Ihr erster echter Hit seit mehr als zehn Jahren: Mit der Single-Veröffentlichung von „Get Lucky“ stehen Daft Punk wieder im ganz großen Rampenlicht. Doch ist sie nicht bloß eine dieser typischen Disco-Nummern, nur dass Pharrell Williams für die Vocals zuständig ist? Und ist „Random Access Memories“ nicht bloß spaciger Disco-Pop, der so klingt, wie man sich die Zukunft früher vorgestellt hat – Musik, die nicht ganz in die Zeit passt und doch irgendwie dazu gehören will? Irgendetwas zwischen Experiment, Soundtrack und catchigem Pop? Weit gefehlt.

Denn das waren nur erste Eindrücke, die allzu leichtfertig durch den Kopf fuhren. Vielmehr gilt: „Random Access Memories“ ist nicht nur handwerklich großartig! Es ist Disco, Funk und Elektro zugleich. Aber irgendetwas ist anders als früher, es ist natürlicher, satter. Für diesen Sound arbeiteten die beiden Daft-Punk-Köpfe Thomas Bangalter und Manuel de Honem-Christo zwei Jahre und nahmen einiges auf sich – Drumcomputer wurden durch Schlagzeug ersetzt und digitale Synthesizer größtenteils durch analoge Instrumente. Aus bis zu 250 Spuren sind die Songs zusammengemischt, oftmals entsteht dadurch der Eindruck von Sampling, ohne dass fremde Soundschnipsel wirklich genutzt wurden.

Nicht nur dadurch entwickeln Songs wie „Touch“ eine einzigartige Magie. Im Zusammenspiel mit der amerikanischen Musikerlegende Paul Williams, der über die Empfänglichkeit göttlicher Eingebungen singt, wird der Track zu einer Hymne. „Touch“ klingt dabei weniger nach einem Song, eher nach einer Collage – die Gesangsparts beginnen genauso überraschend wie sie aufhören und werden von genreüberschreitenden, assoziativen bis experimentellen Elementen abgelöst sowie eingeführt.

„Random Access Memories“ ist zudem vor allem die Symbiose von Musikgenies, welche an diesem Album werkelten wie an der perfekten Zeitmaschine, die in die Vergangenheit, Zukunft und wieder zurück transportiert. Chilly Gonzales, dieser Virtuose am Piano, der uns schon bei seinen Auftritten immer lehrt, dass jeder Song in Moll besser klingt als in Dur – besonders imposant am Beispiel von „Happy Birthday“ – wurde kurzerhand der Spezialauftrag anvertraut, den Tonartwechsel von A-Moll in den ersten drei Songs zu B-Moll für den vierten zu arrangieren. Pharrell Williams sorgt dafür, dass „Get Lucky“ durch die Decke kracht, Gitarrist Paul Jackson Jr. übernimmt direkt zu Beginn die Saitengriffe und liefert den perfekten Groove, wenig später belebt Nile Rodgers den Funk, um Williams eine Bühne zu bieten. Wenn auch noch Panda Bear in dem herausstechenden „Doin‘ It Right“ seine Stimme erhebt oder Strokes-Sänger Julian Casablancas vocodert, bleibt kein Zweifel – diese Crew darf diese Zeitmaschine nicht nur bauen, sie sogar bewohnen.

Viervierteltakt, 120 Beats pro Minute, Clip-Beat, Handclaps – es kann doch so einfach sein, wenn man nur die richtigen Leute hat, Leidenschaft reinsteckt, spürt, wie Musik funktioniert, wenn digitale Exzesse weggelassen werden und man einfach durchzieht, auf was man Lust hat. Auch auf die Gefahr, dass es gerade nicht angesagt ist und nicht jedem gefällt – aber die existiert ja immer. So oder so: Dies ist nicht weniger als der wohl größte Pop-Entwurf des Jahres.

2 Kommentare zu “Daft Punk – Random Access Memories”

  1. Mhm, Musik muss ja gar nicht neuartig sein, es reicht ja, wenn sie gut ist. Das Album fand ich dann aber doch sehr, sehr uninteressant.

    Da steckt im gesamten Katalog von Italians Do It Better mehr Disco, ja, in Glass Candy mehr Glitter als hierin. Und die Kollaborationen… wenn ich nicht wüsste, wer hinter den Namen steckt, die Tracks würden mich nicht dazu bewegen, es wissen zu wollen.

    Aber gut kann man das schon finden. Nur ein „besser als“ leuchtet mir nicht ein, es sei denn, es wäre ein „immerhin besser als schlechte Musik“.

    Dennoch schön, wenn das Album Dich begeistert. Begeisterung finde ich gut.

  2. Mit dem Begriff „Genie“ kann ich leider gar nichts anfangen, ansonsten bin ich bei dir.
    Für mich bis jetzt der beste Pop- bzw. Hommageentwurf des Jahres. Mehr braucht es nicht.

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