Obwohl es genug Schmutz auf dieser Welt gibt und es im Mikrokosmos Deutschrap wie auch überall sonst nicht an Zielscheiben mangelt, hat es dennoch fünf Jahre gedauert, bis Audio88 & Yassin nach den beiden „Herrengedeck“-Alben erneut „deinen iPod mit Hass füllen“. Vermutlich, weil sie in „Normaler Samt“ ebenso viel Liebe wie Wut gesteckt haben und damit – gleichwohl sie auf uns und unsere Erwartungen spucken – genau das Album gemacht haben, das wir uns heimlich von den beiden MCs gewünscht haben.

Anfang des Monats ätzte grim104 in einem Essay für 1Live gegen Milky Chance als Vertreter einer „immer flacher werdenden Pop-Musik, die sich dann auch noch den Anstrich von Alternative gibt“, auf seiner EP musste die Pandamaske als Paradebeispiel für diese oberflächliche Gute-Laune-Musik herhalten: „Cro ist das Symptom einer Jugend in der Krise/ Kurz vor dem Kollaps lässt sich keiner die Laune vermiesen.“ Und so verwundert es nicht, dass Grim auf „Normaler Samt“ zwei Mal als Gast auftaucht, denn auch Audio88 & Yassin sind genervt von diesem „belanglosen Soundtrack für die Generation Y“ und den dazugehörigen Videoclips, die sich in Inhalt und Ästhetik nicht von H&M-Werbespots unterscheiden. Daher schießen sie bei „Mann Im Mond“ zusammen mit den Brüdern Mädness und dem talentierten Döll gegen alle, die ihr Lebensgefühl mit der Wahl ihrer Sneaker oder über ein Hashtag ausdrücken.

Es wäre müßige Fleißarbeit, jeden aufzuzählen, der während des fast einstündigen Rundumschlags auf „Normaler Samt“ eine lyrische Schelle bekommt, denn Yassin und vor allem Audio legen ihre Finger in jede Wunde, die sich ihnen bietet. Zum Glück ersparen sie uns dabei den moralischen Zeigefinger ebenso wie die oberlehrerhafte Political Correctness mancher Conscious-Rapper. Aus Savas‘ „schwulen“ werden zwar „schmutzige Rapper“, dennoch dürfte der ausgiebige Gebrauch von „Spast“ als Schimpfwort einige Sonderpädagogik-Studenten auf die Palme bringen. Und auch wenn diese Frontalangriffe zwangsläufig eine gewisse Arroganz und rechthaberische Attitüde voraussetzen, enttarnt Audio88 mit wenigen Zeilen in „Die Welt Dreht Sich Weiter“ die Inkonsequenz der eigenen Musik:

„Du hast keine Kilos verkauft
Du hast nur Platten über Leute, die Kilos verkaufen, verkauft
Und die Leute für dumm
Aber ist ja nicht schlimm
Ich mach ja auch Platten über Kinder in Vietnam, die meine Nikes vernähen
Und unternehme nichts.“

Schon die Anspielung auf Torchs vermeintlichen Meilenstein des Deutschraps „Blauer Samt“, an dessen Denkmal Audio und Yassin allerdings kräftig rütteln, deutet an, dass auf „Normaler Samt“ vor allem die eigene Szene vor und hinter der Bühne aufs Korn genommen wird. Bei „Nett Sind Sie Alle“ sitzt das Duo im Backstagebereich und beäugt missmutig die scheinheiligen Verbrüderungsszenen zwischen den wacken Kollegen, in „Gangzeichen (Dresden)“, „Das Orakel Von Delfin“ und „Schmutzige Rapper“ widmet es sich den eigenen Fans und ihren Erwartungshaltungen: „Du willst persönliche Texte? Fang ein Tagebuch an!“ Trotz dieser ausgestellten Anti-Haltung haben „der Möchtegern-Kanake und die Glatze mit der Zahl“ für den zehnminütigen Posse-Track „Normale Freunde“ dann doch zwölf befreundete und talentierte Rapper wie Hiob, Morlockk Dilemma, Sylabil Spill oder DCVDNS um sich geschart und sich dazu von den Betty Ford Boys (Dexter, Brenk Sinatra, Suff Daddy) einen Beat basteln lassen, der passend zum Flow jedes MCs variiert und so nie Langweile aufkommen lässt.

Insgesamt sind die Texte von „Normaler Samt“ im Vergleich zu den beiden Vorgängern „Zwei Herrengedeck, Bitte“ und „Nochmal Zwei Herrengedeck, Bitte“ fokussierter und stringenter, wurden sauberer eingesungen und abgemischt. Auch die Dramaturgie des Albums wirkt vom Intro „Normaler Samt“ über das Instrumental-Stück „Der Rest Der Band Stellt Sich Vor“ und „Dieses Interlude“ bis zu „Das Letzte Lied“ durchdachter und unterteilt das relativ lange Album sinnvoll in Kapitel. Die Instrumentals von Torky Tork mit Cuts von Breaque erinnern höchstens entfernt an die rumpeligen, noisigen Beats der vorigen Alben, dürfen wie bei „Nett Sind Sie Alle“ oder der von Tua veredelten Beinahe-Ballade „Taschentuch“ sogar gefällig und poppig klingen. Deren Refrain beweist genau wie der Trap-Beat des Intros, dass Audio88 & Yassin die Wut und die teils bitterbösen Texte mit einer ordentlichen Portion Klamauk und zum Teil fast kindischen Blödeleien kompensieren.

Ich spare mir an dieser Stelle den Witz, wie normal dieses Album geworden ist – den haben Audio und Yassin während der ausgiebigen Promophase selbst oft genug gerissen. Natürlich funktioniert Promotion bei dem Duo nicht ohne ironische Brechung und so wurde jeder Post und jeder Tweet zum Album mit dem augenzwinkernden Hashtag #promophase versehen. Solche Witze und auch der bissige Zynismus und Nihilismus auf dem Album können nicht darüber hinwegtäuschen, wie stolz die beiden MCs auf ihr Werk sind und so beenden sie „Normaler Samt“ tatsächlich mit einem pathetischen „Wir haben es geschafft“-Outro, das nicht mit Eigenlob spart, aber sich auch artig bedankt: „Ihr gebt der Mukke erst den Sinn/ Denn ohne jeden einzelnen von euch gäb‘ es niemand zu beleidigen.“ Gern geschehen.

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