Dawn RichardGoldenheart

Dawn Richard hat große Ambitionen. Ihr neues Werk „Goldenheart“ ist das erste in einer Trilogie, der bereits letztes Jahr die formidable „Armor On“-EP vorausging. Eine EP, die zugleich Visitenkarte und Vorschau auf das war, was folgen würde – und die als komprimierte Einführung in Richards Futur-R’n’B dabei hilft, dieses anfangs schwer überschaubare Album zu fassen.

Denn „Goldenheart“ ist weniger auf in sich geschlossene Songs fokussiert als auf eine weite musikalische Narrative. Aufs erste Hören mag die Präsenz von Dance-Beats in „Riot“ oder das EDM-ige Wobble-Fauchen in „Pretty Wicked Things“ an das wüste Durcheinander chartgerichteter R’n’B-Alben wie Ushers „Looking 4 Myself“ erinnern, auf dem das ultrareduzierte „Climax“ in einer unausgegorenen „Je mehr, desto besser“-Masse von 18 Songs nivelliert wurde. Doch ähnlich wie „Armor On“ langsam auf das housige „Faith“ als emotionales Zentrum zusteuerte, sind die wuchtigeren Stücke auf „Goldenheart“ funktional für eine überragend sequenzierte Gesamtdynamik: Gleich zu Beginn ruft Richard „Get ready for war“, rollt die Spannung alsbald von Midtempo ins 4/4-Pumpen von „Riot“, wird vom Klatscher-synkopierten „Gleaux“ verdreht und in „Pretty Wicked Things“ zum dunkel-dramatischen Höhepunkt gestampft: „And all the pretty little things that held / us together now are falling down / Turned to wicked little things that can’t / seem to find the beauty in the bad.“

Zu dieser Anfangsphase präsentiert sich Richard mit ihrer Stimme von samtig-gläserner Qualität unter Bedrängnis, rahmt verlorene Konflikte in Kriegs-Metaphern, sieht sich als David und Leonidas im Kampf mit „Goliath“ und „[300]“ – bei aller Rollenspiel-haften Entrücktheit gibt es jedoch keine physische Konfrontation, die Waffe ihrer Wahl ist innere Gefasstheit („I got love in this armored chest“). Jene Entrücktheit formt sie in Zusammenarbeit mit Produzent Druski zu luxuriöser Quiet-Storm-Eleganz: So feurig auch die Drum-Arrangements werden, „Goldenheart“ ist durch Streicher und Pluckersynths von erhabener Weichheit charakterisiert, die sich im Albumverlauf in expandierender Panoramaweite erstreckt.

Mit „Northern Lights“ beginnend wenden sich die Kriegsmetaphern ins Sinnliche: „Love is war“ auf „Tug Of War“ (dem einzigen Stück, das nicht von Druski, sondern von Miguels Kollaborateuren Fisticuffs produziert wurde) und „Take it high / til you get enough (til I get enough) / I can feel it build, frequency is real / when you turn me on“ taucht „Frequency“ in ein Vocal-Wellenbad. Selbst dieses instrumental-melodiöse Gerüst lockert sich noch einmal im ergreifend schönen letzten Albumdrittel, das textlich zum Konfliktwiderstand zurückkehrt, doch von „’86“ an fast allein von Richards Stimme – oder eher Stimmen, kunstvoll zu Chören, Wechselgesängen und komplex ineinanderlaufenden Konstellationen arrangiert – geführt wird. „You’re never gonna break this armored heart / they’ll never be the break of dawn“, singt Richard in ihrer stärksten Darbietung auf „Break Of Dawn“ inmitten einer majestätisch futuristischen R’n’B-Landschaft, um nach einem Beinahe-Cover von Peter Gabriels „In Your Eyes“ mit dem Titelstück gar über Debussys „Clair De Lune“ zu enden.

Undenkbar, dass sie ein derartiges Album hätte durchdrücken können in einem Majorlabel-Klima, das selbst semi-populäre Kultstars wie Cassie unterm Deckel hält. Doch eben davon zeugt das in Eigenregie gemachte und veröffentlichte „Goldenheart“: ein Kampf, große Ambitionen zu verwirklichen. Der erste Streich ist exquisit gelungen.

Ein Kommentar zu “Dawn Richard – Goldenheart”

  1. ahaha, ich dachte immer, dawn richard sei ein typ. as cheesy as it gets.

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