Ex HexRips

Eigentlich sollte es schwerfallen, einen Text über Ex Hex nicht mit einem historischen Abriss über ihre Bandchefin zu beginnen. Doch in seiner ungezwungenen Spiellust macht das Debütalbum des Powertrios den Blick aufs Hier und Jetzt zur Leichtigkeit, mit nonchalantem Druck und mit viel melodischem Ausdruck zeigt es, dass die lautesten Rockbands nicht immer die besten sind. Vergnügt lässt Mary Timony auf „Rips” nicht nur ihre Stimme, sondern auch ihre Gitarre sprechen.

Über Timony braucht man auch deswegen vorab keine Worte zu verlieren, weil Ex Hex ihre besten Qualitäten sofort aufzeigen. Wo immer eine Gesangsmelodie ihr Komplementär sucht, wo immer ein Song nicht allein von Akkorden getragen werden kann oder ein Sitzplatz zwischen Refrain und Strophe freizuwerden droht, da fällt Timony mit einem munteren Lick oder einem markant-ausdrucksstarken Solo ein. Zwar spielt sie vor allem Letztere so konzentriert, wie es die fingertechnische Präzision erfordert, doch anstatt zum Selbstzweck oder zur Selbstdarstellung zu werden, steht ihre Technik ganz im Dienste eingängiger Power-Pop-Songs in wahrhaft zeitloser Lebendigkeit.

Die angenehm ausdifferenzierte Produktion (also: weder ausgestellter Lo-Fi-Murks, noch übermäßig laut frisiertes Foo-Fighters-Arenapoltern) lässt unter dezent glänzender Politur genug Spielraum, um auch mal die körnigen Druckstellen wie in „Everywhere” hervortreten zu lassen, vor allem die Albummitte bietet hingegen eine Ode an warmen 70er-Radiosound – buchstäblich: „Radio On“ ist melodisch an The Modern Lovers‘ „Roadrunner“ angelehnt und greift sich als Refrain eben jene Worte als Refrain heraus. Der andere von Drummerin Betsy Wright geschriebene und von Bassistin Laura Harris gesungene Song des Albums, „How You Got That Girl“, könnte mit warmen Gesangsharmonien und Handklatschern schon fast zu deutlich in die Vergangenheit greifen, würde sich nicht so ein sattes Aufheulsolo darüber legen. Geschichtsträchtig ist auch die Akkordfolge von „Hot And Cold“, sowohl von „Crimson & Clover“ als auch „Sweet Jane“ bekannt, doch mit einem daraus hochspiralenden findig-bunten Lick legt Timony dem Stück wieder ihren eigenen lässigen Stempel auf.

Ex Hex wollen die Vergangenheit nicht reanimieren, sie haben nur daraus gelernt, dass frohgemute Rocksongs mehr als schablonenhaftes Akkorde-Runterspielen sein können. Keine zwei Songs in Sichtweite voneinander bewegen sich gleich, Ex Hex variieren Intros und Tempo und gelangen dabei nie zum Stillstand. Mit klassischen Songwriting-Tricks bringt Timony in „War Paint“ die Taktbetonung mit gestottertem „T-t-t-t-t-too cool“ ins Schwanken, „Beast” ist ein wahrer Gesangsdialog zwischen Gesang und Gitarre auf gleicher Sprachebene, während in „Waterfall” die hochtönig verzogene Saite den Antwortgesang doppelt.

Nach über 20 Jahren im Indie-Rock mit Helium, der Mary Timony Band, solo und der Supergroup Wild Flag mit Sleater-Kinneys Carrie Brownstein, nach Veröffentlichungen auf Dischord, Matador, Merge, Killrockstars und Sub Pop sollte Mary Timony nicht mehr das Gefühl haben, irgendwem noch etwas beweisen zu müssen. So ist dies denn auch kein Album, das einen vermeintlich rebellischen oder antagonistischen Geist der konservativen Rockmusik aufzuwärmen sucht, an den eh niemand mehr glaubt. „Rips“ verströmt ohne Anbiederung das Gefühl von etwas Kommunalen, zu dem alle eingeladen sind: Zeitloser Rock’n’Roll-Fun.

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