Dem Glas nahe zu sein, das ist die Nähe zur Entfernung, darüber ließe sich sicherlich ein vortrefflich verschwurbeltes Buch schreiben. So wie sich auch wunderbar über die Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeit, die grenzenlose Diversität aus einem Guss und die krummen Wege geradeaus reden ließe, als wären wir in einem hippen, poststrukturalistischen, französischen Roman Protagonisten und Leser in einem, Zeichen und Fleisch zugleich. Vor dem Wortschwall muss niemand kapitulieren, denn nichts als Poesie, Schwärmerei, Kunst steckt dahinter. Natürlich gibt dies keiner, der noch bei Trost ist, zu, doch Worte dehnen das Banale und Musik lässt es tanzen. Kein Einhalt der Vielfalt, keine Einfalt im Vielen, stattdessen die Formel für Musik: Klarheit vernebeln, bis hinter dem Vorhang neue Klarheiten hindurch schimmern. Genuss und Herausforderung und am Ende wieder: Genuss.

Das alles ist Close To The Glass.
Das alles sind The Notwist.

So in etwa. Das Gute an dem monolithischen Mysterium aus Sinn und Eigensinn, Kopf und Starrköpfigkeit, Experiment und Song, mit dem The Notwist von Weilheim auf die (Pop-)Welt starren und wirken, besteht in seiner fassbaren Unfassbarkeit (und unfassbaren Fassbarkeit, klaro!). Im Werdegang aus Hardcore-Sphären Anfang der 90er- hin zum freigeistigen Indie-Pop der 00er-Jahre wurde die Band um Markus und Micha Acher nicht primär älter, sondern weiser. Verschroben brauchten sie nicht werden, das waren sie schon immer. Elektronische Pluckereien kamen hinzu, von Martin Gretschmann geschickt ausgetüftelt, Markus Achers höfliche wie nachdenkliche Art zu singen blieb als treuer Begleiter auf den Entdeckungsreisen durch die Stile, durch Avantgarde, Pop, Post-Rock, Jazz, Kraut, Noise, Easy Listening, Hip Hop … Dabei entstand mit „Neon Golden“ 2002 die beste vergessene Konsensplatte des vergangenen Jahrzehnts. War das Indietronic?

Man weiß es nicht genau. Auf jeden Fall waren das The Notwist. Sie sind es immer noch: Kopfhörer sind zu empfehlen. Sinn für die poetische Melancholie bezaubernder Negationen auch. Der Rest ist ein verzückt verkopfter Taumel aus Vielem und Allem: gemächlich sich herausschälende Beats unter dem Sonnenlicht gleißender Synthieflächen, „Signals“, die „like you“ sein wollen. Wummernde Bässe, abgehackte Rhythmen, Radiohead-Geheule im Hintergrund des Titelsongs „Close To The Glass“. Und das ist erst der Anfang! Zwei straighte Indie-Rock-Nummern mit Acher in ungeahnt gefühligen Höhen („Kong“) und unter Feedbackschichten in unerwartet direkten Metaphern („Seven Hour Drive“: „How I long to see you now/ Our love is a seven hour drive/ Seven hours too long“) klingen so catchy und verführerisch, dass ein Ausrufezeichen hinter den Hit muss: Hit!

Die weiteren Stücke sind ruhiger. Versonnen und versponnen balanciert etwa „Into Another Tune“ nicht nur eben dahin. „Casino“ stülpt erst spät Dramatik über die scheinbar kleine Folkskizze (lyrisch geradezu klassische Notwist: „One room for us/ Is not available“). Das krautige „From One Wrong Place To The Next“ führt zum glorreichen Shoegazer-Rock von „Seven Hour Drive“ hin. Danach wird erstmal verschnauft, ehe „Run Run Run“ ohne Karte auf Abenteuerreise durch Free Jazz, Beats und Geräusche geht. „Steppin‘ In“ konzentriert das Drama auf streichergetränkte zwei Minuten. Das Instrumental „Lineri“ klingt wie Kraftwerk an einem lauen Sommerabend und mit Gitarren und am Ende von „Close To The Glass“ steht mit „They Follow Me“ ein Song, der sich ehrfürchtig und elegant um sich selbst dreht.

„Close To The Glass“ ist mehr als die Summe seiner Teile: Es baut schwankend Brücken an den richtigen Stellen, es kann verstören und umarmen, verschwinden vor Innerlichkeit und explodieren vor Äußerlichkeit. Der Gänsehautzähler arbeitet auf Hochtouren. Es könnte um Zeichen der Nähe und Entfernung gehen, aber es geht um viel mehr. Wie eine Werkschau, aber als Abenteuer, nicht als Museum. „Close To The Glass“ fängt die Stimmung vornehmer Melancholie vortrefflich ein. The Notwist sind Giganten. Ich bin beeindruckt.

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