Da war mal ein kleiner Club Anfang letzten Jahres, die Decke nur etwa mannshoch, die Brille beschlug mir schon beim Eintritt, weil die (kleine) Masse tobte. Zwischen Publikum und Band war (nicht nur wegen der nun vorhandenen Sehschwäche) kein Unterschied mehr festzustellen, es war ein einziger Körper, der da bebte. Der von Beginn an durchscheinende österreichische Akzent erhöhte zunächst die Bereitschaft, die Band scheiße zu finden. Dieser Vorsatz hielt sich nur kurz, denn anerkennend wippte auch ich schneller als gedacht mit, weil Bilderbuch einfach Spaß machten, direkt ins Hirn gingen und die Beine zucken ließen. Partymusik – ohne sich völlig den Plattitüden zu ergeben. Und fast verzweifelt musste Sänger Maurice Ernst irgendwann bekennen: „Wir haben nix mehr in petto. Ok, wenn wir uns wiederholen?“ Und so tobte der Mob auf der Bühne und davor einfach nochmal von Beginn an.

Wie sich herausstellen sollte, nahm die Band um Ernst und Bassist Peter Horazdovsky herum schon in den Pickeljahren der Pubertät ihren Anfang, ihr bereits drittes Album ist nun „SCHICK SCHOCK“. Jaja, darauf sind so fiese Zeilen wie „Mein Schwanz so lang wie ein Aal“ („Feinste Seide“), aber direkt davor heißt es eben auch „Ich lese Proust, Camus und Derrida“. Das mittlerweile zum Quartett austarierte Musikensemble (Michael Krammer ist seit 2008 an der Gitarre, Philipp Scheibl seit 2012 am Schlagzeug) hat sich gefunden.

Was ist das da nun also, was da aus dem Süden auf uns zurollt? Textlich gesehen manchmal durchaus Dada nahe am Gaga. Es wirkt dekadent („Om“), arrogant („Spliff“) – und immer fragt man sich als ein Jemand aus Deutschland: Kommt das nun vom Dialekt, oder ist es das Gesamtkonzept? Gerade Stücke wie „Spliff“ rücken sehr nahe an die damals Neue Deutsche Welle, abgehackte Songs und Sounds und Gesang und kinderhafte Reime, die schnelle Orientierung bieten. Oberflächlich ist kaum Tiefgang zu erkennen und na klar, auch hier geht es viel um das große Thema Liebe. Wenn auch dezent eigener, als es viele andere formulieren, immer einen Tacken mehr selbstverliebt (oder ehrlicher?) als andere zu texten wagen. Der titelgebende Song widmet sich so dem Verständnis, das manN empfindet, wenn frau sich genau in ihn verliebt („Sag es laut, jag es raus, geb es zu: Du bist hinter meinem Hintern her“). „Gigolo“ widmet sich mit treibendem Beat dieser Gattung, die auch schon andere Österreicher besangen.

Bilderbuch beweisen vor allem auch, dass man eben doch auf Deutsch über Geschlechtsverkehr und Begehr singen kann, ohne völlig doof dabei zu wirken. „Softdrink“ – dahinter vermutet man vielleicht zunächst braune Erfrischungsgetränke, aber Bilderbuch vereinen hier das Loblied an eine unbekannte Frau mit Vergleichen, die das Prickeln von Limos mit dem der Liebe und mit HipHop zusammenführen. „Coca Cola, Fanta, Sprite, 7up, Pepsi, all right, all right, all right ok“. Schrill und breit grinsen machend, inklusive Bling-Bling Outro („but when you swallow that fancy mix between Fanta and Cola called Spezi“). Wer kann schon Kitsch thematisieren (oder verkörpern), ohne „Barry Manilow“ zu Rate zu ziehen? Autotune-Exzess zieht jedem normalerweise die Schuhe aus und die Plattennadel vom Teller, aber bei Songs, die die Copacabana schwurbelnd beschwören, da muss es vielleicht so sein. Weil es im Ganzen passt, weil Bilderbuch Haarspray, Blondierung, Multicolor, Funk und Panflöte („Rosen Zum Plafond (Besser Wenn Du Gehst)“) gleichzeitig sind.

Obendrein lassen sie Videos drehen, die unfassbar Spaß machen und sogar noch preisgekrönt werden. Man ahnt, was Menschen antreibt, diese Band nervig und nahe dem Zahnarztbesuch zu finden. Sie haben irgendwie auch nicht Unrecht. Dennoch: Songs wie „Maschin“, die die Stimme von Ernst hüpfend durch die Verse stapfen lassen, sind aufrichtiger Pop – und das ist auch gut so. Dancefloortauglicher Heiratsantrag nebst Sozialkritik („Plansch“), die mit einem fulminanten Gitarrensolo endet. Wer kann das schon!

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