Dawn RichardBlackheart
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Label:
Our Dawn Entertainment
VÖ:
16.01.2015
Referenzen:
Arca, Plaid, Björk, Darkstar, Peter Gabriel, Kelela, Aphex Twin
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Autor: |
| Uli Eulenbruch |
Musik entsteht meistens durch Kollaboration. Selbst wenn eine Einzelperson die Komposition, Text und sämtliche Instrumental- und Gesangsteile beisteuert, ist sie nur selten auch noch für Produktion, Abmischen oder Mastering verantwortlich, die alle einen kleinen bis überwältigend großen Anteil an dem haben können, was letztlich aus dem Lautsprecher zu hören ist. Dass das naiv rockistische Bild vom genialen Solokünstler (bis auf ein, zwei Ausnahmen immer männlich) noch in vielen Köpfen verankert ist, zeigte zuletzt der Hickhack um die Grammys: Ausgerechnet der Sampledeliker Beck sollte das total authentische Pendant zu Beyoncé sein.
Dabei lässt sich gerade im so um tragende Namen konstellierten Pop mit der Zeit nicht nur durch Hören nachvollziehen, wer für die Güte des Endresultats die Hauptverantwortung trägt. Produktions- und Songwriting-Credits sind öffentlich nachlesbar und je öfter sich das übrige Personal ändert, desto deutlicher werden – im Positiven oder Negativen – die Konstanten im Zentrum erkennbar. Das ist im Falle von Dawn Richard nur allzu leicht: Waren ihre „Armor On“-EP und „Goldenheart“ allein in Zusammenarbeit mit Andrew „Druski“ Scott entstanden, ist als Co-Produzent für „Blackheart“ nun der bislang ebenso unbekannte Noisecastle III ausgewiesen. Dass sich im zweiten Teil der angekündigten ‚Trilogie der Herzen‘ eine Verdüsterung einstellen würde, war schon am Titel vorherzusehen, doch mit einem derart waghalsigen Space-R’n’B-Entwurf war kaum zu rechnen – zumindest aber damit, dass Richard eine der sonisch ambitioniertesten Gegenwartskünstlerinnen bleibt.
War „Goldenheart“ neben seiner ambienten Luftigkeit noch stark auf die metapherngeladenen Texte fokussiert, lockert „Blackheart“ Songstrukturen und Vocal-Dynamiken bis an den Rand des Zerfalls, dass die gesungenen Worte selbst wie in „Swim Free“ zu raumfüllender Ambienz werden. Gläsern resonante Polyrhythmik, die wie schon die Bleeps im Intro-Stück näher an Warp-Acts wie Darkstar oder Plaid als selbst modern ausgerichtetem R’n’B steht, schimmert in verlockendem Kontrast zu wehmütigen „I left you at sea/ Hoping you’d forgive me“-Bekundungen, die langsam von einer Seite zur anderen hin und her fließen. Mannigfaltig variierte Stimmverfremdungen sind im Trap-Taumel von „Castles“ verwoben, noch dichter auf „Blow“, wo man ohne Beatgerüst glatt die Orientierung verlieren könnte.
Eben jene Beats erhalten im weit dimensionierten Klangraum dieser Stücke genug Platz, um sich auch mal zu den gigantischen Maßen von „Adderall / Sold (Outerlude)“ zu entfalten. Beginnt es noch weich anmutend, mit zerhackstückeltem Raunen und nur gelegentlich dräuender Synth-Oszillation, werden die Vocal-Einwürfe alsbald so knarzig verzerrt wie die bis dahin cleanen Gitarrenschlenker, als eine voluminöse Kickdrum und massiv zersplitternde Snares explosionsartig einschlagen. Andersherum läuft „Warriors“ geradlinig zu einer fast so grell falsettierten Klimax auf wie das marschtrommelige „Phoenix“, lässt die tickenden Snares aber mittig beiseite fallen und löst sich über warmem Bassgalopp minutenlang in Wohlgefallen auf. Nach ebenso satten Kicks mündet „Calypso“ in einem majestätischen Breakbeat-Meer, Blubberblasen und dramatischer Vocal-Manipulation und wirkt mit dieser Drum- und Bass-Experimentierfreude fast wie eine weniger offensichtliche Hommage an Richards Idol Peter Gabriel – als habe dieser sein Wirken dreißig Jahre später begonnen.
Besonders besticht bei all dem, wie diese potentiellen Soundextreme stimmig und ebenso nahtlos ineinander übergehen wie die antik griechischen Mythen und Sci-Fi-Motive der Texte: Das entflammte Streicher-Dance-Grandeur von „Phoenix“ führt in die durchs All treibenden Robo-Vocoder von „Choices“ führt in die relativ traditionelle Pianoballade „The Deep“. Das Titelstück-Outro greift dann erneut die Aphex-Twin-Flittermelodik des Albumanfangs auf, jedoch nicht, um wieder ans Intro anzuknüpfen. Schließlich darf man darauf hoffen, dass Richard diese Trilogie-Vision in nicht allzu ferner Zukunft abschließen wird.


