DestroyerPoison Season
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Label:
Dead Oceans
VÖ:
28.08.2015
Referenzen:
Cass McCombs, Prefab Sprout, Brian Ferry, Daniel Knox, Jens Lekman, The Blue Nile
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Autor: |
| Carl Ackfeld |
„Blue Flower/Blue Flame“ von Destroyers neuntem Album „Trouble In Dreams“ war so ein wenig der Initialzünder. Zuvor war mir die Gruppe um den vielbeschäftigten Dan Bejar kaum aufgefallen, doch diese knapp dreieinhalb Minuten zurückgelehnten Pops waren trotz des nachweislich hervorragenden Folgealbums „Kaputt“ bis Mitte Juli diesen Jahres der musikalische Rückbezug auf das kanadische Kollektiv. Doch kaum hatte ich die ersten Takte von „Poison Season“ im Ohr, musste die Geschichte umgeschrieben werden.
Ob es sich dabei um „Girl In A Sling“, „Times Square“ oder „Dream Lover“ handelte, ist gut vier Wochen nach der ersten auditiven Kontaktaufnahme nicht mehr weiter erwähnenswert. Dennoch zeigt es auf, wie schnell sich musikalische Eckpunkte im Ohr manifestieren und wieder losgelassen werden. In Zusammenhang mit diesen drei Vorabstücken war zunächst vor allem eine unbedingte Neugier geweckt worden. Neugier auf ein Album, dessen Vorgänger Kritikerliebling aller Klassen gewesen war und das mit seinem saxophongetriebenen „Soft“-Rock die alten Tugenden von entspannter und trotzdem anspruchsvoller Musik in höchste Höhen getrieben hatte. Neugier, die spätestens mit den ersten Streicherfiguren im Beinahe-Intro „Times Square, Poison Season I“ in vollendete Zufriedenheit umgewandelt wurde.
Gemeinsam mit seinem zweiten Teil am Schluss des Albums umrahmt eben jenes Intro das Werk mit verschlissenen Farben und sachten Rhythmen. Ein weiches Klangbild lädt zum Schwelgen ein und der immer zwischen Sprechen und Singen changierende Bejar wandelt vokal zwischen den Motiven umher, den Blick schweifend, die Hände in den Taschen. Immer wieder rückt er Bilder ins Bewusstsein, die so oder so ähnlich auch bereits auf dem Vorgängerwerk hätten durchscheinen können, nur ersetzt er die dortige leichte Exotik mit einer Urbanität, die Zwielichtfetzen und Leuchtreklame gleichermaßen im Repertoire zu haben scheint. „Verve“ ist so ein Stichwort, das die Stimmung und das Gefühl auf „Poison Season“ gut zu beschreiben scheint, und doch wirken viele der musikalischen Einfälle so herzerfrischend beiläufig wie ein Sonntagnachmittagsbummel durch die menschenleere Fußgängerzone.
„Poison Season“ malt die musikalische Welt des Dan Bejar mit den gleichen Farben an wie zuvor, er verleiht ihnen aber mehr Glanz und Intensität. Waren es auf „Kaputt“ dann eben doch vor allem das Saxophon und diese doch sehr eigene Lyrik, scheinen die Stücke auf diesem Album zusätzlich an Dichte gewonnen zu haben. So sind die vielfach eingesetzten Bläser und Streicher nicht nur schmückendes Beiwerk, vielmehr bündeln sie einzelne Songs, rahmen diese ein oder schaffen atmosphärische Intros, die im kraftvollen „Forces From Above“ den Kontrast zwischen weicher Stimmfarbe und schwül-warmem Soulpop-Arrangement noch verstärken. Das sehnsuchtsvolle Flügelhorn in „Hell“ scheint zunächst völlig alleingelassen, doch bekommt es am Ende Schützenhilfe und muss sich in einem Meer an Instrumenten seinen Weg zurück bahnen. Wie Schokolade schmilzt das süffige Saxophon, das sich aufreizend nah an den Easy Listening-Eskapaden eines Bert Kaempfert orientiert und ummantelt nicht nur das wunderbare „Times Square“ oder das an den Sophisti-Pop von The Blue Nile erinnernde „Archer On The Beach“. Doch in seiner insgesamt gemächlichen und wohligen Zurückgelehntheit lässt Bejar wie am Beispiel des frischen und pointiert angejazzten „Midnight Meet The Rain“ immer wieder Raum für neues Tempo und abgewandelte Ideen.
Generell lässt es sich mit „Poison Season“ vortrefflich durch die Stadt ziehen – nicht nur weil es das New-York-Album des Kanadiers geworden ist, vielmehr weil es den pendelnden Schritt des Spaziergängers in seine Rhythmik einbezieht und Bejar die alltägliche Situationsromantik des Alltags auf den Straßen und Plätzen der Stadt vergegenwärtigt. Spätestens wenn in „Sun In The Sky“ die lässig-verschlurften Bongos den Takt für den nächsten Sonnenaufgang auf der Dachterrasse angeben, bevor sich das Stück in ein kurzfristiges Jazzintermezzo begibt, will man gar nicht mehr aufhören, den metrisch holprigen Worten Bejars zu lauschen. „You could fall in love with Times Square“, heißt es nicht nur im schwelgerischen Intro, das dem bratzigen „Dream Lover“ weichen muss, welches deutlich an sein Werken für The New Pornographers erinnert. „You must fall in love with Poison Season“ müsste es stattdessen heißen, denn dieses elfte Album ist schlichtweg ein Geniestreich.


