PlaidScintilli

Rechnet man ihre beiden Soundtracks und das audiovisuelle „Greedy Baby“ nicht mit ein, so liegt das letzte Album von Plaid acht Jahre zurück. Keine halbe, sondern eine ganze Ewigkeit, bedenkt man, was sich seitdem alles an elektronischen Entwicklungen abgespielt hat; nahezu die ganze Geschichte und atemberaubenden Evolutionen des Dubstep lassen sich in diesen Zeitrahmen fassen. So dürften besonders einige jüngere, die nicht einmal zufällig über das legendäre Londoner Duo stolperten oder mit der Nase darauf gestoßen wurden, gar nicht wissen, ob und warum sie ihm im Jahr 2011 noch Beachtung schenken sollten.

Und muss man ihnen das verdenken? Zeigt die Erfahrung doch so oft, wie KünstlerInnen in selbstkopierende Verhaltensmuster fallen, sich auf Details versteifen oder sich in immer wüsterer, von außen nicht mehr nachhaltbarer Experimentiererei verspulen – in jedem Falle wirkt das Resultat, als habe es den Anschluss an die vitale Musikgegenwart verloren. Andererseits ist unbedarfte Jugendfrische kein Garant für auch nur mittelfristig anhaltenden Erfolg, nur allzu häufig entpuppt sich der aufregende Reiz der Novität als Eintagsfliege. Wie viele Jungtalente werden mittlerweile rasant und intensiv gehypt, nur um ein Jahr später schon wieder runtergeschrieben oder vergessen zu sein? Whatever happened to Joy Orbison?

Da erscheint es nur umso wichtiger, dass ein Label wie Warp inmitten all der Schnelllebigkeit bei seinem Roster auf Nachhaltigkeit setzen kann und Plaid einen Platz freigehalten hat. Und ohnehin könnte „Scintilli“ fast genausogut ein exzellentes Debüt darstellen, es ist nämlich keinerlei Vorwissen um die Bedeutung von Plaid in der IDM-Historie nötig, um die Vorzüge dieses Albums genießen zu können. Trotz seiner dreijährigen Entstehungsphase weist gleich zu Beginn das delikate „Missing“ obendrein Verwandtschaft zu eben einem jener mit Vorschusslorbeeren behängten Neutalente auf, wie bei Active Child wird sein kristalliner Harfenwohlklang von entrücktem Gesang begleitet.

Das dunkel verhangene „Sömnl“ in der Albummitte könnte kaum weiter davon entfernt sein und trägt mit satten Wobbles und verschlepptem Beat deutliche Dubstep-Spuren. Gleich im anschließenden „Founded“ kombinieren Plaid jedoch diese Elemente der beiden Tracks beispielhaft dafür, wie „Scintilli“ trotz extrem unterschiedlicher Soundentwürfe einen stimmigen Rahmen schafft. Immer wieder blitzen verwandte Klänge an unerwarteten Stellen auf, Robo-Tenorstimmen treffen New-Age-Glocken treffen Cyber-Breaks, das Ganze frei von der überfrachtenden Flächenfüllung manch derzeitiger Bassmusik. Jedes Element hat seinen Platz und seine Funktion, Plaid haben einen ausgereiften Sinn für Dimension im Hörraum. Und – noch wichtiger – für Melodien. Ob bezaubernd delikat oder aus dem komplexen Zusammenspiel mehrerer Instrumentalspuren erwachsend, sie geben den Stücken emotionale Tiefe, die ohnehin keiner verkopften Motivrepetition oder Soundscape-Atmosphärik frönen, sondern stets Entwicklungspunkten folgen, sich verdichten, entspannen, in neue Stimmungen umschlagen.

Auch untereinander sind die Tracks einer nachverfolgbaren Dramaturgie entlang arrangiert, sowohl daraus als auch der markierten Soundpalette fallen jedoch in der zweiten Albumhälfte „Talk To Us“ und „African Woods“ auf. Keine schlechten Stücke per se, nur wirken sie fehl am Platz, weswegen sich „Scintilli“ im Ziellauf nochmal berappeln muss – mit Erfolg: „Upgrade“ ist das dichteste und cineastischste Stück, bildgewaltiger Actionsoundtrack einer Sci-Fi-Verfolgungsszene, „At Last“ hingegen bildet die melancholische Kehrseite des Zukunftssounds. Ein Kontrast mit Gemeinsamkeiten, wie er wohl nur solch erfahrenen Händen entspringen kann.

78

Label: Warp

Referenzen: Active Child, Aphex Twin, Vex’d, The Black Dog, Boards Of Canada

Links: Homepage | Albumseite | Albumstream

VÖ: 23.09.2011

4 Kommentare zu “Plaid – Scintilli”

  1. 87654 sagt:

    Joy Orbison heißt jetzt ja Joy O. Und mit „Sicko Cell“ hat er doch im Frühjahr noch einen veritablen Clubhit gelandet. Mal abwarten, was demnächst noch von ihm so erscheint.

    Finde es eigentlich recht positiv, wenn man nicht wie James Blake gleich täglich eine neue Single veröffentlicht. Kann aber auch natürlich sein, dass tatsächlich nicht mehr viel von ihm kommt. Andererseits hätte man nach dem Ende der nur okayen Vex’d auch nicht gedacht, dass eine Hälfte als Kuedo demnächst so ein übergeiles Werk abliefern würde.

    Ansonsten gern gelesene Rezension!

  2. Joy O macht auch Sachen mit Boddika, aber das steht halt in keinem Vergleich mehr zu der Aufmerksamkeit, die „Hyph Mngo“ bekam. Qualitativ wollte ich seinen Sachen gar keinen Abstrich machen, nur als Beispiel aufführen, wie schnell jemand auf einmal noch über alle Lager hinweg gefeiert wird (inklusive BBC Sound of Dingenskirchen) und mit seinem nächsten Track schon wieder zurück in der breiten Produzentenmasse ist. Was ja vor allem erstmal zeigt, wie übertrieben viel Gewicht auf den Neuheitsfaktor gelegt wird.

    Blake ist sowieso eine Klasse für sich was das optimale Timing seiner Releases (inklusive dem langsamen Durchsickern einzelner Vorab-Stücke) zur Medienrezepotion angeht, hat wahrscheinlich den entsprechenden Kurs in der Popakademie mit Auszeichnung bestanden.

    Die andere Hälfte von Vex’d schlägt sich übrigens auch nicht schlecht, Roly Porters Solosachen gehen da aber in eine ganz andere Richtung. Und danke.

  3. Johannes sagt:

    Gute Rezi, auch wenn ich wohl etwas mehr gegeben hätte. Für mich eine der besten Platten des Jahres bisher.

  4. […] unter anderem die Werke von Roman Flügel, Walls, Tropics, Balam Acab, Zomby, Machinedrum und Plaid in aller Deutlichkeit. Deutlich wurde auch, dass sich die interessanteste Musik meistens abseits […]

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