AUFTOUREN 2013 – Das Jahr in Tönen

King Gizzard & The Lizard Wizard

„Float Along – Fill Your Lungs“

[Dot Dash/Flightless]

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Was für eine irre Band: Nachdem King Gizzard & The Lizard Wizard im ersten Halbjahr mit „Eyes Like The Sky“ noch ihren Spaghetti-Western-Tarantino abfackelten, stand die zweite Jahreshälfte im Zeichen des 60er-Psychedelic-Rock. Selbst der letztjährige Durchschuss von Tame Impala wirkt im Gegensatz zu „Float Along, Fill Your Lungs“ kleinkalibrig, wenn sich die siebenköpfige australische Band mal locker Zeit für einen 16-minütigen, reichlich nikotinhaltigen Einstieg lässt. Doch auch nach „Head On/Pill“ (einer der Songs des Jahres) ist die Luft keineswegs raus: Es riecht nach britischem Blut, Grateful Dead und allerhand Zeugs, das man in Ruhrgebietsstädten maximal in abgeschotteten Nordvierteln zu Straßenpreisen bekommt. Am Ende aber Win-Win, wenn das Sitar-Solo die letzten Worte hinaus bläst: „Float along, breathe a deep breath. Fill your lungs.“ (Pascal Weiß)


Deerhunter

„Monomania“

[4AD/Beggars]

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Mit dem 2010 veröffentlichten „Halcyon Digest“ waren Deerhunter auf ihrem künstlerischen Höhepunkt angelangt. Sie fanden die perfekte Balance zwischen somnambulem Dreampop und auf den Punkt gebrachten Rockminiaturen, ohne jedoch ihren experimentellen Charakter zu verraten. „Monomania“ ist nun das Album nach dem Meisterwerk und zeigt Bradford Cox und Co. von einer ganz anderen Seite. Kratzig, zickig, widerspenstig: Deerhunter formulieren mit dieser Platte ein Postpunk-Manifest, das mit „Nitebike“, „Neon Junkyard“ oder dem Titelsong einige der besten Antihymnen überhaupt bereithält. Doch auch für Schöngeister gibt es Futter: Das aus der Feder von Lockett Pundt stammende „The Missing“ ist traumhaft und schließt den Bogen zur Vorgängerplatte. Ein kaputter Seelenstriptease in zwölf fintenreichen Akten. (Kevin Holtmann)


tricot

„T H E“

[Bakuretsu]

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Die technische Perfektion von tricot ist fast schon erschreckend: Das Quartett aus Kyoto spielt einen derart zackig melodiösen Post-Hard-Math-Core, wie man ihn sonst fast nur von US-amerikanischen Angebern oder Genregrößen auf die Ohren bekommt. Dieser Umstand allein hätte allerdings nicht gereicht, tricots Debütalbum Ende November noch so hoch in unsere Jahrescharts zu katapultieren, dazu bedarf es schon etwas mehr. Und dieses Mehr ist der Gesang von Ikkyu Nakajima, die sich eben nicht genreklischeehaft ihre(n) Seele(npein) aus dem Leib schreit, sondern ihre Texte meistens in einer atemberaubenden Leichtig- und Poppigkeit intoniert, auch wenn die Musik um sie herum beinahe zu explodieren droht. Diese Kollision von Irgendwas-Core und J-Pop macht „T H E“ zu einem bleibenden und aufregenden Hörvergnügen. (Mark-Oliver Schröder)


Vampire Weekend

„Modern Vampires Of The City“

[XL/Beggars]

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Vampire Weekend hätten „Modern Vampires Of The City“ nicht nachträglich zum letzten Teil einer Albumtrilogie erklären müssen, mit der sie zur derzeit erfolgreichsten Indie-Popband Amerikas aufgestiegen sind. Es ergibt aber Sinn: Diese ist die Platte, auf der alle Fäden zusammenlaufen, Afrobeat-Restbestände neben traditionellen US-Songformen und HipHop-Produktion stehen, die Hits wirklich welche sind und „Hannah Hunt“ als einer der traurigsten und bestkomponierten Songs des Jahres über sich hinauswachsen kann. Ihre unverwüstliche Niedlichkeit tragen Vampire Weekend längst als Ehrenabzeichen vor sich her. Wer sie immer noch harmlos findet, muss aber langsam mal genauer hinhören. (Daniel Gerhardt)


Lower Plenty

„Hard Rubbish“

[Fire]

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Als wir im vergangenen Jahr die fantastischen Royal Headache überraschend auf Platz 3 unserer Jahrescharts wählten, haben wir das zweite große Album aus der umtriebigen Melbourne-Szene irgendwie unterschlagen. Gut, dass es in diesem Jahr via Europa-Release nochmal die Möglichkeit gab, unseren Fehler auszubügeln. Lower Plenty klingen wie die Lo-Fi gewordene Antithese zu Royal Headaches euphorischem Rock’n‘Soul. Depressionen, wo man hinschaut, verschmolzen in kraftlos dahingecroontem Girl-Boy-Gesang. Mal fühlt man sich an Velvet Underground erinnert, mal an eine existenzialistische Variante der Moldy Peaches. Mit dem grandiosen „Strange Beast“ enthält „Hard Rubbish“ zudem den trostlosesten kleinen Hit des Jahres. „Loneliness is the biggest killer of them all.“ (Bastian Heider)


Julia Holter

„Loud City Song“

[Domino]

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Julia Holter ist erwachsen geworden. Wo die vorherigen Alben noch einen improvisierenden Charme versprühten, zurrt „Loud City Song“ durch die teils überwältigenden Kompositionen feste Grenzen und verschafft so selbst den längsten, mit einer Fülle von verschiedenen Instrumenten und Ideen gepflasterten Stücken eine gemeinsame Struktur, die nur noch genau dann kurzzeitig aufgelöst wird, wenn Holter es wirklich so beabsichtigt. Aus den Texten auf „Loud City Song“ spricht eine tief verwurzelte Angst vor Einsamkeit und Identitätsverlust, die dank der lyrischen Tiefe geradezu auf beängstigende Weise mit den kühlen Art-Pop-Arrangements verschmilzt. Ein wahrhaft schaurig-schönes Werk. (Felix Lammert-Siepmann)


Jon Hopkins

„Immunity“

[Domino]

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Jon Hopkins‘ jüngste Remixe und Kollaborationen klangen wie Versprechen, die sein diesjähriges Album auf die denkbar erfüllendste Art und Weise einlösen konnte. Wie nur wenigen Alben gelingt es „Immunitiy“, mit seiner Idee von Techno sowohl die klassische Club- als auch die Indiefraktion abzuholen. Hier umspielen melancholische Melodiebögen den typischen 4/4-Takt, umwehen shoegazige Bassflächen das Triumvirat aus Kick, Snare und Hi-Hat. Klingt nicht unbedingt neu und aufregend, im Gegensatz zu vielen anderen Techno-Romantikern der letzten Jahre schafft es Hopkins jedoch, seinen Klanggemälden einen Rest progressiver, ja aggressiver Kante zu bewahren. So offen und gleichzeitig charakteristisch klang Techno in diesem Jahr nirgends sonst. (Bastian Heider)


Touché Amoré

„Is Survived By“

[Deathwish Inc.]

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Touché Amoré machen Musik auf Augenhöhe ihres Publikums. Nicht mit kumpelhafter “Zusammen an der Theke einen trinken”-Anbiederei, sondern mit Shows, bei denen Jeremy Bolme für jede vierte Textzeile das Mikro an die Kids in der ersten Reihe hält. So selbstverständlich wie seine Band sich die Bühne mit Metallern teilt oder ein Emo-Nebenprojekt führt, versteht sie es, Elemente aus Jahrzehnten des Punk, Hardcore und Post-Hardcore modern zu einem organischen großen Ganzen zu verweben. Die Songs mögen auf ihrem drittem Album länger sein, weniger abrupte Breaks und mehr eingängige bis hymnische Melodien haben, doch die kathartische Stärke insbesondere in Bolmes Stimme ist dadurch nur noch gewachsen, wenn er wie in Umarmung am Ende „This is survived by who held me up/ this is survived by who sang the song“ entgegenreicht. (Uli Eulenbruch)


Kurt Vile

„Wakin On A Pretty Daze“

[Matador/Beggars]

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Es bleibt dabei: Kurt Vile kann einfach keine schlechten Alben machen. Mehr noch, er wird immer besser. „Wakin On A Pretty Daze” setzt auf den Vorgänger „Smoke Ring For My Halo“ nochmal eins drauf, mit der bekannten ungehörigen Lässigkeit hangelt Vile sich über ausschweifende Melodie- und Erzählbögen von Geschichte zu Geschichte. Auf „Wakin On A Pretty Daze” kommt seine Gabe, das Gefühl für Zeit und Raum komplett auszublenden, so deutlich wie bisher noch nie zur Geltung. Ganz gleich ob im zehnminütigen Opener oder in den kürzesten Stücken, die Zeit verschwimmt, spielt keine Rolle mehr, wenn Vile mit seiner Akustikgitarre und seinem aufreizend desinteressierten Gesang alle in Hypnose versetzt. Das leichtfüßigste Album des Jahres. (Felix Lammert-Siepmann)


Daft Punk

„Random Access Memories“

[Columbia]

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Diesen Epic-Rock-Auftakt hätte wohl niemand auf dem Schirm gehabt, der noch den vokoderinfizierten Elektroschmock und die unglücklichen „Tron: Legacy“-Versuche im Ohr hatte. Abgeschrieben, auferstanden und aufgefahren in die Jahrescharts: Daft Punk haben mit maximal nervender Begleitpromotion ein Album abgeliefert, das vielseitiger und spannender nicht hätte erwartet werden können. Von Moroder-Pop bis Crooner-Funk sind sämtliche Spielarten Daft-Punk’scher Referenzen auf diesem Album enthalten, das mit über 40 Musikern über weite Strecken live eingespielt wurde und zum ultimativen Triumpf der Band erwuchs. Ein Spätwerk mit Strahlkraft, denn mit „Get Lucky“ haben sie nebenbei gleich den Top-Hit des Jahres abgeliefert, der bereits jetzt gemütlich seinen Platz in der Musikgeschichte eingenommen hat. (Markus Wiludda)

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9 Kommentare zu “AUFTOUREN 2013 – Das Jahr in Tönen”

  1. Stefan sagt:

    Stark, Banque Allemande in den Top10.

  2. Nihil sagt:

    „You’re nothing“ von Iceage hat es nicht mal in die Top 50 geschafft? WTF!

  3. Ravin sagt:

    Irgendwie haben mir HAIM in meinem desaströsem Sommer das Leben gerettet! Keiner mochte die richtig, keine ahnung warum?

  4. yyyyyyyy sagt:

    Weil die einfach scheiße sind.

  5. yyyyyyyy sagt:

    Dass Iceage es nich geschafft haben will mir auch nicht recht einleuchten. Auf jeden Fall wäre es ein Kandidat für die Top 10 gewesen.

  6. Pascal Weiß sagt:

    Mir persönlich ist irgendwie der Reiz an der Band flöten gegangen, seit ich sie zweimal live gesehen habe.

  7. HAIM sind auf jeden Fall ne bessere Liveband als Iceage, haha.

    Aber für mich hat vor allem die Platte mit dieser aufgeblasenen Produktion nicht so ganz funktioniert, dafür war an manchen Stellen das Songwriting zu unterentwickelt, auch wenn sie sicherlich kompetenter im Spiel geworden sind.

  8. yyyyyyyy sagt:

    Sind natürlich sehr gut zu vergleichen, Iceage und HAIM.

    Die Kritik an den Livequalitäten von Iceage kann ich nicht bestätigen, auch wenn ich diese schon oft gehört hab. Im UT in Leipzig Anfang des Jahres haben sie top abgeliefert, was sich in Verbindung mit der großartigen Umgebung des Veranstaltungsortes zu einem sehr guten Konzerterlebnis entwickelt hat.

    Naja, genug Fanboy-Gedöns, zurück zu HAIM: Wenn ich Fleetwood Mac will, geb ich mir auch Fleetwood Mac. Und die waren schon scheiße.

  9. Der Vergleich war nicht ganz ernst gemeint, das sind natürlich etwas unterschiedliche Bands. Bei Iceage scheint aber durchaus die Tagesform zu schwanken, ich hab auch schon von Leuten gehört, dass sie von einem Auftritt hellauf begeistert waren und nach dem nächsten ein wenig ratlos, ob sie da die gleiche Band gesehen hatten.

    Dass HAIM genau die gleiche Musik wie Fleetwood Mac machen, würde ich stark verneinen, ansonsten machen Iceage nämlich genau die gleiche Musik wie Wire. Kann aber verstehen, dass man ohne ein Herz für Fleetwood Mac wahrscheinlich auch kein Herz für HAIM haben wird.

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