AUFTOUREN 2014 – Das Jahr in Tönen

In Ermangelung großer übergreifender Trends – falls es so etwas überhaupt gibt – war 2014 wohl das Jahr, in dem gleich mehreren alten Auftouren-Favoriten der Durchbruch gelang. Wer schon länger auf dieser Seite mitliest, konnte so über die letzten 6½ Jahre auch mitverfolgen, wie sich The War On Drugs und Future Islands von Geheimtipps unter Musikfans zu Festival- und TV-Attraktionen entwickelten.

Dass wir weiterhin selbst im internen Gespräch und Tipps-Zuschieben eine Menge feiner Musik entdecken, reflektiert auch die Liste unserer 50 Lieblingsalben, in der sich nicht nur alte Bekannte wie FKA twigs wiederfinden, die schon die letzten zwei Jahre in unseren EPs des Jahres ganz vorne mit dabei war. Die Macher unseres Albums des Jahres aber sind sicherlich nicht aus heiterem Himmel gefallen, doch ob sie in den nächsten Tagen nun auf einer oder einhundert anderen Bestenlisten auftauchen werden: Mit selten deutlichem Abstand thront auf Platz 1 eine Platte, die so viele von uns bewegt hat wie keine andere aus diesem Jahr.


50

clipping.

CLPPNG

[Sub Pop]

Rezension | Homepage

Es geht um Sex und Macht. Die Beats des Noise-Rap-Trios aus L.A. sind oft nackte Aneinanderreihungen von akustischen Verrenkungen, Dekonstruktionen von Lärm oder zerklüfteten Widerhaken, die zu gleichen Anteilen aber mit einprägsam-melodischen Bässen oder Samples verflochten sind.  Die schonungslosen Störfeuer des letztjährigen Debüts „midcity” werden auf „CLPPNG” durch Vielseitigkeit abseits konventioneller Routen ersetzt, während weiterhin Erwartungen mit Ernsthaftigkeit unterlaufen werden.  Songs aus dem Inneren eines überlasteten Faxgerätes oder amoklaufenden Zaunarztbohrern gehören so der Vergangenheit an, auch wenn beispielsweise „Get Up” ein Alarm-Sample derart unverschämt breit grinsend drei Minuten durchfiepen lässt, bis die Grenze zur Ironisierung der eigenen künstlerischen Herangehensweise meilenweit überschritten ist. clipping. schaffen sich ihre eigenen Regeln – Anbiederung gehört ganz sicher nicht dazu. (Markus Wiludda)


49

Hundred Waters

The Moon Rang Like A Bell

[!K7]

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Zauber, Wunder, Traum: Man ringt bei der Beschreibung dieses anmutigen Albums um Worte, die nicht an die alltägliche Realität gebunden sind. Hundred Waters leben in einer nebeldurchhauchten Lichtwelt aus samtigen Grooves, Klavierspiralen und angelisch verflochtenen Stimmwogen, doch „The Moon Rang Like A Bell” ist alles andere als sorgenloses Friede, Freude, Eierkuchen. Aus den Texten – nicht vorgetragen, sondern verkörpert von Nicole Miglis‘ bis ins Angeschlagen-Brüchige wandelbarem Gesang – und den darum gespannten emotional tragfähigen Schattenmelodien sprechen zaghaftes Verlangen, Trauer, Sehnsüchte. Überaus irdische und menschliche Belange verwandeln Hundred Waters in kunstvollen Irreal-Pop. (Uli Eulenbruch)


48

Ja, Panik

LIBERTATIA

[Staatsakt]

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Nach dem in Inhalt und Umfang ausschweifenden, fast größenwahnsinnigen Meisterwerk „DMD KIU LIDT“ klingt der Nachfolger der Wahlberliner zunächst wie ein Rückschritt: 40 Minuten Wavepop mit Disco- und Soul-Elementen, überraschend poppig und gutgelaunt. Doch bei „Libertatia“ handelt es sich erneut um ein Konzeptalbum, das in Anlehnung an die vermutlich fiktive Piratenrepublik in Madagaskar der Welt eine erstrebenswerte Utopie entgegensetzt, und es geht der zum Trio geschrumpften Band immer noch um das Dagegensein. Allerdings ist der Protest nun weniger konkret und selbstzerstörerisch, sondern kryptisch, sexy und tanzbar. „ACAB“ steht da selbstverständlich für „All cats are beautiful“ und in der Disco schwingt man zu den Klängen der Europäischen Zentralbank seine Hüfte: „Dance The ECB“. (Daniel Welsch)


47

Have A Nice Life

The Unnatural World

[The Flenser]

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Auch mit „The Unnatural World“ ist Have A Nice Life der ganz große Sprung nach vorne verwehrt geblieben. Bei so einem unverdaulichen, zentnerschweren Brocken ist das eigentlich auch kein Wunder: Die dichte Produktion saugt sämtliche Lebenszeichen im Ansatz auf, bis schließlich alles entrückt und nicht mehr zu greifen ist. Sich strauchelnd so den Weg bahnend, reißt die Band ein ums andere Mal neue Abgründe auf. Post-Punk und Gothic prallen hier in vollem Tempo auf Shoegaze und Drone und erzeugen gleichsam einen Urknall, der die Tür zu einer Dystopie öffnet. Dieser Ansatz ist nicht neu, die kompromisslose Schonungslosigkeit im Vortrag war aber im abgelaufenen Jahr sicherlich eine Rarität. (Felix Lammert-Siepmann)


46

Future Islands

Singles

[4ad]

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Nicht nur steht die Wave-Stilistik von „Singles“ dem Baltimorer Synthpop-Trio fantastisch, Future Islands‘ Sound ist auch heller und popaffiner geworden.als auf den oft unterschätzten Vorgängerwerken. Während sich der Typ mit der markanten Stimme, Sänger Samuel T. Herring, bei Liveversionen der damaligen Durchbruchs-Single „Tin Man“ noch selbst schlug, schien er während der Performance von „Seasons (Waiting For You)“ bei David Letterman die Welt umarmen zu wollen. Nicht nur weil dieser Clip im Netz kräftig geklickt wurde, kam man 2014 an dieser Band nicht vorbei. Der Albumtitel spricht Bände: Hier war tatsächlich jeder Song potentieller Single-Anwärter. (Philipp Kressmann)


45

HITS

Hikikomori

[Beast]

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Das Schlagzeug marschiert ab wie eine Dampframme, die beiden Gitarren rocken stumpf drauflos, gniedeln mal hier mal da ein Solo, der Bass drückt und der Sänger trägt seine Texte, mit regelmäßigen Dopplern einer der Gitarristinnen, in einem Modus vor, der mit “deadpan” recht gut beschrieben ist. Totale Langeweile? Nee, genau das Gegenteil! HITS aus Brisbane haben kurz vor Jahresende die geilste Indie-Punk-Gitarrenplatte 2014 rausgehauen, spätestens nach dem zweiten Durchgang grölt man Textpassagen mit und an Stillsitzen ist sowieso nicht mehr zu denken. Ein Beweis mehr, dass man selbst in eigentlich ausgelutschten Genres noch einiges reißen kann, wenn die Attitüde stimmt.  (Mark-Oliver Schröder)


44

Damien Jurado

Brothers And Sisters Of The Eternal Son

[Secretly Canadian]

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„Space-Folk“ hieß es in unserer Rezension und genau genommen ist diese Bezeichnung ziemlich treffend: Damien Jurado hat dem psychedelischen Anstrich von „Maraqopa“ einen raumgreifenderen Rahmen gegönnt und somit einen idealen Nachfolger geschaffen. Inhaltlich äußert sich das in immer mal wieder augenzwinkernden, aber zumeist ziemlich melancholischen Stücken, die irgendwie immer eine Reise an die Grenzen des Ichs verdeutlichen. Die zehn Songs bieten deutlich mehr Einigkeit als der Vorgänger, was sich allein schon in den Titeln verdeutlicht, tragen doch fünf davon ein „Silver“ im Namen. Über allen augenscheinlichen Fluss hinaus bietet Jurado aber noch mehr an. So vagabundieren Stücke wie „Magic Number“ oder „Silver Donna“ erhaben durch Raum und Zeit, während „Silver Joy“ sich ausschließlich komplett im Innersten abspielt. Ein wahrhaft überwältigendes Vergnügen. (Carl Ackfeld)


43

Douglas Dare

Whelm

[Erased Tapes]

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Douglas Dare übt sich in perfektioniert zurückhaltender Schwermut. Auf eine charakteristische Weise vertont der Londoner seine Lyrik mit ruhiger, mal elegischer, mal drängender Musik. Dare lässt seinen Lieder Zeit, um sich zu entwickeln. Jeder Song auf „Whelm“ ist schon ganz für sich besonders und erzeugt im düsteren Grundton des Albums eine eigene Atmosphäre. Von Zeit zu Zeit verstummt die Musik, um seiner tiefschürfenden Stimme noch mehr Raum zu geben. So brennen sich Douglas Dares Geschichten ins Gehirn und lassen „Whelm“ zu einem der Höhepunkte des musikalischen Jahres werden. (Benedict Weskott)


42

RATKING

So It Goes

[XL]

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Die aktuelle New Yorker Rapszene ist nicht gerade arm an Talenten. RATKING haben ihren Altersgenossen von Pro Era oder The Underachievers jedoch voraus, dass sie auf ihrem Debütalbum „So It Goes“ einen Sound gefunden haben, der an die goldene Ära des Ostküsten-Raps anknüpft und dennoch eine Vorstellung gibt, wo die Reise hin gehen könnte. Selbst wenn die Instrumentals von Produzent Sporting Life in ihrer rustikalen Schlichtheit an Public Enemy oder den Wu-Tang Clan erinnern, machen rauschende Störgeräusche und Verzerrungen die zeitliche Distanz deutlich und erheben sie so gleichzeitig zu etwas Neuem. Und was den beiden MCs Wiki und Hak (noch) an Storytelling-Fähigkeiten fehlt, machen sie mit jugendlicher Aggression und Wut locker wett. (Daniel Welsch)


41

King Creosote

From Scotland With Love

[Domino]

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Es ist schon bemerkenswert, dass erst ein Film über die schottische Seele und dessen Soundtrack den viel veröffentlichenden Songwriter Kenny Andersen noch deutlicher ins Bewußtsein ruft. Die schon auf dem exzellenten Album „Diamond Mine“ gemeinsam mit Jon Hopkins begonnene Landschaftsvertonung führt auf „From Scotland With Love“ zu einer deutlich songorientierteren Ausführung und zeigt eindrucksvoll die Bandbreite des Musikers mit der außergewöhnlichen Stimmfarbe. Ob Abzählreim wie bei „Bluebell Cockleshell 123“, der Vaudeville-Ausflug „Largs“, die sanfte Hochlandballade „Cargill“ oder der emotionale Tränenausbruch „Pauper’s Dough“, King Creosotes Liebeserklärung an seine Heimat ist ein wahrhaftiger Ohrenschmaus, der auch ohne die sehr gelungene Bebilderung der Regisseurin Virginia Heath seine Wirkung entfaltet. (Carl Ackfeld)

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6 Kommentare zu “AUFTOUREN 2014 – Das Jahr in Tönen”

  1. dEUS sagt:

    Sehr Gute Auswahl und wie letztes Jahr mit Deafheaven auch dieses Jahr wieder volle Übereinstimmung mit meiner Platte des Jahres, „Lost in the Dream“

    Vermisse lediglich die wunderbar melancholische Damon Albarn Platte und die vor allem durch euch entdeckten Harakiri for the Sky.

  2. Crazy Eyes sagt:

    Auf die 1 einigen wir uns sofort! Freut mich zudem auch sehr für Total Control, Human Abfall und Hotelier. Kann sich immer noch auf euch verlassen ;)

  3. saihttam sagt:

    Natürlich mal wieder eine sehr gute Liste von euch, die meinen Geschmack ziemlich gut trifft!
    Ansonsten fehlen mir noch Real Estate und die Wild Beasts. Deren neue Alben sind zwar nicht ganz so toll, wie die direkten Vorgänger, aber dennoch wieder sehr gut. ahja, und vielleicht noch Mr Twin Sister!

  4. billy-walsch sagt:

    feine liste, hab für meine persönliche aufstellung auch reichlich gemopst. dennoch schade, dass ihr andy stott nicht berücksichtigt habt. beinahe ein bisschen empört bin ich aber in dem moment, wo ihr die wild beasts außen vor lasst: nur durch euch konnte ich mich derart verlieben – daher: nachträglich lieben dank, aber auch: WIE KONNTET IHR NUR(ist doch wirklich eine feine platte).

  5. billy walsh (untrunken so geschrieben) sagt:

    mal nebenbei: gibt’s eigentlich den guten alten listen-schabernack der letzten jahre oder hab ich was übersehen?

  6. Oh ja, unser Jahresendprogramm hat gerade erst angefangen. Nach der „Geheimen Beute“ kommen unsere Einzellisten, die Listen anderer Musikmagazine und -Seiten, die EPs und die Musikvideos des Jahres.

    Und Wild Beasts gehörten auf jeden Fall auch dieses Jahr bei uns zu den Favoriten und haben die Top 50 wirklich nur ganz knapp verpasst, glaube sogar in letzter Sekunde – die sind quasi auf Platz 51.

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