Julia Holter hat den Soundtrack zu Sofia Coppolas neuem Film „The Bling Ring“ nicht geschrieben, aber vielleicht hätte sie das tun sollen. Mit ihrem Album „Loud City Song“ verfolgt die Komponistin aus Los Angeles zum ersten Mal ein gegenwartsnahes Konzept: Nachdem sich die beiden Vorgänger „Tragedy“ und „Ekstasis“ vornehmlich an klassischer griechischer Literatur abgearbeitet hatten, geht es diesmal um Oberflächlichkeit und Starkult in ihrer Heimatstadt. Für Holters vernebelten Art-Pop eine seltsame Themenwahl.

Die 28-Jährige scheint wenig mit der Parallelgesellschaft zu tun zu haben, die sie zu „Loud City Song“ inspiriert hat. Ihr Hintergrund liegt in kalifornischen Kunsthochschul-Kreisen, ihre bisherige Musik erschien hochgestochen und weltabgewandt, auch wenn sich immer wieder unerwartet zugängliche und körperliche Momente einschlichen. „Loud City Song“ forciert diese nun mit der von Holter zu erwartenden Umsichtigkeit, nach vielen Schlafzimmer- und Feld-Aufnahmen ist es ihr erstes richtiges Studioalbum. Bläser und Streicher kommen nicht mehr vornehmlich aus dem Casio-Keyboard, das ehemalige Haunted-Graffiti-Mitglied Cole M. Greif-Neill half bei der Produktion, nachdem er schon an der Abmischung von „Tragedy“ mitgewirkt hatte. Im Endergebnis klingt die Platte wohl auch deshalb deutlich fassbarer als ihre Vorgänger. Ihr engster Verwandter könnte das Goldfrapp-Debüt „Felt Mountain“ sein – vielleicht kein vergessenes Album, auf Grund der nicht immer vorteilhaften Weiterentwicklung von Goldfrapp aber zumindest ein heute unterschätztes.

„Loud City Song“ beginnt und endet mit Stücken, die deutlicher als die übrigen an Holters bisherige Arbeit anknüpfen. Das eröffnende „World“ setzt verschiedene Versionen ihrer Stimme in Bezug: säuselnden Leadgesang, wortlosen Chor und schließlich eine zunehmende Umkehrung der Rollen, die beiden zufallen. Obwohl mit Klavier, Cembalo und entfernten Bläsern bereits entscheidende Teil der Album-Instrumentierung durchprobiert werden, bleibt der Song weitgehend bewegungslos. Das abschließende „City Appearing“ beginnt ähnlich, entwickelt unter seiner Ambient-Oberfläche aber größere Dynamik. Nach drei Minuten setzt ein typisch verschleppter Holter-Rhythmus aus Schlagzeug und Kontrabass ein, nach fünf Minuten droht der Song ins Kakophone umzukippen.

So ganz kommt er dort nicht an, obwohl „Loud City Song“ mehr offensichtliche Gipfelmomente hat als jede Holter-Platte zuvor. Das zweigeteilte „Maxim’s“ durchläuft als aufgebrochenes Herzstück des Albums mehrere Passagen, die unterschiedliche Instrumente und Gesangs-Arrangements in den Vordergrund rücken, ohne an den „Jeder darf mal“-Aufbau von schlecht improvisierten Jazzstücken zu erinnern. Stattdessen hält ein federleichtes Schlagzeug so lange alles zusammen, bis es der zunehmend unheilvollen Stimmung nicht mehr Stand halten kann. Mit dem formfreien Saxophonsolo von „Maxim’s II“ entlädt sich eine Spannung, die Holter über 30 Minuten durch kluges Sequenzieren und musikalische Verzögerungstaktiken aufgebaut hatte. Free Jazz geht eben am besten, wenn man ihm so flotten, verdrehten Pop wie „Horns Surrounding Me“ gegenüberstellt.

Holters Talente für Songs, Arrangements und Instrumentierung mit ihren textlichen Ideen auszusöhnen, ist nicht immer einfach, vor allem weil „Loud City Song“ wenig von seiner Faszination verliert, wenn man einfach über den Inhalt der Lieder hinweghört. Letztlich, sagt Holter, gehe es um jemanden, der nach Liebe in einer lieblosen Stadt suche – was natürlich nicht bedeutet, dass „Loud City Song“ eine Platte voller klassischer Liebeslieder wäre. Holters Weg bleibt auch hier der Umweg, indem sie verschleiert und mit literarischen Bezügen spielt. So strahlt wirklich jeder Aspekt ihrer Musik eine Kunstfertigkeit aus, die glücklicherweise niemals in Künstlichkeit abdriftet.

Ein Kommentar zu “Julia Holter – Loud City Song”

  1. […] kämpfen hat, ist es vor allem das Spiegeltent, das mit breit gestreutem Programm überzeugt: Von Julia Holter und ihren ambienten Gesangs-Arrangements über einen unserer aktuellen Folk-Lieblinge, Sam Amidon, […]

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