzdem wie in „Resurrexit“ auch immer wieder an Vorangegangenes erinnern und schafft im großartigen „Black Danube“ sogar Beinahe-Dancefloor-Augenblicke. (Carl Ackfeld)


Opposite Sex – Hamlet [Dull Tools]

Das Trio Lucy Hunter (Bass, Klavier, Gesang), Tim Player (Schlagzeug, Gesang) und Reg Norris (Gitarre, Gesang) alias Opposite Sex kommt aus Dunedin in Neuseeland. Neuseeland wiederum ist derzeit wohl die beste Adresse für dichten DIY-Lo-Fi-Noise-Punk, irgendwo zwischen Beat Happening und frühen Birthday Party. Nichts Ungewöhnliches? Doch, denn Hunter singt dabei in einer unvergleichlichen Mischung aus Lieblich-/Niedlichkeit und Frustration/Aggression Moritaten über Verlust („Oh, Ivy“) oder selbstverachtendes Befolgen von falschen Schönheitsidealen, um dann doch nur mit einem versoffenen Proll das Leben zu fristen („Supermarket“). Warum dieses Kleinod geheim ist? Ich weiß es beim besten Willen nicht. (Mark-Oliver Schröder)


Baby Blood – Await The Coven [The Big Oil Recording Company]

Düsterer Trap kommt neuerdings aus Skandinavien. Was überraschen mag, ist das Ergebnis einer wachsenden Hiphopszene zwischen im Dreieck zwischen Oslo, Kopenhagen und Helsinki. Acts wie View und Baby Blood sind dabei die Frontrunner. Letzteres ist das neue Pseudonym der dänischen Rapperin Lucy Love. Eine Beatgewalt erbricht sich von Anfang an auf ihrer Debüt-EP „Await the Coven“, die Baby Blood als „dreidimensionale, spirituelle und monumentale Klangerfahrung“ konzipiert hat. Ein Vorhaben, das ihr zweifelsohne gelungen ist. (Benedict Weskott)


Perhaps Contraption – Mud Belief [Grabby Claw]

Eins der absoluten Gute-Laune-Alben des Jahres stammt von Perhaps Contraption, einer vielköpfigen Post-Jazz-Pop-Marschkapelle-Avantgarde-Truppe aus London. Wem die Zappelphillips von Architecture In Helsinki in den letzten Jahren zu ruhig geworden sind, kann hier bedenkenlos weiterhören. Wie im Zirkus geht es zu, während sich „Mud Belief“ eine quietschfidele Jagd durch alle Gehörgänge liefert. Kunterbunte Flötentöne, bratzige Posaunen und Trompeten, die nicht nur im quirligen „Droplets/Molecules“ und im rhythmisch anspruchsvollen „Lay Low“ durch die Gegend toben – neben dem fabelhaften Pseudo-Sommermitpfeif-Hit „Draining Refrain“ nur die Spitze des in allen Farben des Regenbogens schimmernden Eisbergs. Denn gerade auf der Zielgerade des Albums beweisen Perhaps Contraption auf dem mit tausend Einfällen gespickten „Perambulations“ echte Steherqualitäten. (Carl Ackfeld)


Gaye Su Akyol – Hologram İmparatorluğu [Glitterbeat]

Psychedelische Folk-Pop-Rockmusik war schon lange einer der leichtesten Anknüpfungspunkte für Leute, die man mit türkischen Musiktraditionen unvertraut sind. Noch weitaus breiter ist aber der Referenzen, den man um das zweite Album der Istanbulerin legen könnte: Der Einfluss von Nick Cave scheint hier ebenso durch wie anderorts ein Western-Twang auf den Pfaden von Morricone-Soundtracks wandelt, daneben gibt es Wüstenblues- und Surfgitarren-Ausflüge – und doch driftet Akyol nicht übermäßig von den Traditionen ab, allein schon weil ihr Gesangsstil behutsam oder erhaben erzählerisch die Dramatik der Songs lenkt. (Uli Eulenbruch)


Moor Mother – Fetish Bones [Don Giovanni]

Moor Mother aus Philadelphia hat 2016 fast im Alleingang Rap gerettet und das mit einem Werk, das an Power Electronic, Noise und Glitch geschult ist. Dazu intoniert sie hochgradig politische und verstörende Rhymes aus der afro-amerikanischen Diaspora der Projects und sterbenden Innercities. (Mark-Oliver Schröder)


Kornél Kóvacs – The Bells [Studio Barnhus]

Pantha Du Prince braucht sich vorerst nicht zu sorgen, dass Kornél Kóvacs seinem Bimmeltechno Konkurrenz macht. Dezent läutet die Glocken ohnehin nur auf zwei Stücken des Albums, selbst dort tragen wie auch anderswo auf „The Bells“ aber vorwiegend Vocal-Schnipsel und feine Synth-Motive den elegant hämmernden House-Pop des Stockholmers. In seinen discoid-funkigeren Momenten erinnert der schon mal an seine exzentrischen (stilistischen) Nachbarn DJ Sotofett und Todd Terje, Kóvacs brilliert aber in den Sphären und Tiefen seines Sounds, die ein tiefes Bett für komplexe Perkussivgeflechte und traumhafte Melodiespiele bereiten. (Uli Eulenbruch)


Cakes Da Killa – Hedonism [Ruffians]

Auf „Hedonism“ legt Cakes Da Killa ein atemberaubendes Tempo vor und hält mit Vollgas auf das Establishment des Hiphop drauf, bis alles auseinander fliegt. Thematisch dreht sich die Platte des schwulen Rappers hauptsächlich um Sex, Drogen und Penisse und spart dementsprechend nicht mit vulgären Zweideutigkeiten. Deshalb oder trotzdem wurde „Hedonism“ als Bollwerk der musikalischen Emazipation gefeiert. Die explizite Wortwahl sollte laut Cakes Da Killa aber primär gar nicht unbedingt Aufmerksamkeit generieren, sondern einfach eine adäquate Darstellung seines Liebeslebens sein. Und diese Darstellung ist in ihrer Musik- und Wortwahl eine Wucht! (Benedict Weskott)


Resident Good – It’s Not Enough

„Resident Good is a band“ steht auf der Facebook-Seite von Resident Good aus Dunedin in Neuseeland. Viel mehr Infos finden sich auch auf der dazugehörigen Bandcampseite nicht, doch was dort als Album „It’s Not Good“ zu hören ist, überzeugt auf ganzer Linie. Cold Wave, Post-Punk und mehr oder weniger beschwingter Synthpop werden in verschiedenen Graustufen verknüpft und münden wie im pulsierenden „Away“ schon mal in obskuren Field Recordings. Ganz anders „Dead Summer, Man“, das in all dem sinistren Soundwüten wie ein origineller Fremdkörper erscheint und dessen blubbernde Synthie-Piepser es fast schon partytauglich werden lassen. Eklektizismus im Post-Punk – eine unerhört sympathische Wendung in einem fast zu Tode gerittenen Genre. (Carl Ackfeld)


Crying – Beyond The Fleeting Gales [Run For Cover]

Für hymnische Hände-in-die-Luft-werfen-Rockmusik greifen Gruppen wie Japandroids, The Hold Steady oder Beach Slang konservativ bis nostalgisch auf altbewährte, vertraute Klangkonstellationen zurück. Anders und deswegen auch mitreißender ist das Debüt von Crying, das den synthig-quietschigen Chiptune-Sound vom Muff der Retro-Game-Soundtracks und Nerd-Gimmick-Bands befreit und in Power-Arpeggios von emotionaler Tiefe und Tragkraft transformiert. Mit mehrfach geschichteter Röhrgitarre und druckvollem Schlgzeugantrieb macht das Trio einen lebensfroh funkelnden Rabatz, für den Dananananaykroyd mindestens doppelt so viel Personal brauchten und verschmilzt wie in „Revive“ seine beiden Leadinstrumente derart, dass eh völlig egal ist, ob hier die tasten oder die Saiten gniedeln. (Uli Eulenbruch)


Cities Last Broadcast – The Humming Tapes [Cryo Chamber]

Pär Böstrom ist Kammarheit ist Cities Last Broadcast. Mit seinem Nebenprojekt malt der Schwede zum zweiten Mal dunkle Silhouetten an einen unbestirnten Nachthimmel. Beeinflusst vom städtischen Treiben in den 20er- und 30er-Jahren wirken die Stücke wie ein abgetönter Gegenentwurf zum Ballsaal-Ambient eines Leyland Kirby. Zuweilen knistert der Sound wie in Cellophan verpackt, dann wiederum vernimmt man winddurchzogene Echostimmen. Soundflächen, hohle Schreie, Field Recordings und brummende Fehlgeräusche schwellen an und ab und verwinden sich zu einem Amalgam der Zeit. „The Humming Tapes“ ist durchwirkt von einem feinen Faden der Nostalgie und erinnert in der besten Art und Weise an frühe Schauermärchen und Gruselgeschichten. (Carl Ackfeld)


Cross Record – Wabi-Sabi [Ba Da Bing]

Vor zwei Jahren zogen Emily Cross und ihr Ehemann Dan Duszynski von Chicago nach Texas. Was in den ersten Wochen ein riesiger Umbruch gewesen sein muss, hat sich musikalisch fraglos ausgezahlt. Aus „Wabi-Sabi“ atmen die staubigen Weiten, aber auch die raren Naturschauspiele dieses Riesenstaates. Field Recordings, sanftmütige Perkussion (Special Guest: Thor Harris) und fast schon betörende Melodiebögen sorgen für einen einnehmenden Alt-Country-Charme, wie er zuletzt so plastisch vor einigen Jahren auf dem Comeback von Mazzy Star wahrzunehmen war. Auch wenn das Bild vom Lagerfeuer natürlich längst überstrapaziert ist, kommt man hier nicht umher, sich mit dieser Platte eben genau dorthin zu wünschen. (Felix Lammert-Siepmann)


Hieroglyphic Being – The Disco’s Of Imhotep [Technicolour]

Jamal Moss‘ eklektischer Mix aus experiementellem Techno, Acid House und Balearic verwebt treibende Beats mit sphärischen Synthesziersounds und wirkt damit gleichzeitig rastlos, verträumt und unfassbar im wortwörtlichen Sinn. Auf Hieroglyphic Beings Debüt „The Disco’s Of Imhotep“ ist dieser Widerspruch Konzept, denn Moss hat eine Vision von Musik als heilsamer Kraft: „Es ist Klangheilung, aber die Vorfahren nannten es Requenzmedizin. Medizin ist Heilung und dieses Projekt ist einem der ersten Heiler der Erde gewidmet: Hohepriester Imhotep.“ Statt Aspirin Komplex also vielleicht einfach mal eine Runde Hieroglyphic Being einwerfen. (Benedict Weskott)


ROJI – The Hundred Headed Woman [Shhpuma]

ROJI ist japanisch und bedeutet soviel wie nasser oder auch taufrischer Boden. Dieses Feld bestellen Gonçalo Almeida am Bass und Jörg A. Schneider an den Drums als Projektbegründer, doch lebt der wunderbare, niemals verwaschene Lärm vor allem auch von deren Gästen Susana Santos Silva an der Trompete und Colin Webster am Bariton-Saxophon. Texturierter und konzentriert lärmender Jazz, der sich nur wenig an rhythmischen Mustern orientiert wird geboten, immer wieder durchbrochen von heraneilenden Bläserfetzen und echohaften Loops. In „Sounding Restraint“ entlockt Webster seinem Instrument nahezu animalische Töne, das Titelstück lässt Santos‘ Trompete selbst zur Hydra werden und setzt der aus dräuenden Bassschleifen und wirbelnden Trommelstöcken dargebotenen Szenerie nicht nur eine Krone auf. (Carl Ackfeld)


Mal Devisa – Kiid

Wenn eindringliche Stimme und intimer Sound einander so komplementieren wie bei Mal Devisa, entstehen auf „Kiid“ denkwürdige Momente. Ihr spärlich-folkiges Gitarrenzupfen fängt die Amerikanerin ebenso roh ein wie minimalistisch-maschinelles Trommeln, über dem sie ihr Instrument auch mal verzerrt anknarzen lässt. Die wirkungsvollsten Klangflächen entstehen aber noch nicht mal im Nachhallen vibrierender Saiten oder von Fingern, die übers Griffbrett rutschen, sondern durch diese emotionsträchtige Stimme, die sich gleichermaßen sanft unter die Haut graben und vehement explodieren kann. (Uli Eulenbruch)


Bent Knee – Say So
[Cuneiform]

Grenzenbefreiter, intelligenter, manchmal ein wenig querköpfiger Pop. Solche melodieseligen Ausformulierungen, wie sie Bent Knee auf ihrem mittlerweile dritten Album zelebrieren und sie mit Genreversatzstücken aller Schubladen füllen, ist selbst mit „eklektisch“ kaum noch zu beschreiben. Pop trifft auf progressive Avantgardeausflüge, dazwischen verirren sich die Bostoner in metallenen Gefilden, schrecken auch vor alternativen Rockmomenten nicht zurück und fügen wahlweise Jazzrhythmen und Kirmesorgeln hinzu. Dass sie darüber hinaus mit „Hands Up“ einen wohlfeilen Sommerhit für andere Welten dabei haben, und Sängerin Courtney Swain mit ihrer Stimme wirklich abenteuerliche Kapriolen schlagen kann, sorgt dafür, dass „Say So“ trotz reichhaltigster Zutaten nicht zum wahllosen Sammelsurium wird. (Carl Ackfeld)


Muscle & Marrow – Love [The Flenser]

Doom-Veröffentlichungen, darunter sehr gelungene, gab es auch in diesem Jahr wieder zuhauf, meist umzogen von einer schweren, alles in sich aufsaugenden Geräuschkulisse. Muscle & Marrow gehen die Sache auf ihrem zweiten Album etwas anders an, befreien sich immer wieder vom donnernden Drumherum und legen ein ums andere Mal den zerbrechlichen und schmerzvollen Kern frei. „Love“ ist mehr als nur eine emotionale Achterbahnfahrt, schlagartig wechselt Sängerin Kira Clark zwischen Hoffnung, Trauer und bitterer Schwermut. Wenn sie damit ganz alleine steht, von einem auf den anderen Moment verlassen von fast sämtlicher Untermalung, erschafft sie die stärksten Momente des Albums. (Felix Lammert-Siepmann)


Kero Kero Bonito – Bonito Generation [Double Denim]

Trügerisch banalen Themen und naiven Formulierungen nutzen Kero Kero Bonito für jene Art von Subversion, die besonders gut zu eingängigem Pop passt. Zugleich twee und merkwürdig finden sich so Songs über Ohrwürmer und Ansagen ans Radiopublikum neben adoleszenter Ungewissheit und Kritik an der Leistungsgesellschaft zu Beats, die das Trio auch mit ein paar Bpm mehr durchziehen könnte, in solchem Tempo aber mehr Atemraum für das Dazwischen lässt. Aus derart überschaubaren Klangelementen, dass sie live auch von Hand nachspielbar bleiben, spielen Kero Kero Bonito so wissentlich mit Trendklischees von Mustardwave oder Plinker-Alt-Pop wie mit Jackin House, inklusive Genrereferenz in den Texten. „Bonito Generation“ ist smarter Pop ohne separate Manifeste, dem man die Thesen aus und zwischen den Zeilen herauslesen mus – wenn man an so etwas interessiert ist. Ansonsten ist „Hey Parents“ der herzigste, sorgloseste, ohrwurmigste Ausdruck von Erwartungsdruck in diesem Jahr. (Uli Eulenbruch)


Rïcïnn – Lïan  [Blood Music]

Die Französin Laure Le Prunenec nennt sich Rȉcȉnn und hat mit „Lȉan“ ein Solodebüt veröffentlicht, dessen Eckpunkte sich kaum in gut hundert Worten wiedergeben lassen. „Avantgarde zwischen Dead Can Dance und Björk“ sagt der eine, „neoklassisch geprägter Post-Metal“ der andere, ein dritter spricht vielleicht über „von barockem Klang durchzogene Kunstlieder aus dem Morgenland“. Manchmal sirupsüß wie Lisa Gerrard, dann ähnlich geheimnisumwittert wie Chelsea Wolfe herrscht Le Prunenec stimmlich über ein Reich der Finsternis, umschlungen von sinfonischer Wucht. In seiner Gesamtheit ist „Lȉan“ dabei prunkvoll wie ein osmanischer Palast und vielfältig wie ein Perserteppich und kreuzt nicht nur im herausragenden „Sian Lȉan“ mittelalterlich anmutende Exotik mit wehmütigen Klagegesängen. (Carl Ackfeld)

Ein Kommentar zu “AUFTOUREN 2016 – Geheime Beute”

  1. Marcel sagt:

    Vielen Dank für den Tipp mit Mal Devisa und ihrem Album Kiid!

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