Der Liedschatten (44): Alle halb so wild


Die Rolling Stones, das ist, einige werden sich erinnern, die Band, deren Mitglied einst Brian Jones war und die es sich nach dessen Austritt und Ableben 1969 nicht nehmen ließ, weiter Musik zu spielen; erst Bluesrock, dann Rock und mittlerweile wohl Classic Rock. Ihnen noch nie in irgendeiner Form begegnet zu sein ist ebenso unwahrscheinlich wie ihnen gegenwärtig nicht zu begegnen. Und warum auch nicht? An eine Band, die Alben wie „Aftermath“, „Their Satanic Majesties Request“, „Beggars Banquet“, „Sticky Fingers“ und „Exile On Main St.“ veröffentlicht hat, kann man sich ruhig erinnern. Auch dann, wenn nicht immer klar ist, welches Maß der Achtung dabei angebracht wäre.

Eines aber ist gewiss: So konservativ wie die Rolling Stones ist kaum eine Rockband. „Konservativ“ hat in diesem Sinne nichts mit irgendeiner politischen Haltung zu tun, sondern soll nur besagen, dass die Band seit rund 40 Jahren damit beschäftigt zu sein scheint, ein bewährtes Geschäftsmodell mitsamt ebenso bewährter Corporate Identity nicht zu verändern, und das gelingt nun einmal nur Wenigen. Außerdem beruhten die Befürchtungen, die man Mitte der 60er Jahre angesichts einer Gruppe langhaariger Männer mit elektrisch verstärkten Instrumenten zu hegen müssen glaubte, auf einem Irrtum der Medien und höheren Gesellschaftsschichten. Es mag zwar recht neuartig gewesen sein, was Bands wie sie vortrugen, am Ende aber wollten sie nur ihre Musik spielen, keine Welt verändern. Das bemerkte das Establishment nach und nach, die Stones hingegen blieben, was sie waren. Nur Jagger wurde 2003 zum Ritter geschlagen, mochte er auch 1968 „I’ll kill the king / I’ll rail at all his servants“ gesungen haben. Aber das waren eben nur ein Songtext, eine Phrase, den King gab’s gar nicht, und schließlich: „Well, what can a poor boy do / Except to sing for a rock n roll band“? Und was singt man? Der Zeitgeist gibt’s ein, alles halb so wild, immerhin kam die Steuerflucht der Stones auch erst 1971, man hatte ihnen also nichts vorzuwerfen außer vermeintlicher Schmuddeligkeit, als offensiv empfundene Sexualität und Drogenexzesse.

Dessen eingedenkt wächst die Versuchung, in die Runde blickend und von Seufzern begleitet zu fragen: „Ach, wo sind sie nur hin, die schönen Tage niedrigschwelliger Provokation? Heute müsste man schon mittelschwere Straftaten begehen…“.
Warum aber die Provokation alter Art vermissen? Wer sich zur Erschütterung der gegenwärtigen Ordnung bemüßigt fühlt, braucht mehr als ein wenig Individualität und Hedonismus. Die nämlich sind, bedenkt man, wann sie als für jeden anzustrebende Ideale aufkamen, eben nichts weiter als konservativ, mochten sie auch anfangs schockierend gewirkt haben. In den 60ern erfolgte die Etablierung einer Jugendlichkeit, der man durch Konsum Ausdruck verleihen konnte. Als Folge davon ist kein Bereich mehr unberührt von Mode, Stilfragen und veräußerbaren Identitäten. Arbeit, Kleidung, Nahrung, die bevorzugten Vehikel, alles, und auch die Musik, hat eine Bedeutung, die über den bloßen und offensichtlichen Gebrauchswert hinausgeht. Man kann „ganz man selbst sein“, indem man entsprechend konsumiert. Was einst Provokation war, ist heute Schmuck, war damals schon Schmuck, wenn auch ungewohnter. Wer aber eine Gesellschaft verändern möchte, sollte sie nicht zu schmücken versuchen.

The Rolling Stones “The Last Time”, Mai – Juni 1965

In der zweiten Hälfte der 60er scheint man Musik ernster genommen zu haben, vielleicht glaubte man an die Notwendigkeit, das Leben den Songs anzupassen. Auf einen solchen Gedanken wäre man angesichts der bisherigen Hits der Jahre ’60-’65 kaum gekommen, nur in Ausnahmen fanden sich dort Texte, denen man Lebenswirklichkeit hätte zusprechen können. Darin wurde geliebt, es wurde gesehnt, man lobsang der Erfüllung geduldig gehegter Wünsche oder aber alles war Nonsens. Was sollte auch der Text schon aussagen, man tanzte zu Musik, mehr war sie nicht schuldig, und solange das ging, war die Welt in Ordnung.

Wie aber sollte man zu „The Last Time“ tanzen, wenn man nur Standards beherrschte? Erklärten das die jungen Herren aus England, um deren Lied es sich doch immerhin handelte? Wollten sie überhaupt irgendetwas erklären? Vielleicht ihre Liebe?

fragen_richardNun, das ist in diesem Fall so eine Sache. „Well I told you once and I told you twice / But ya never listen to my advice / You don’t try very hard to please me / With what you know it should be easy / Well this could be the last time / This could be the last time / Maybe the last time / I don’t know. (…) It’s too much pain and too much sorrow / Guess I’ll feel the same tomorrow“. Die Situation also ist die folgende: Er sagt es ihr und er sagt es ihr wieder, sie aber schafft es nicht, ihn zu erfreuen, und ihm geht’s mies, daran wird sich auch nichts ändern. Ob die Sache nun also weiterhin Sinn macht oder nicht, wer weiß … er nicht. Keine Rede davon, dass sie ihm untreu sei, sie kann ihn halt nicht „pleasen“, er ist launisch und legt nicht sehr viel Wert auf eine gemeinsame Zukunft. Und dann noch der Klang, die Läutstärke der Gitarren, der monotone Rhythmus … nein, so etwas mochte man seine Kinder nicht hören lassen. Wer aber waren das? Dieselben jungen Leute, die vor ein paar Wochen noch Ronnys letzte Single kauften? Man kann es leider nicht mehr wissen, unklar ist, wie sich die damalige Käuferschaft zusammensetzte, was viele Überlegungen so offensichtlich spekulativ macht, wie sie es eh schon sind, was man aber ansonsten nicht zugeben mag. Die Quellenlage ist also letztendlich eher schlecht, anders als bei „The Last Time“, einem Jagger/Richards-Song, dessen Qualität von der vorherigen Existenz dieses Liedes hier profitierte:

Gegen ein gutes Zitat ist aber nichts einzuwenden, und Lieder konnten die beiden schreiben. Dass sie sie heute nur noch spielen können und damit in einer Welt, „in der die Gründung einer Band nichts anderes darstellt als den Besuch von Klavierstunden“ (sinngemäßes Zitat nach entfallener Quelle) nicht allein sind, ist ein wenig traurig, macht den Song aber nicht schlechter.

13 Kommentare zu “Der Liedschatten (44): Alle halb so wild”

  1. Schlag mich, aber so ganz verstehe ich nicht, was du den Herren Jagger und Richards vorwirfst. Meines Wissens veröffentlichen sie nach wie vor neue Alben, ich fand A Bigger Bang durchaus ok. Das ist mehr als man den ganzen durch die Lande tingelnden Oldie-Bands nachsagen kann, die seit 30 Jahren keine neue Hookline vorzuweisen haben. Und letztlich haben sich die Stones auch nicht verbogen, sind weitaus weniger gesittet als ein McCartney, der ein Leben als harmlos-biedere Legende lebt. Da lobe ich mir die Gigantomanie, mit der die Stones auch noch in den letzten Jahren auf Tour gingen und mit viel Elan die Bühne rockten. Das ist weniger konservativ als vielmehr authentisch. Ich bin nun wirklich kein Fan der Stones und würde mich höchstens auf die obligatorische Frage, ob man die Beatles oder Stones präferiert, zu einem glasklaren Stones als Antwort durchringen.

  2. Lennart sagt:

    Mhm… vorwerfen? Nein, vorwerfen möchte ich ihnen nichts. Nur halte ich sie für überschätzt. Und klar sind die Tingelbands schlimmer, was aber die Stones nicht spannender macht. Mit denen ich über die genannten Alben hinaus aber nun wirklich nichts anfangen kann, und das ist dann wohl die Grundlage des Geschriebenen. Tatsächlich aber haben sie einige überdurchschnittlich gute Songs verfasst, jedoch aber, und vielleicht werden wir deshalb nicht einer Meinung sein können, weitaus weniger als die Beatles (-: .
    Authentisch sind die Stones wirklich, bloß habe ich das im Text, keinesfalls wertend, als „konservativ“ bezeichnet.

  3. […] wir uns in der letzten Woche noch mit dem für die oberen Regionen der Charts eher untypischen „The Last Time“ der Rolling Stones auseinandersetzen, so ist die Welt nun plötzlich wieder in Ordnung. In […]

  4. Sven sagt:

    Die Stones waren, sind und bleiben eben gerade nicht der Gegensatz zu den Beatles, sondern deren direkte Vorreiter. Sie haben den erste Stoneshit („I wanna be your man“) geschrieben und waren auch sonst recht dicke mit den Stones. Selbige haben nach dem Ausscheiden des Brian Jones meines Erachtens nach, nicht mehr wirklich Großartiges geleistet, von einzelnen Songs abgesehen. Betrachtet man Popmusik auch danach wie innovativ sie zu ihrer Zeit war, bleibt den Rolling Stones eigentlich nur ein kleines Verdienst: Fade-in und -out, zuerst bei den Beatles. Streicher in einer Rockband, zuerst bei den Beatles. Rückwärtslaufende Spuren, zuerst bei den Beatles. Schnittmengen mit Musik die nicht aus dem Okkzident stammt (Sitar bei „Norwegian Wood“) zuerst bei den Beatles. Die Entscheidung sich der Vermarktung und dem Verheiztwerden auf Tourneen zu entziehen, und nicht mehr auf Tour zu gehen, um als Künstler arbeiten zu können, nur bei den Beatles. Die Gründung eines eigenen Labels, zuerst bei den Beatles. Diese Liste ließe sich bis zur Heftigkeit der Skandale (die Beatles hatten einfach ein besseres Management, das alles schneller gedeckelt hat. Und die Vermarktung erfolgte eben nicht über die vermeintlich höhere Härte gegenüber Mitbewerbern am Markt. Ein Zeichen, nebenbei bemerkt, übrigens auch dafür, wer hier das Original ist) endlos fortsetzen und die Beatles wären jedes Mal innovativer, origineller, härter und letzlich in jedem Feld siegreich. Das die Rolling Stones konservativ geworden sind, und das schon relativ früh nämlich nach 1970, kann ich nur unterschreiben. Es fehlt bis auf eventuell Textzeilen jegliches Bemühen in irgendeiner Form innovativ zu sein. Das äußert sich zuletzt in den Ausbruchsversuchen eines Mick jaggers, der auf seinen Soloplatten und Kolaborationen ja durchaus andere Wege geht. Die Stones sind und bleiben wohl das immer gleiche Abziehbildchen ihrerselbst. Und das, mit Verlaub gesagt, ist Stagnation aus Profitinteresse und damit nichts anderes als konservativ. So, das musste mal raus. Dieses ewige Glorifizieren einer aufgesetzten Rüppelhaftigkeit hält man ja im Kopf nicht aus…

  5. Nochmals zum Mitschreiben: Eine Band, die mit so epochalen Song-Lyrics wie „She loves you, yeah yeah yeah“ durchgestartet ist, also veritablem Boyband-Geblöcke, sollte man nicht mit Heiligschein versehen, durchaus hinterfragen. Diese Geschichtsklitterei hinsichtlich der Beatles ist durchsichtig.

    Natürlich haben die Stones nach 1970 mit Sticky Fingers und Exile on Main St. große Alben gemacht, was war eigentlich zu dieser Zeit mit den Beatles? Ach so, klar, schon aufgelöst. Gut so, denn ein Lennon konnte nun endlich ohne den Ballast der anderen 3 Pilzköpfe seine Genialität ausleben.

    Ach ja noch etwas. Beatles oder Stones ist eigentlich ohnehin eine falsche Fragestellung. Weil The Kinks oder The Doors natürlich in jeder Hinsicht Großartigeres geschaffen haben. Das kann ich auch jederzeit genauer begründen…

  6. Lennart sagt:

    The Kinks? Okay, das lasse ich angehen, zumindest Großartiges, Großartigeres eher nicht (doch, als die Stones. Aber nicht die Beatles). Aber The Doors? Daran zweifele ich.
    Ansonsten ist es schön, wie emotional hier dann doch argumentiert wird. Und klar wollte die Beatles Erfolg haben, sogar so ziemlich auf Teufel komm raus, und da gehört dann „She Loves You“ dazu. Ändert aber nichts an ihrem Gesamtwerk, und eine Boyband waren sie wieder im damaligen noch heutigen Sinne, es sei denn, eine jede Band mit riesen Marketingtrallala ist eine Boyband.
    Jedenfalls wäre ich gespannt, warum ausgerechnet die Doors Großartigeres als Stones und Beatles gebracht haben sollten.

  7. Hmm, war ich wirklich emotional? Na, ich hoffe die Contenance gewahrt zu haben. The Kinks waren in jeder Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung, die durchaus dem Zeitgeist entgegen traten, den andere Bands voller Inbrunst umarmten. Ray Davies, Mastermind der Kinks, vermochte in seinen Texten mit feiner Beobachtungsgabe Verlierer und gesellschaftliche Außenseiter nuanciert zu porträtieren, damit auch ein Stückchen englische Lebenswirklichkeit musikalisch aufzubereiten. So habe ich mal auf meinem Blogs die Kinks gelobt. Weil sie die Umwälzung in der britschen Ober- und Mittelschicht abbildeten. Sunny Afternoon, A Well Respected Man – Songs von essentieller textlicher Substanz.

    Zu den The Doors schreibe ich demnächst mehr, viel mehr.

  8. Also auf die Doors-Begründung bin ich auch schon sehr gespannt…

    Was an den Stones so unangenehm berührt, ist die bemühte Aufgesetztheit des Sängers und der Person Jagger. Das konnte ein McCartney fundierter, ein Lennon mit mehr Schauspielkunst und unbedingtem Willen zum Wandel und ein Harrison ist sowieso ein Heiliger. Die Stones haben neben dem erwähnten Gockel Jagger nur Richards und seine Drogen (immerhin…) und Brian Jones und seinen Tod. Mehr nicht.

    Ein Ansatz zum Stones-Dilemma: Die Rolling Stones haben wahrscheinlich zu früh ihre Nische gefunden: Ein prägnantes Riff und darauf irgendein anzüglicher Jagger-Gesang. Das war es, was sie (teilweise sehr gut) konnten und was sie über die Jahre… äh… perfektionierten.

  9. Lennart sagt:

    Bei den Kinks gehe ich mit, die sind aus den von Dir, Christoph, genannten Gründen wirklich großartig, auch noch aus ein paar mehr, wobei sie damit auch nicht die Beatles toppen…
    Neben den genannten Stücken gibt’s natürlich auch noch die ganzen Alben Something Else, Face To Face, The Kinks Are The Village Green Preservation Society… wirst Du ja kennen, ich kenn‘ sie auch, aber nein, den Beatles laufen sie nicht den Rang ab.
    Und das „emotional“ war natürlich wohlwollend gemeint.

  10. Pascal Weiß sagt:

    Gutes Stichwort: Morgen erscheint die Mono-Box der Kinks. Immerhin alle Alben bis „Arthur“ enthalten, zusätzlich Mono Collectables und diverse EPs.

  11. Lennart sagt:

    Ui… klingt gut!

  12. […] Hits meist passiv, sie waren Adressatinnen („Kleine Annabell“), mussten Rügen hinnehmen („The Last Time“), litten still vor sich hin („Liebeskummer Lohnt Sich Nicht“) oder wurden keck erobert […]

  13. […] feines Jahr, dieses 1965: erst Petula Clark, dann bisher zweimal die Rolling Stones und nun, ähem, Drafi Deutscher. Nein, ganz im Ernst, der Mann, der seine Karriere nach den […]

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum