AUFTOUREN 2015 – Das Jahr in Tönen

Wer sich schon lange sicher ist, das AUFTOUREN-Album des Jahres 2015 zu kennen, irrt wahrscheinlich. Denn bis zuletzt war es derart eng an der Spitze, dass eine Entscheidung per Münzwurf kaum unfair gewesen wäre.

Kein Wunder: 2015 hatte eine Unmenge an Großwerken, Kleinodien, starken Genrestücken und abenteuerlichem Freistil zu bieten. Selbstverständlich sind diese mit einer Konsensliste von 50 Favoriten längt nicht alle zu erfassen, daher werden wir euch in den kommenden Tagen wie immer noch mehr Auswahl in Form unserer Einzellisten, den EPs des Jahres und der Geheimen Beute liefern. Doch nun erst mal die großen, die 50, die Auftouren-Highlights des Jahres:


50

Fantasma

Free Love

[Soundway]

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Von Petite Noir und OkMalumKoolKat über Gqom, Shangaan Electro, Bacardi House und die digitale Avantgarde von Angel-Ho und Mhysa bis zu Bands wie BLK JKS oder John Wizards, zwischen Johannesburg und Kapstadt scheint es ein kreatives Potential und einen Hunger nach neuen Ausdrucksformen zu geben wie nirgendwo sonst. Auf Albumformat lässt sich das oft nur schwer einfangen, aber es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis eine südafrikanische Supergroup wie Fantasma um Spoek Mathambo und DJ Spoko zusammenfand. Das Debüt des Quartetts ist ein warmer Brückenschlag von Tradition zu Moderne, hier können polyrhythmisch ekstatische Beats in einem Song in knarzige Gitarren übergehen, wird Groove mal in House-Tiefen, Rap oder als Fundament für sanft gepfiffene Melodien gelegt, ohne dass es verworren würde. (Uli Eulenbruch)


49

DJ Sotofett

Drippin‘ For A Tripp (Tripp-A-Dubb-Mix)

[Honest Jon’s]

Das Album des verschmitzten Norwegers entzieht sich gebräuchlichen Bereichen: Zu verspult für Pop und oft auch den Floor ist „Drippin‘ For A Tripp (Tripp-A-Dubb-Mix)“, mit allerlei analogen Störgeräuschen ist es obendrein auch eher unangenehm als Kopfhöreralbum. Ein derart einbrötlerisches Abschotten von der Umwelt würde schließlich dem gemeinschaftlichen Freigeist zuwider laufen, mit dem Sotofett unter anderem mit dem Frankfurter Phillip Lauer, dem Finnen Jakko Ein Kalevi oder Château Flights Gilbert Cohen kollaborierte. „Ungezwungen“ lautet die Devise, in improvisatorischem Geist laufen sonnige Gitarrenjams und spacig-psychedelische Synths durch Sotofetts lockere Drums, die sich aber auch vertieften Perkussions-Workouts widmen oder mit hypnotischem Afro-House daherkommen. Ein Album, über das man am besten gemeinsam mit anderen staunen kann. (Uli Eulenbruch)

48

Dawn Richard

Blackheart

[Our Dawn]

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Jenseits von R&B-Trends und überhaupt stilistischer Klassifizierung führt die Amerikanerin ihre Albumtrilogie mit wachsender Ambitioniertheit fort. War „Goldenheart“ neben seiner ambienten Luftigkeit noch stark auf die metapherngeladenen Texte fokussiert, lockert „Blackheart“ Songstrukturen und Vocal-Dynamiken bis an den Rand des Zerfalls, dass die gesungenen Worte zu raumfüllender Ambienz werden. Allein schon das traumhafte „Calypso“ mit seinen Alien-Breakbeat-Blubberblasen ist kühner und origineller als der Großteil sämtlicher Musik dieses Jahrgangs, aber nur die Eröffnung der Beat-Reise von „Blackheart“, das trotz aller Pop-Affinität als sequentielles Gesamtwerk konzipiert ist. Ein unverhohlen melodisch-bombastischer Song wie „Phoenix“ würde Seite an Seite mit den IDM-Affinitäten von „Swim Free“ deplatziert wirken – was „Blackheart“ auszeichnet, ist nicht zuletzt der rote Faden, den Richard zwischen den beiden zu spinnen vermag. (Uli Eulenbruch)


47

Myrkur

M

[Relapse]

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Neben den Diskussionen über Amalie Bruuns wundersame Verwandlung vom Indiepop zu einer der weiblichen Stimmen des Black Metal lieferte auch ihr Debütalbum selbst mehr als genug Stoff zur Diskussion. Doch „M“ ist hier ein erstaunlicher Spagat gelungen: Die kitschigen bis stereotypischen Elemente aus Elfenzauber und sonstiger nordeuropäischer Mystik, die durchaus auffällig platziert sind und den Hörer geradezu dazu auffordern, sich an ihnen zu reiben, werden durch unnachahmlich kraftvolle Ausbrüche mit einem Wimpernschlag zerschmettert. Zwar trägt das Produktionsteam um Ulvers Garm einen gewissen Verdienst an der überirdischen Wirkung von „M“, Bruuns Anteil jedoch zu unterschätzen wäre fatal. „M“ lebt von ihrer Explosivität, ihrer raumfüllenden Präsenz und letztlich auch ihrem Hang zu einem latent poppigen Songwriting. (Felix Lammert-Siepmann )


46

U.S. Girls

Half Free

[4ad / Beggars]

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Als Meghan Remy mit „Introducing…“ 2008 ihren Einstand gab, waren Lo-Fi und Hypnagogik die Ästhetik der Stunde und das Label Siltbreeze, das ihr krudes Homerecording-Pop-Debüt veröffentlichte, gerade erst durch den Erfolg von Times New Viking reaktiviert worden. Über die Jahre hat die Kanadierin ihren Ansatz und Sound stetig verfeinert, im Gegensatz zu damaligen Kontemporären wie Zola Jesus aber nicht rundpoliert. Selbst im Hintergrund des eingängig-dubbigen „Damn That Valley“ loopt ein unbequemer Zweiton-Streichersprung, der die verstörende Grundstimmung noch intensiviert, die auch inhaltliche Konstante eines höchst gesellschaftspolitischen Albums ist. Remy erzählt von Zwängen und Ängsten, denen sich die Frauen in ihren Songs ausgesetzt sehen, während sie musikalisch ebenso charaktervoll mal eine Disco-Lounge und anderswo einen Psych-Rock-Freakout zum Leben erweckt. (Uli Eulenbruch)


45

The Decemberists

What A Terrible World, What A Beautiful World

[Rough Trade / Beggars]

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Sie sind Könige des folkinfizierten Indierock. Zuletzt eher nah am originären amerikanischen Country, strotzen sie auf „What A Terrible World, What A Beautiful World“ nur so vor Vielfältigkeit. Vom starken, selbstironischen „The Singer Adresses His Audience“ über das ungestüme „Cavalry Captain“ hin zu den leisen „Carolina Low“ und kritischen „12/17/12“ spannt sich weniger ein erzählerischer roter Faden, eher bindet die Band den viel bemühten Blumenstrauß an Möglichkeiten und schafft auf ihrem neuen Album einen erlesenen Querschnitt ihres bisherigen Schaffens, der ein konventionelles Best-Of-Album überflüssig erscheinen lässt. (Carl Ackfeld)


44

Audio88 & Yassin

Normaler Samt

[Heart Working Class ]

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Normal ist hier eher wenig. Bei aller vorgetragenen Lässigkeit merkt man „Normaler Samt“ oft an, dass Audio88 und Yassin in den letzten Jahren verdammt viel Arbeit in ihr zweites Studioalbum gesteckt haben und neben einer ausgefeilteren Produktion auch textlich sehr weit gekommen sind auf ihrer ‚intensiven Suche nach der besten Beleidigung‘ („Das Orakel von Delfi“). Besonders an der eigenen oder potentiellen Anhängerschaft arbeiten sich die beiden mit einer behaglichen Verve ab. Dabei sprechen sie bittere Wahrheiten so geschliffen aus, dass es kein Entkommen aus dem Flow gibt. Die charmante, aber schonungslos zynisch vorgetragene Dagegen-Haltung wird aber immer wieder geschickt von kleinen Gesten der Zuneigung ergänzt, die entscheidend dazu beitragen, dass „Normaler Samt“ ein im besten Sinne des Wortes kumpelhaftes Album geworden ist. (Felix Lammert-Siepmann)


43

Royal Headache

High 

[What’s Your Rupture? ]

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Royal Headache habe ich überhaupt erst über diese Seite kennen, nein, lieben gelernt. Ihre aufgedrehte Vermischung aus Motown und Punkrock ist nicht nur wegen der unglaublichen Stimme von Shogun ein absolutes Highlight des an musikalischen Hochkarätern nicht armen fünften Kontinents. „High“ ist ihr zweites Album und ihm sind einige bandinterne Querelen und Auflösungsgerüchte vorausgegangen – wir können uns glücklich schätzen, dass diese vorerst Vergangenheit sind. (Mark-Oliver Schröder)


42

Natalie Prass

Natalie Prass

[Caroline]

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Sucht man nach dem hinreißendsten altmodischen Album dieses Jahres, landet man unweigerlich bei Natalie Prass und ihrem Debüt. Mit mädchenhaftem Sopran erweist sie ihrer eigenen Version des American Songbook alle Ehre und entwickelt dabei einen Sound, der zu gleichen Teilen historisch gereift und behutsam erneuert erscheint. Während das eröffnende „My Baby Don’t Understand Me“ deutlich die raffinierte soulige Sprache ihres Mentors Matthew E. White trägt, wagt sich Prass auch an leichte Easy-Listening-Capricen wie das unbeschwerte „Christy“ heran und macht sogar vor disneyfiziertem Kammerpop im abschließenden „Is It You“ nicht halt. (Carl Ackfeld)


41

Fatoni & Dexter

Yo, Picasso

[WSP Records]

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Fatoni hat aus den Fehlern seiner Vorbilder gelernt: Wenn deine rappenden Jugendhelden irgendwann ihr Nationalbewusstsein entdecken oder „erwachsen“ werden und deshalb pathetische Poesiealbum-Sprüche vertonen, musst du dir eben ein anderes Vorbild suchen. Deshalb erklärt sich der Münchner MC zu Beginn von „Yo, Picasso“ zum „Benjamin Button“ des Rap, der nicht älter wird, dafür aber „langsam perfekt“. Nicht nur bei der Analyse der deutschen Raplandschaft, auch im Alltag beweist Fatoni eine feine Beobachtungsgabe, mit deren Hilfe er manchmal lustige, häufiger aber traurige oder gar zynische Texte schreibt. Diese unterlegt Dexter mit abwechslungsreichen Instrumentals, die die Stimmungen der Texte aufgreifen und musikalisch umsetzen, und festigt damit seinen Ruf als talentiertester Beatbastler Deutschlands. (Daniel Welsch)


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Ein Kommentar zu “AUFTOUREN 2015 – Das Jahr in Tönen”

  1. e. sagt:

    sehr interessant bislang.

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