Der Liedschatten (41): Viel Teufel, wenig Detail

Vorbei ist’s mit dem Jahr 1964, und was für ein tolles Jahr war das doch. Immerhin hatten die Beatles ihren ersten Nummer-Eins-Hit in der BRD.

Zugegeben, Rühmlicheres gibt es nicht zu berichten, mal abgesehen davon, dass „My Fair Lady“ den ersten Platz der Albumcharts räumen musste, den es seit deren Einführung 1962 inne hatte. Uns soll das aber reichen und genug sein, denn genügsam, das müssen wir nach wie vor sein, wenn auch nicht mehr allzu lang.

Erst einmal aber geht alles seinen gewohnten Gang. Ronny, der uns bereits durch seine Version des Liedes „Oh My Darling Clementine“, bei ihm aber „Caroline“ genannt, bekannt sein, ähem, sollte, stürmte mit seinem Stück „Kleine Annabell“, basierend auf einem russischen Volkslied mit dem Titel „Adnaswutschno gremit kalakóltschik“, was laut Internet so viel heißen dürfte wie „Eintönig klingt hell das Glöckchen“ (wie hübsch!), die Charts. Wenn man die Charts überhaupt stürmen kann.
Was aber sagt die Bibel dazu? Sollten wir uns das nicht viel öfter fragen?

Also, sie sagt: „vnd alles volck, das mit Joab war, stürmet und wolt die mauren niderwerffen“ (2. Sam. 20, 15). Und die Klassiker? Was meinen die dazu? „(Das Volk) fing in seinem Übermuth an, mehrere Bäckerläden zu stürmen und zu plündern“, so Hoffmann v. Fallersleben, „(Satan) senkte zuerst empfundene Gedanken, voll Feuer und in die Seele (des Judas) stürmend“ hingegen Klopstock. Und wenn Satan den Judas stürmen kann, dann wohl auch der Ronny die Charts. Nett ist das nicht, wobei er ja auch eher das Lied stürmete und ordentlich niderwarff, nicht die Charts, die gibt es heute noch. Das hell klingende Glöckchen aber liegt zerbrochen darnieder.

Wie dem auch sei, bekannt wurde es als Teil des Reportoirs des „Don Kosaken Chor Serge Jaroff“, bei dessen Mitgliedern es sich um vor der Oktoberrevolution geflohene Donkonsaken handelte und der in verschiedenen Heimatfilmproduktionen mit wundervollen Titeln wie „Preußische Liebesgeschichte“, „Ja, ja, Die Liebe In Tirol“ und „Das Donkonsakenlied“ mitwirkte.

Ronny “Kleine Annabell”, Dezember 1964 – Januar 1965

Was macht Ronny daraus? Wir wollen es nun hören und dabei viele hübsche Blümchen bestaunen.

An anderer Stelle äußerte ich einmal den Vorsatz, Schlager nicht einfach als verwerflich abtun zu wollen, auch, wenn sie belanglos scheinen und oft schmalzig sind. Viele Lieder, die bisher an dieser Stelle vorgestellt wurden, waren sicher nichts Besonderes, aber zuweilen doch originell, unterhaltsam und obskur, nur selten offensichtlich widerlich, siehe Bill Ramsey und Peter Lauch. Und nun das. Nicht nur die Darbietung spottet jeder Beschreibung, auch der Text ist fürchterlich. Arme Annabell! Nicht traurig muss sie sein, weil der Mann, den sie liebt, in die Fremde geht, „in die Welt, die Dein Herz nicht versteht“.

Was aber geschah vorher? Anscheinend nichts, dennoch muss sie erst nicht traurig sein und dann auch noch dem, der sie niemals vergessen wird, verzeihen, und zwar genau deswegen. Was für ein egozentrischer Blödmann. Immerhin wird er an den „Mund, den noch keiner geküsst“ denken. Anschließend muss sie schon wieder etwas sein, und zwar einsam.

lauch_rudernWeshalb denn aber? Er hat sie nicht einmal geküsst, geht in die unverständliche Fremde, sicher, weil auch er etwas „muss“, so als Mann, vor allen Dingen mit einer solchen Stimme, da gehört das zum Tagesgeschäft. Aber bleibt er ihr denn treu? Das sagt er. Dennoch muss sie nun „einsam sein“, gleichzeitig aber „nicht traurig“. Ja, soll sie sich denn trösten? Das wäre unfair, sie als erloschene Seele würde sich am Ende jedwedem Mann in die Arme werfen, um wenigstens einen klitzekleinen Fetzen des verlorenen Glücks zu erhaschen. Und er ist ihr treu, was ihr ja aber nichts bringt, denn fern ist er, der ihr in Treue verbunden. Da hat er sich aber fein aus der Affäre, so es denn eine war, gezogen.

Und klar, vielleicht hatte sie sich einfach in ihn verschossen, und er tröstet sie, weil er die Liebe nicht erwidern konnte … wie ritterlich. Aber dass er sie, Ehrenkodex adé, noch verhöhnt, indem er sagt, er werde ihr treu sein, nein, das wäre nicht nötig gewesen. Oder ist es ihm am Ende gar ernst? Ja, und er geht, und hat sie noch nicht einmal geküsst? Wie verliebt waren sie denn, und welcher Traum wurde gehegt? Einmal ohne elterliche Aufsicht spazieren gehen? Wie ging es damals züchtig zu, wie rein, wie rücksichtsvoll! Frauen mit jungfräulichen Mündern träumen und verstehen nix, Männer ziehen in die Fremde und beschränken ihr Liebesleben darauf, einmal eine Frau unglücklich gemacht zu haben … das klingt doch sehr außerweltlich.

Und wer weiß? Am Ende ist es das auch. Warum sollten immer nur Rockmusik und Metal Geheimes bergen? Also, angenommen, ich würde, was ich nicht tue, und wenn ich es täte, würde ich es nicht zugeben, mit Allmachtsphantasien vor dem Spiegel umher stolzieren, da ich über vollkommen idiotensichere Mittel verfüge, Menschen meinen Vorstellungen gemäß zu beeinflussen, zum Beispiel durch militärische Druckmittel, Drohungen, Drogen, Teufelspakte und Vergleichbares. Jetzt soll dabei aber Musik eine nicht geringe Rolle spielen. Welchen Weg würde ich dann wählen? Den ganz doll offensichtlichen der wilden Rockerei, den ein jeder christliche Pädagoge zwischen Malzkaffee und Morgenandacht durchschaut? Nein, dann hätte ich mein manisches Lachen nicht verdient, das wäre doch dusselig.

Trottelig müsste ich vor meine Handlanger treten und sie, so ich denn ein Gewissen hätte, entlassen, bevor sie selbst kündigten. Denn würde es in ihren Reihen nicht vollkommen zu Recht munkeln: „Wie doof der doch ist! Warum sollte ausgerechnet er der Herrscher über uns ergebene Sklaven sein? Wir alle wissen, was mit Handlangern geschieht, die in Geheimverstecken mit Tätigkeiten aus den Arbeitsfeldern Instandhaltung, Logistik, Gastronomie und paramilitärische Heimlichkeiten betraut sind. Wir wollen nicht entdeckt werden! Weltherrschaft ja, gerne auch vom Antichristen, die Bezahlung sollte halt schon stimmen. Aber wir wollen uns nicht selbst verpetzt wissen, nein! Denn: Ausgesprochene Geheimnisse sind nicht mehr geheim!“

Wäre es nicht besser, meine Botschaften nicht über Leute wie Gorgoroth oder Cradle Of Filth verbreiten zu lassen? Und subtiler als im Schlager, gar einem Schlager wie diesem hier, ginge es wohl kaum. Der besagt nix Klares, rührt aber an und transportiert so die in Rhythmik und Semantik möglicherweise verborgenen Botschaften, ohne dass es irgendwer merkt. Glaubt man doch, es handele sich dabei um ein bis hin zum Debilen harmloses Stück … so könnte man’s machen, ja. Ich geh‘ mir mal eine Höhle, Insel, einen Mond, Kometen, verlassenen Jahrmarkt, Katakomben, U-Bahnschacht, netten Platz in der Antarktis suchen. Nur in den Dschungel würde ich nicht gehen, wegen der Schlangen.

PS: Da dachte ich mir nun: Mhm, wäre das Stück mit der Annabell nicht eine gute Gelegenheit, um auszuprobieren, wie nahe man mit Schlagern dem Ziel Weltherrschaft, Apokalypse, Eschaton, Ragnarök usw. usf. kommen kann? Könnte nicht gar „Kleine Annabell“ für Jesus stehen, ein Aufruf, seiner zu spotten? Das wäre mal eine feine Abkehr … Doch, ach! Jesus wurde geküsst, und zwar von Judas Ischariot. Ob nun auf Wange oder Mund, wurde leider nicht überliefert. Jedenfalls wird er (Judas) nun laut Dante in der untersten Hölle von Eis bedeckt in Satans Maul zerkaut …

Ah, Satan, klar! Wer aber ist Satan? Der nun in die Fremde muss? Würde passen, dann nämlich könnte alles einfach eine Lüge sein, der schwindelt nämlich gern, der Satan. Unsympathisch wäre er dem Publikum aber dennoch nicht: Er lässt sein Herz zurück (hat ja gar keins, da kann er viel erzählen), geht in die unverständliche Fremde (Hölle) und bleibt treu (scherzhafte Bezeichnung für unauflösbaren Teufelspakt und ewige Verdammnis). Hier lägen ganz klar die Sympathien, der Arme nämlich muss in die Fremde (könnte sich auch auf den Sturz aus dem Himmel beziehen), und Annabell ist traurig. Wer würde sich nun nicht wünschen, er wäre geblieben, mhm? Dabei ist „er“ aber Satan! Ha!

Und Annabell, das sind wir, Du und ich, nie Liebe bekommend (keinen Kuss), nur leere Versprechen (unerfüllte Träume) erhaltend und immer einsam und hilflos (Seelenheil futsch). Wie ich damit nun aber die Weltherrschaft erlangen oder aber wenigstens alle und alles kaputt machen soll, ist mir schleierhaft.

PPS: Was ich ganz vergaß: Botschaften verstecken, die sich nur offenbaren, wenn man Lieder rückwärts abspielt. Mir scheint es da noch ein wenig an Professionalität zu mangeln.

6 Kommentare zu “Der Liedschatten (41): Viel Teufel, wenig Detail”

  1. Ich glaube du unterschätzt, dass frühere Generationen noch mit Abschieden vertrauter waren. Sei es nun durch den Gang in den Krieg, dem Aufbruch zur Walz oder schlichtweg dem Versuch, in einem fernen Land eine neue Existenz aufzubauen. Die Unüberwindbarkeit von Distanz ist heute nicht mehr gegeben, Internet und Telefonie sei Dank. Was uns lächerlich erscheint, war früher nicht nur platte Wunschromantik.

  2. Lennart sagt:

    Der Gedanke kam mir tatsächlich, aber dennoch fand ich den Text widersinnig genug, die Umsetzung zu abstrus um mich damit „ernsthaft“ zu befassen. Ist aber ein guter Einwand.

  3. […] nicht hören lassen. Wer aber waren das? Dieselben jungen Leute, die vor ein paar Wochen noch Ronnys letzte Single kauften? Man kann es leider nicht mehr wissen, unklar ist, wie sich die damalige Käuferschaft […]

  4. […] vor den bisherigen aus. Auf eine dem klassischen Schlager verhaftete Schnulze wie Ronnys „Kleine Annabell“ folgt Petula Clarks in Relation dazu progressive Hymne auf die Großstadt „Downtown“, danach […]

  5. […] Bisher verhielten sich die Damen in den Texten der Hits meist passiv, sie waren Adressatinnen („Kleine Annabell“), mussten Rügen hinnehmen („The Last Time“), litten still vor sich hin („Liebeskummer […]

  6. […] außerdem ist dessen Dümmlichkeit nichts, was ihn gegenüber einem Schlager wie zum Beispiel „Kleine Annabell“ […]

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