AUFTOUREN 2014 – Das Jahr in Tönen


40

Sevendeaths

Concreté Misery

[LuckyMe]

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Dass es sich beim Debüt des Edinburghers Steven Shade um kein ganz typisches Drone-Album handelt, lässt sich schon an dem Musiklabel erahnen, welches es Anfang 2014 veröffentlichte – nicht weil LuckyMe eine makellose Diskographie hätte, sondern weil es mehr für die Dance-Maximalismen von Rustie, Baauer oder TNGHT bekannt ist als für beatlose Instrumentals. Gerade weil Shades Musik in ihrer Intensität dahinter nicht zurückstehen muss, ist es mal ganz etwas anderes, auf „Concretè Misery“ eine gute halbe Stunde in seinem Kopf zu verbringen. Die sechs Stücke fließen ineinander in einer Art, die keine echte Pause von ihrem aufmerksamkeitsfordernden Magnetismus erlaubt, aber auch schnell die Verschiedenheit seiner Ansätze illustriert. Mit apokalyptischer Tonführung, unausweichlichem Bassvolumen und shoegazigen Bitfluten inszeniert Shaw eine Synthsinfonie elementarer Imposanz voll Beklemmung und Verwirrung. (Uli Eulenbruch)


39

Restorations

LP3

[Side One Dummy]

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Mit der nüchternen Betitelung ihrer Alben waren Restorations einem Trend dieses Jahres schon gehörig ihrer Zeit voraus: Allein schon unter den hörenswerten Veröffentlichungen gab es Massen namens „LP1“ und „EP1“ oder „EP2“, doch nur eine „LP3“. Da ist es zu wünschen, dass auch anderen Bands die Annäherung vom Jawbreaker-ig aufgerauten, emotionalen Posthardcore zu Blue-Collar-Rock à la Springsteen und Constantines so erhaben und kraftvoll gelingt wie dem Quintett aus Philadelphia. Noch monumentaler als andere Bands aus jener Stadt, die momentan zur neuen Indierock-Hochburg erwächst, zelebrieren Restorations geradezu die Wucht und kathartische Breite des Sechssaiters im feingliedrigen Spiel ihres Gitarristentrios. Blechbläser und Keyboard runden nur die Weite und Komplexität ihrer Arrangements ab, die von Jon Loudons Kratzstimme in einen hochmelodisch mitreißenden Rundumschlag nach dem anderen geworfen werden. (Uli Eulenbruch)


38

How To Dress Well

„What Is This Heart?“

[Domino]

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Auf seinen vergangenen beiden Alben inszenierte sch Tom Krell unter seinem Moniker How To Dress Well als verrauschtes, düsteres Pop-Mysterium, das seine Liebe zu Spät-Neunziger R’n’B hinter einem intellektualisierenden Schleier aus Lo-Fi, Noise und Ambient verbarg. Auf „What Is This Heart?“ lüftet sich nun der Schleier und in Krells nihilistische Soundgebilde kehrt erstmals so etwas wie Hoffnung ein. Die Handreichung in Richtung klassischer Songstrukturen und Mainstream-R’n’B macht sich bezahlt, denn auch wenn die ganz großen Melodien hier noch auf sich warten lassen, hat man an jeder Stelle das Gefühl, Zeuge einer beeindruckenden Evolution zu sein. (Bastian Heider)


37

Caribou

Our Love

[City Slang]

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Nach dem Techno-Ausflug mit seinem Zweitvehikel Daphni machte sich Mathe-Crack Dan Snaith dieses Jahr wieder an eine neue Caribou-Platte, die, man muss das so klar sagen, nichts anderes als ein weiteres Meisterwerk geworden ist. Manche beklagen, dass Snaith auch mit Caribou immer technoider würde und irgendwie stimmt das ja auch, aber einen Malus kann man darin nun wirklich nicht erkennen. Die Zeiten verhuschter Folktronica wie dereinst auf „Andorra“ sind nun mal gezählt, „Our Love“ hat dafür die cleversten Ohrwürmer, die man sich im vergangenen Kalenderjahr einfangen konnte. Egal ob der Titelsong oder der fantastische Eröffnungssong „Can’t Do Without You“, Snaith fährt große Geschütze auf und versieht seine Songs mit Melodien für Millionen. To cut a long story short: Außen Top-Hits, innen Geschmack. (Kevin Holtmann)


36

S

Cool Choices

[Hardly Art]

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Wie gut, dass man topinformierte Kollegen hat: Ohne einen solchen hätte man womöglich nie von „Cool Choices“ von S erfahren. Es ist ein Album, das man 2014 wirklich gebraucht hat, ohne es zu wissen – aber das merkt man erst bei den ersten Takten von „Like Gangbusters!“ oder der wunderbaren Single „Vampires“. Oder beim entspannten Pop von „Tell Me“. Oder bei den melancholischen Pianoklängen von „Remember Love“, dem eingängigen Indie-Rock von „Brunch“, der niederschmetternden Traurigkeit von „Losers“. Oder beim sphärischen Abschluss von „Let The Light In“. Oder bei den anderen fünf Stücken. Danke, Kollege Holtmann. Diese Empfehlung war bitter nötig. (Jennifer Depner)


35

Javiera Mena

Otra Era

[Unión Del Sur]

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„Queer-utopischer chilenischer Synthpop“ – bei der Umschreibung, mit der uns Kollege Uli „Otra Era“ nahelegte, herrscht natürlich erstmal großer Exotismus-Alarm. In Wirklichkeit klingt das dritte Album der südamerikanischen Indie-Queen allerdings so balearisch Eurodance-infiziert wie kaum ein zweites in diesem Jahr. Blumige und sonnengeflutete Beats bilden hier die Kulisse für Menas außerordentlich charismatische Stimme. So eine schonungslose, unironische Bekenntnis zur großen und gänzlich gitarrenbefreiten Popgeste kennt man aus indieaffinen Kreisen höchstens noch von Saint Etienne – oder um in den Worten des Kollegen zu bleiben: „in etwa die beste hispanophone Kylie Minogue/Pet Shop Boys-Kollaboration, die es nie gab“. (Bastian Heider)


34

Ex Hex

Rips

[Merge]

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Seit zwanzig Jahren versorgt Mary Timony die Welt mit feinstem Indie-Rock, den auch immer eine gewisse Sperrigkeit auszeichnete. Hier hat sie nun mit ihrer neuen Band den Hebel angelegt und ihren Sound etwas entrümpelt. Doch keine Angst, auch „Rips“ ist von Kaugummi und großer Bühne meilenweit entfernt, auch wenn es hier und da eine erstaunliche ästhetische Nähe zum klassischen Rock der 70er- und frühen 80er Jahre aufweist. Dabei aber nostalgisch zu klingen, kommt für Ex Hex nicht in Frage. Dafür ist alleine schon der neue Anstrich zu erfrischend und das hörbare Selbstverständnis, Musik unabhängig von Zeit und Ambitionen machen zu wollen, zu dominierend.
(Felix Lammert-Siepmann)


33

A Sunny Day In Glasgow

Sea When Absent

[Lefse]

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Von einem Sommeralbum zu sprechen, wäre beim gewohnt verzerrten Sound von A Sunny Day In Glasgow dann vielleicht etwas übertrieben. Doch nicht nur die Titel „Bye Bye, Big Ocean (The End)“ und „Golden Waves” der Anfangs- und Schlussstücke tragen warme Konnotationen. Neben der klanglichen Unverwechselbarkeit, die sich die Band in gerade einmal sieben Jahren erarbeitet hat, strotzt „Sea When Absent“ nur so vor Energie. Die feinen Pop-Strukturen, die sich unter fast jedem Song verstecken, werden standesgemäß von mächtigen Teppichen überlagert. Diese gehen hier aber vielfach ins Euphorische über und überschlagen sich geradezu vor Freude. (Felix Lammert-Siepmann)


32

The Notwist

Close To The Glass

[City Slang]

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Es war eindeutig die „Best of both worlds“-Scheibe der Konsensband um Markus Archer und Co.: „Close To The Glass“ versammelt melodisch glasklare Indiepop-Songs (beispielsweise das fast schon hittige „Kong“), präsentiert aber auch die experimentelle Seite der Chaos-Computer-Club-Band, die insgesamt ein wenig Überhand gewinnt. Verspielt, verknotet, nerdig, dezentral und für eine Überraschung nie zu schade. Das gipfelt in einer fast zehnminütigen Synthie-Irrfahrt (vermutlich aus der Feder von Console), auf die prompt im Anschluss auch schlichte Akustik-Nummern („Casino“) folgen können. Selten vernimmt man eine Band, bei der scheinbar jeder macht, was er will, aber zum Schluss doch alles minutiös ineinander passt. Ein erneut großer Wurf, auch wenn man von „Close To The Glass“ keine „One With The Freaks“-Singleklassiker erwarten darf. (Philipp Kressmann)


31

alt-J

This Is All Yours

[Infectious]

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Für alt-J war es ein wahnsinniges Jahr. Nach der Prämierung ihres Erstlings „An Awesome Wave“ mit dem Barclaycard Mercury Prize und vor dem Erscheinen ihres zweiten Albums waren sie für viele noch eine überdurchschnittlich bekannte Indieband. Dann stand „This Is All Yours“ plötzlich in den Top 10 der deutschen Charts und die Konzertlocations platzten aus allen Nähten. Und das natürlich vollkommen zurecht! Auch 2014 klingen alt-J so experimentierfreudig und unkonventionell wie kaum eine andere britische Indieband. Wieder ist der Gesang an vielen Stellen eher Instrument, wieder brechen sie ihre Songs regelmäßig durch Soundversatzstücke (wie zum Beispiel ein Miley-Cyrus-Sample) auf, wieder schlängelt sich die Band quer durch die Genrelandschaft und wieder gibt Joe Newmans unverkennbare Stimme den Liedern den letzten Schliff. Allerdings sind alt-J ruhiger geworden, sie lassen sich mehr Zeit und drehen weniger auf. Auch das können sie, denn alt-J wissen einfach, wie es geht. (Benedict Weskott)

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6 Kommentare zu “AUFTOUREN 2014 – Das Jahr in Tönen”

  1. dEUS sagt:

    Sehr Gute Auswahl und wie letztes Jahr mit Deafheaven auch dieses Jahr wieder volle Übereinstimmung mit meiner Platte des Jahres, „Lost in the Dream“

    Vermisse lediglich die wunderbar melancholische Damon Albarn Platte und die vor allem durch euch entdeckten Harakiri for the Sky.

  2. Crazy Eyes sagt:

    Auf die 1 einigen wir uns sofort! Freut mich zudem auch sehr für Total Control, Human Abfall und Hotelier. Kann sich immer noch auf euch verlassen ;)

  3. saihttam sagt:

    Natürlich mal wieder eine sehr gute Liste von euch, die meinen Geschmack ziemlich gut trifft!
    Ansonsten fehlen mir noch Real Estate und die Wild Beasts. Deren neue Alben sind zwar nicht ganz so toll, wie die direkten Vorgänger, aber dennoch wieder sehr gut. ahja, und vielleicht noch Mr Twin Sister!

  4. billy-walsch sagt:

    feine liste, hab für meine persönliche aufstellung auch reichlich gemopst. dennoch schade, dass ihr andy stott nicht berücksichtigt habt. beinahe ein bisschen empört bin ich aber in dem moment, wo ihr die wild beasts außen vor lasst: nur durch euch konnte ich mich derart verlieben – daher: nachträglich lieben dank, aber auch: WIE KONNTET IHR NUR(ist doch wirklich eine feine platte).

  5. billy walsh (untrunken so geschrieben) sagt:

    mal nebenbei: gibt’s eigentlich den guten alten listen-schabernack der letzten jahre oder hab ich was übersehen?

  6. Oh ja, unser Jahresendprogramm hat gerade erst angefangen. Nach der „Geheimen Beute“ kommen unsere Einzellisten, die Listen anderer Musikmagazine und -Seiten, die EPs und die Musikvideos des Jahres.

    Und Wild Beasts gehörten auf jeden Fall auch dieses Jahr bei uns zu den Favoriten und haben die Top 50 wirklich nur ganz knapp verpasst, glaube sogar in letzter Sekunde – die sind quasi auf Platz 51.

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