AUFTOUREN 2016 – Die EPs des Jahres

Dance, Punk, zunehmend Pop und auch R’n’B: Für viele Musikformen beweist sich das kürzere Format oft als das bessere. Oft ist es auch die Chance für Talente, die (noch) nicht die Gelegenheit bekommen haben, ein ganzes Album zu machen. Und wie oft hat man schon in einer Rezension etwas von „hätten besser eine EP als ein Album draus gemacht“ gelesen, ohne dass an gleicher Stelle auch einmal auf jene EPs eingegangen würde? Gründe genug, hier für 2016 die herausragenden EPs des Jahres zusammenzustellen:


36

Thunder Tillman

Jaguar Mirror [ESP Institute]

Krautig-softe Groove-Exkursionen mit Sonnenblick, deren knöcherner Saitenklang und schlurfige Perkussion ein Stück weit an die Göteborger Studio erinnert.


35

Silk Road Assassins

Reflection Spaces [Planet Mu]

Es gibt im Post-Grime ähnlich klingende Produktionen, aber vielleicht braucht es erst wie hier ein Trio, um eine derartig sorgsame Balance aus eisiger Atmosphäre und wohlgeformten Bässen in Gang zu setzen.


34

Sløtface

Sponge State [Propeller]

Punkiges Geschrammel mit konstantem Antrieb, Melodiegespür in Stimmen und Saiten und den ausgewählten momenten, um wie im Finale das druckvolle Zusammenspiel des Quartetts hervorzuheben.


33

Terence Fixmer

Beneath The Skin [Ostgut Ton]

Ein sinnlich technoides Destillat aus Acid und EBM, das wahlweise in die Beine oder unter die Haut geht – oder beides zugleich.


32

Charli XCX

Vroom Vroom [Vroom Vroom]

Selten wird Pop aufgrund von Soundästhetik so extrem meinungsspaltend wie das rabiate Zusammentreffen von Charli XCX mit PC Music – aufregend ist die dekonstruiert-cartoonige Maschinenelektronik zuallermindest.


31

Dark0

Oceana [XL / Beggars]

Die Adele-Millionen nutzte Richard Russell dieses Jahr vor allem dazu, sich und seinem Label großartige Club-EPs zu schenken. Neben Mssngno oder Gila stand der Beitrag von Dark0 dabei vor allem mit seiner traumhaft-malerischen Beatwelt heraus.


30

GAIKA

SPAGHETTO [Warp]

Nach seinem Warp-Signing drehte der Londoner erst richtig auf und brachte neben seinem Album auch noch diese 8 Stücke starke EP heraus, deren politisch-futuristische Tracks er mit Rauschen und Dissonanz aufreibend unterstreicht.

29

Sheer Mag

III [Static Shock]

Trotz ihres immens angewachsenen Bekannheitsgrades polierten Sheer Mag ihren Sound nur unwesentlich und blieben auch in Form und Qualität ihres angepunkten Classic Rock/Power-Pop wie gehabt: Bestechendes Songwriting, mitreißend performt.


28

Emmecosta

Untied [Icons Creating Evil Art]

Zwischen knallbunt und Grauton wählen Emmecosta im zweifelsfall Letzteres. Als wäre ihr maßvoller Electropop mit Saxophon- und Klavierzugaben noch nicht eigen genug, bietet ihr Debüt klanglich vor allem aber auch eine Vielschichtigkeit, der das Ohr in mehr als einer Richtung folgen kann.


27

D∆WN

Infrared [Fade To Mind]

Dawn Richard ist nicht die erste R’n’B-Künstlerin, die mit den Club-Dekonstrukteuren von Fade To Mind zusammenarbeitet, doch mit Kelela wird sie so schnell niemand verwechseln. Während Kingdom die Klangbreite für seine Verhältnisse noch weiter runterdimensioniert, legt Richard umso mehr Schmelz in ihre Stimme und fließt emotional reichhaltig über die hämmernen Beats.


26

Kelly Lee Owens

Oleic [Smalltown Supersound]

Dass Owens einen Song von Jenny Hvals Vocals in den Club umlenken konnte, bereitete ihr schon letztes Jahr Aufmerksamkeit als Remixerin. Mit diesem tiefgründig-hypnotischen Techno beweist sie, dass ihre Originale dem in nichts nachstehen.


25

ES

Object Relations [La Vida Es Un Mus]

Schwer zu sagen, ob der aufgequollene Synthesizer oder die Sängerin die ungemütlicheren Noten anschlagen, mit ordentlich Verve versinkt der brummige Postpunk des Quartetts jedenfalls weder in psychedelischen Schwaden, noch in Einheitsgeschrammel.


24

Carly Rae Jepsen

E•MO•TION Side B [School Boy / Interscope]

Nicht nur sind hier tatsächlich ein paar der zahlreichen Songentwürfe von Jepsens letztem Album ausformuliert, in bester Poptradition finden sich neben fürs Albumformat ungeeigneter Exzentrik („Store“) auch so eine Glanzleistung wie „First Time“, das die Krönung von „E•MO•TION“s Latin-Freestyle-Ambitionen darstellt.


23

OKZharp & Manthe Ribane

Tell Your Vision [Hyperdub]

Für DJs von größerem Interesse war wohl, dass OKZharp dieses Jahr sein Gated-Riddim veröffentlichte, seine zweite Zusammenarbeit mit Vokalistin Ribane brachte aber erneut eine herrlich idiosynkratische … nun ja, Vision südafrikanischer Clubsounds zustande.


22

Mark Johns

Molino [OWSLA]

Standen Hundred Waters stets merkwürdig aus dem OWSLA-Katalog heraus, muss man sich spätestens mit diesem Pop-Debüt vom beschränkten Image des Radau-Bass-Labels verabschieden. Dennoch bleibt hier neben dem Songwriting mindestens ebenso wichtig der klangliche Feinabschluss, der den spielerisch lebhaften Produktionen eine Extraschicht Wärme auflegt.


21

Amnesia Scanner

AS [Young Turks / XL / Beggars]

Aufgekratzte Texturen, viel Noise, Stimmen bis zur Unkenntlichkeit verfremdet und dreifach kleingehackt wie fürs Steak Tartare, hysterischer Arpeggiokoller – und dennoch, bei allen Endzeit-Höllen-Tönen sind diese Produktionen auf eine Perverse Art vor allem vergnüglich.


20

Rival Consoles

Night Melody [Erased Tapes]

Rival Consoles zeigt sich beim EP-Format deutlich überlegen zu seinem letztjährigen Album. Wo „Howl“ zu überfrachtet war, ist „Lone“ in Arrangement und Dynamik bedachtvoller, wo der Sound wenig einprägsam war, fährt „Johannesburg“ sich als eine harmonisch-texturelle Offenbahrung aus, die jede ihrer sieben Minuten Entfgaltungszeigt anders und sinnvoll nutzt.


19

Eryn Allen Kane

Aviary: Act II [1552]

Die seltene Fortsetzung, die alle (in diesem Fall Soul-)Qualitäten des ersten Teils beibehält und denkwürdige neue Momente bereithält, anstatt bereits bekannte zu wiederholen. Kanes kraftvolle Stimme bleibt derweil für ebensolche Momente prädestiniert.


18

Jefre Cantu-Ledesma

In Summer [Shining Skull / Geographic North]

An der Schwelle zur Ungreifbarkeit residiert der wortlose Traumpop Jefre Cantu-Ledesma. Mal an frühe Washed Out, mal mehr an Fennesz erinnert es, wenn die melodischen Lichtstrahlen dieser Stücke verschwimmen wie beim Blick durch eine defekte Taucherbrille, die sich mit Wasser gefüllt hat.


17

Vince Staples

Prima Donna [Def Jam]

Auch seinen Aufstieg in den Major-Rap sieht Staples so skeptisch, wie er ihn hintersinnig ausdrückt – nicht ohne Grund wählt er sich einen A$AP Rocky als „Prima Donna“-Gast. Störrisch, minimalistisch, geradewegs seltsam sind derweil die Beats, die ihn begleiten und nicht gerade wie kommerzielle Erfolgsgaranten erscheinen.


16

LOFT

Turbulent Dynamics [Astral Plane]

Einmal das volle Programm des Perkussions-Workout. Hier wird gerollt und gefillt, es rappelt, scheppert und tickert – selten aber als Teil eines großen konstanten Rhythmusgerüstes. Öfter enden diese Tracks in ambienten Schwebezuständen, die sie sich nach einiger Hibbelei auch gehörig verdient haben.


15

Rolling Blackouts Coastal Fever

Talk Tight [Sub Pop]

In ihrem Heimatland brachten die Melbourner diese Songs schon Ende 2015 Jahres raus, doch aus gutem Grund dauerte es fast ein Jahr, bis sie auch hierzulande reibungslos verfügbar waren. Mittlerweile ist der Vertrag der Band bei Sub Pop unter Dach und Fach und wieso der ungemute, so gar nicht stereotypisch sorglose Jangle dieser Band so viel Anklang gefunden hat, das können bis zum kommenden Album alle selbst nachhören.


14

MUNA

The Loudspeaker [RCA]

So zeitgemäß das Trio mit seinem wattig nachhallenden Soft-Pop auch klingt, bekommt es spätestens mit seinen Texten einen klaren Charakter. Deren Inhalt reflektiert der Vortrag Katie Gavin, wie im verbos-aufgeregten Gedankenstrom von „Winterbreak“, ebenso clever wie MUNA ihre Vocals in „Promise“ in- und umeinander weben.


13

Marcellis

Sleep [Nonplus]

Allein schon dieser Titeltrack, enigmatischer Spoken-Word über minimalistischem Schlagwerk-Schlurf, hätte eine fruchtbare Blaupause für ein ganzes Werk abgeben können – dessen aschig-verruste Ästhetik schafft der Niederländer aber auch dort noch beizubehalten, wo handfestere Grooves zu sprunghaftem Funk oder gar psychedelisiertem Irrflug ansetzen.


12

Kali Mutsa

Mesmer [ENDMK]

Sowohl die kommerziell erfolgreichen Strömungen des Pop als auch so ziemlich sämtliche Alternativen wirken auf einmal verdammt beschränkt, wenn man hört, was die Chilenin hier so alles zusammenführt. So ziemlich von allen Kontinenten zusammengepflückte Dance-Traditionen aus vergangenen und aktuellen Jahren werden hier tollkühn umgepflügt oder kopfan ineinandergerammt, während Mutsa singt, als stünde sie im Kontakt mit anderen Dimensionen.


11

Mélanie De Biasio

Blackened Cities [PIAS]

Die eine, ideale Art von EP gibt es nicht – sehr wohl aber Konzepte, für die sich das Format bestens eignet. Dazu gehört das des einzelnen, langen Stückes wie dieses von Melanie De Biasio, das sich von droniger Geräuschszenerie in erst tasten-, dann flötenbelegten Großstadt-Jazz wandelt, immer ein Raunen im Hintergrund, das gen Ende noch einmal einen Umschwung einleitet.


10

Daughn Gibson

Vas 1 [El Ed Eb]

Frage in die Runde: Hat irgendwer mitgekriegt, dass Sub-Pop-Künstler Daughn Gibson dieses Jahr neue Musik rausbrachte? Tja, ohne PR-Meldung kann wohl selbst sowas völlig untergehen – umso irrsinnger, weil diese vier anmutigen Songs des Post-Country-Crooners zum Besten gehören, was er und sämtliche LabelkollegInnen dieses Jahr veröffentlicht haben.


9

serpentwithfeet

blisters [Tri Angle]

Alle Elemente zusammengenommen könnte es ein einziges großes Schmalzfest werden, doch auch mit operesken Hörner-, Streicher- und Paukenzügen wirkt „four ethers“ in der EP-Mitte eher understated. Das liegt neben der sparsamen Begleitinstrument-Einstreuung auch daran, dass serpentwithfeet seine eigene Stimme etwas tiefer in den Mix setzt und seine Worte eher schnell auf einmal heraussingt als sie in melismatischem Grandeur aufzuhängen, als stünde er unter der Dusche anstatt auf einer großen Bühne.


8

Ziúr

Taiga / Deeform [Infinite Machine / Objects Limited]

Über gleich zwei gleichermaßen starke EPs breitet die Berlinerin ihre industrielle Beatvision aus, in der quuere Vogue-Einflüsse eng umwunden mit noisigen Post-Grime-Elementen wild aufzucken. „Deeform“ ist dabei weniger chaotischer Kladderadatsch, dafür nutzt Ziúr die Freiräume und Ruhezonen, um den Texturen mehr Form zu verleihen und auch höherfrequente Perkussionen nahezu meditativ einwirken zu lassen.



7

G.L.O.S.S.

Trans Day Of Revenge [Sabotage]

Es blieb auch 2016 dabei, dass die leibhaftigsten Punk-Werke von gesellschaftlich Marginalisierten kamen. Vor allem auf Seiten Queerer und Transgender nutzen Bands wie HIRS und G.L.O.S.S. die Wucht und Wut des Hardcore, um sich Luft zu verschaffen, aber auch als Ausdruck der Widerstandsfähigkeit.


6

Fhloston Paradigm

Cosmosis Vol. 2 [Hyperdub]

Mit seinem Alias Fhloston Paradigm und der „Cosmosis“-Serie läuft King Britt zu neuer Hochform auf. In nur drei Stücken bildet der zweite Teil einen Brückenschlag vom Blubbern früher Synth-Experimente über ausgedehnte 70er-Trips bis zu modernen Flacker-und-Klacker-Beats, alle mit verbindend modernen Zügen, vor allem aber aus einer ähnlichen elementaren Tiefe ihre Wirkung beziehend.


5

ABRA

Princess [True Panther / XL / Beggars]

Die „Dark Wave Duchess“ setzt den DIY-Triumphzug des letztjährigen „ROSE“ im Mittelkurzformat fort. Die Vocals sind etwas aufgeklart, vor allem aber auf Seiten der Beats gibt es eine merkliche Bewegung fort von den zerknitterten Fertig-Drums hin zu modernen Bässen mit mehr Low End.. Das Wichtigste aber: Ihre idiosynkratischen Stärken als Texterin und Vokalistin behält sie bei.


4

SEEKERSINTERNATIONAL

RaggaPreservationSociety [Diskotopia]

Das wohl WTF-igste Werk in dieser Liste kommt vom SEEKERSINTERNATIONAL-Kollektiv. So haarsträubend wie erhaben chaotisch führen die Tracks völlig naheliegend Vintage-Dub in Jungle-Breakbeats über, die jedoch als schräge Mutationen mal einen Tastenanschlag anstelle der gewohnten Snare nutzen, das rhythmische Gewicht auf einen langgezogenen Bass umlegen oder verwirrend den Faden verlieren und anderswo wieder aufnehmen. Klingt komisch, ist grandios.


3

Avalon Emerson

Whities 006 [Whities]

Dass ihre zweite EP des Jahre bereits auf der Labelgröße Ghostly rauskam, lässt sich als Erfolgsbeleg für Avalon Emersons 2016 lesen – interessanter ist aber, dass „Narcissus In Retrograde“s knarzige, pumpende Tiefen sich so von „Whities 006“ unterscheiden wie jene von den vorherigen EPs. Bemerkenswert ist aber mehr als alles andere, was für einen immensen Eindruck diese beiden Tracks hinterlassen, wie sie mit sirrenden, gebogenen Synthmelodien cineastische, utopische Landschaftsweiten evozieren, bevor man überhaupt die dazu passenden Titel kennt.


2

Lorenzo Senni

Persona [Warp]

Wer mit gewissen Sounds zu dick aufträgt, kann noch so originelle Beats drum herum legen, es bleibt ein flacher Eindruck hinterlassen. Lorenzo Senni zerlegt seine trancigen Synths nicht nur, er findet auch neue Wege für einen funkelnden Melodie-Appeal zwischen den potentiell verkopften Kniffel-Rhythmiken. Mal spielt der Bass die harmonischen Noten, mal zeichnen sie unter quietschig-dissonanten Haupttönen aufblinkende Synth-Blitze oder auch mal eine synkopierte Kombination aus beiden.


1

Abyss X

Mouthed / Nüshü [Halcyon Veil / Infinite Machine]

Zwei herausragende und dabei so unterschiedlich orientierte EPs, die dennoch deutlich die gleiche Signatur tragen, innerhalb von nur zwei Monaten – das schindet Eindruck. Während das verzerrungsreiche, noisige „Nüshü“ über zerklüftete Endzeit-Sounds die Wut und Ohnmacht der gebürtigen Griechin über die Entwicklungen in ihrem Heimatland und ihre Erfahrungen als Immigratin in den USA widerspiegelt, offeriert „Mouthed“ vergleichsweise eine geradezu intime Wärme. Stimmen schwirren stets im Hintergrund, im beklackerten Schweben des finalen „Blowback“ tritt Abyss X selbst in den Vordergrund und erinnert an die dekonstruierte Sinnlichkeit von FKA twigs – aber das ist auch schon der anschmiegsamste Extrempunkt.


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