Der Liedschatten (68): Ferienkommunismus

Scott McKenzie: “San Francisco (Be Sure to Wear Flowers in Your Hair)“, September – November 1967

Lasst uns über Hippies reden. Wir tun es viel zu selten, und das, bedenkt es nur einmal, macht die Hippies sicher traurig.

Ein trauriger Hippie ist kein schöner Anblick. Menschen mit Punksozialisation fragen nun: „Nur ein trauriger?“, und auch das, liebe Leser, betrübt den Hippie sicher sehr. Er möchte nämlich gar nicht viel, nur einfach er selbst sein und lieben.

Ist es zulässig, die folgenreichste Jugendkultur der 1960er auf solch ein Klischee von Schlichtheit zu reduzieren? Stellt man diese Frage nicht unbedingt Punks, wird ihre Beantwortung, wie sollte es auch anders sein, recht unterschiedlich ausfallen. All diese Unterschiede dürften, fragt man hingegen einen Hippie, womöglich keine große Rolle spielen, immerhin gilt, wie wir in der letzten Woche lernen durften, erst einmal und vor allem: „It’s easy. All You Need Is Love.“

“Hipp! Hipp! Heipp! Hipp! Hipp! Hipp! Hipp! Hipp! Hipp! Hipp! Hipp! (…) Immer nur love”.

Obiger Song ist natürlich eine Karikatur, so unbedarft, geradezu dümmlich werden Menschen, deren Selbstverständnis sich auf ernstgemeinten Pazifismus, Spiritualität und Bejahung des Seins gründet, in den Gesellschaften der 1960er, vor allem in der postfaschistischen der BRD, nicht gewesen sein, man beachte allein schon das Konfliktpotential der langen Haare.

Der Begriff „Hippie“ ist eher Zu- als Beschreibung, mehr Urteil als Definition. Seine Vorform dürfte der des Hipsters  gewesen sein, der sich wiederum von „hip“ ableitet. „Hip“ sind Menschen, die, einfach gesagt, „Bescheid wissen“.

Auf die Hippies selbst mag das, zumindest aus deren Sicht, zutreffen. Außenstehenden ist damit aber nicht weiter geholfen. Anarchosyndikalisten, Beatniks, evangelikale Christen, Tramps, Einsiedler, Esoteriker, Patriarchen, Kulturpessimisten, Matriarchen, Pazifisten, Futuristen, antisemitische Verschwörungstheoretiker, Psychonauten, Swinger und das Schulmädchen mit dem Janis-Joplin-„Best Of“: Sie alle könnten sich selbst mit Recht als Hippie bezeichnen.

Zentral für diesen ist nämlich nicht eine Art des Handelns und Zusammenleben, also nicht, wie man etwas tut, sondern wie man es getan haben möchte. Nämlich mit “Liebe” und als “ganz man selbst”, worin sich keine Erkenntnis, sondern eine unbestimmte Sehnsucht ausdrückt.

Wer möchte denn nicht geliebt, liebend, “individuell” und optimistisch sein Dasein strahlend und frohlockend in Frieden genießen? Recht wenige Menschen, immerhin decken sich diese Vorstellungen mit dem ruhigen, Genuß ermöglichenden Privatleben, und um mehr geht es den meisten Angehörigen einer kapitalistischen Gesellschaft nicht.

All das schien auch auf dem Weg des „Peace & Love“, als Hippie, erreichbar, und das ohne Spießigkeit und forcierte, greifbare Umwälzungen der Gesellschaft. Das würde sie schon selbst besorgen, was sie, wie wir in der letzten Woche sahen, ja auch wirklich tat. Für viele gab es da nicht mehr zu tun als sich hübsch zu machen.

Ganz ohne Blumen: Ein etwas trauriger Scott McKenzie empfiehlt das sommerliche San Francisco.

In jungen Jahren glaubte der Autor, bei dem von Scott McKenzie gesungenen „San Francisco (Be Sure To Wear Flowers in Your Hair)“ handele es sich um ein “böses” Lied, den Ausdruck der „Kommerzialisierung“ von etwas an sich Gutem. Da hat er aber auch noch Bidis geraucht.

„San Francisco“, wie wir das Lied der Einfachheit halber nennen wollen, wurde von John Philips (von den streckenweise äußerst guten The Mamas & the Papas) gewissermaßen als „Trailer“ für das Monterey Pop Festival 1967 geschrieben. Philip Blondheim alias Scott McKenzie, mit dem er vorher in einem Folktrio spielte, sang das Stück.

Der Zusammenhang mit dem Festival erklärt, warum der Ort eine so große Rolle in dem Song spielt, der sich dennoch als „Hymne der Gegenkultur“ insgesamt 7 Millionen mal verkaufen sollte, nicht als „der Song zum Festival“.

beatles_loveDafür ist sein Text aber auch zu geschickt. Der Name der Veranstaltung selbst kommt kein einziges Mal darin vor, stattdessen wird Bezug auf San Francisco und das hippieeske Leben im Stadtteil Haight-Ashbury genommen. Dort probierten Bohèmes, Beatniks, Schauspieler, Musiker (in etwa Grateful Dead, Jefferson Airplane und Janis Joplin), sich von den üblichen Formen des Konsums, der Liebe und des Glaubens zu lösen.

Im Frühjahr 1967 fand im Golden Gate Park das Happening „Human Be-In“ statt, wodurch die Szene erstmalig das Interesse größerer Medien erregte. „I was with David Freiberg, and we saw more and more people. And I said to David, “This is the end of it.” And it was. ABC News, NBC News, then all the kids came for the Summer of Love (..)“, erinnert sich Gary Duncan von Quicksilver Messenger Service.

In der Folge reisten zahlreiche Schüler und Studenten während des Spring Breaks in die Stadt und sorgten so für erneute mediales Interesse, vor allem, da das dortige Treiben, in etwa der Drogenkonsum, vielen Grund zur Besorgnis gab.

Ein Schritt, ein paar oder wenigstens ein halber: Grateful Dead hatten große Pläne, das konservative Amerika große Bedenken.

Im Sommer darauf erschien „San Francisco“ und verstärkte mit seinem Versprechen „If you’re going to San Francisco / You’re gonna meet some gentle people there / For those who come to San Francisco / Summertime will be a love-in there“ den Zustrom von recht konventionellen Besuchern, beautiful people und Dropouts noch einmal.

Und warum sollten junge Menschen kaum mehr als 20 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkrieges und mitten im Vietam- und kalten Krieg nicht für die Erklärung, es gäbe „a whole generation with a new explanation“, nämlich sie, empfänglich gewesen sein, was sollten sie mit der alten zu schaffen haben wollen? Dazu noch stimmte es ja auch, man war Teil der neuen Generation und hatte die Möglichkeit, ganz andere Dinge zu tun, wenn man sein Bewusstsein öffnete und in etwa psychoaktive Substanzen die Liebe hereinwinken ließ. Sommer, Liebe und Rausch, all das in Gesellschaft junger Menschen, wem sollte das nicht gefallen? Also auf, der Rest würde sich schon ergeben. Die anderen waren ja schließlich genau so und schon alle dort, in San Francisco. Also, „it’s easy“, auf zum „Summer of Love“ , auf zum Ferienkommunismus!

Die Künstler in Haight-Ashbury freute dies weniger, mit ihren Vorstellungen von einem befreiten, selbstbestimmten Leben hatten die mit feierwütigen, berauschten Menschen überfüllten Straßen nichts zu tun. Dazu noch ergaben sich aus ihrer Anwesenheit soziale und hygienische Probleme. Es fehlten Unterkünfte, nicht jeder Dealer war ein Freund und sein Angebot womöglich nicht nur auf LSD und Marihuana beschränkt. Außerdem kann wirklich jeder sich die Haare wachsen lassen, bunte Kleidung tragen und von Frieden reden, verändert wird allein dadurch aber niemand.

Auch nachdem die meisten Besucher gegen Ende das Jahres wieder abreisten, konnten die Bewohner Haight-Ashburys ihr vorheriges Leben nicht einfach wieder aufnehmen, weshalb viele von ihnen wegzogen. Andere wie zum Beispiel Big Brother And The Holding Company hatten obendrein Bekanntheit erlangt und waren mit ihrer Karriere beschäftigt.

Das traf auf Scott McKenzie nicht zu, er blieb ein geradezu typisches One-Hit-Wonder. Dabei hätte auch alles ganz anders kommen können. Er besaß mit John Phillips einen fähigen Songwriter und konnte über ihn auf dieselben Studiomusikern wie auch The Mamas & The Papas, unter anderem Hal Blaine von der Wrecking Crew (siehe Beach Boys, Lee Hazlewood, Monkees und weitere) zurückgreifen. Er selbst war ein begnadeter Sänger mit gefälliger Stimme und gutem Vortrag.

Man beachte nur das eindringliche, sloganhafte „San-Fran-cis-cooo“ mit dem anschließenden Heben der Stimme bei „wear“, worauf sie sich aus lichter Höhe, nun eher sanft als eindringlich, gleiten lässt. So geht es bis zum Break bei „all across the nation…“ weiter, dort scheint nicht nur seine Stimme von besungenen „vibrations“ ergriffen zu werden, auch Sitar und Gitarre zeigen den visonären Kontrollverlust, die Ergriffenheit vom Offensichtlichen, der „new generation“ an. Dabei ist der Song in einem ganz dem Inhalt entsprechenden „gentle“ E-Moll und keinem kernigen E-Dur, sonnigen G-Dur oder gar schlichtem C-Dur gehalten, wodurch sein Inhalt an Glaubwürdig-, ja Ernsthaftigkeit gewinnt.

Scott McKenzies Stimme hatte alles, was man sich unter der eines empfindsamen Hippies vorstellen mochte. Vielleicht lag genau darin das Problem, diese Rolle hatte er gespielt, und zwar so gut, dass man ihm weder anderes abnehmen noch eine Wiederholung erleben wollte. Obendrein war er ein publikumsscheuer, zu Depression neigender Mensch, was eine Karriere in der Kulturindustrie erschwert. Bis 1970 veröffentlichte McKenzie zwei wenig erfolgreiche Alben. Anschließend zog er sich aus der Musikbranche zurück, hatte aber 1988 noch einmal indirekt als Mitautor des obskuren Beach-Boys-Songs „Kokomo“ einen zweiten großen Hit.

Falls euch nun ein wenig hippiesk zumute sein sollte, möchte ich euch mit “The Trip” von 1967 einen Film empfehlen, der euch womöglich ein klein wenig anzuturnen vermag.

Mehr Zeitgeist als Vergeistige Zeit, aber hübsch psychedelisch anzusehen: “The Trip” von Jack Nicholson

Eine kurze Anmerkung bezüglich des Liedschattens: Am 31. 05. 2012 findet in der Gesellschaft / Hamburg eine Feier anlässlich des Erscheinens der zweiten Ausgabe des Fanzines Transzendieren Exzess Pop statt. Zu diesem Anlass werden (unter anderem) Texte des Liedschattens durch musikalische Darbietungen ergänzt gelesen.

6 Kommentare zu “Der Liedschatten (68): Ferienkommunismus”

  1. Woran machst du denn fest, dass Scott McKenzie die Hippie-Rolle gespielt hat? Mitunter kann ich manche deiner Schlüsse nicht wirklich nachvollziehen. Beispielsweise auch den von letzter Woche, dass die Hippie-Bewegung ohne die Beatles nicht entstanden wäre. Nicht die Beatles waren Initatoren (sie sprangen auf den Zug auf), vielmehr schon die Beat-Generation eines Jack Kerouac, die plötzlich zur Massenbewegung wurde (wenngleich ein Kerouac damit nichts anfangen konnte).

    Seit ich die Armistead Maupins Stadtgeschichten gelesen habe, damit auch eine literarische Aufarbeitung dessen, was von der Hippie-Seligkeit übrig blieb, stelle ich mir die Sechziger und Siebziger in San Francisco als spannenden wie faszinierend traurigen Mikrokosmos vor. Bildet Scott McKenzie den Auftakt, liefert Maupin den Abgesang.

  2. Lennart sagt:

    Sage ich doch gar nicht. Ich sage nur, dass ich das einst dachte, und schreibe, finde ich, leuter Dinge, die eindeutig gegen das, was ich gar nicht mehr sage, sprechen. Hier liegt ein Misverständnis vor.

  3. Lennart sagt:

    Aber ein ziemliches Missverständnis (-:, im Gegenteil, McKenzie ist mir geradezu sympathisch geworden.

  4. […] wurde durch die Erwähnung des Ortes „San Francisco“ noch verstärkt, Scott McKenzies Song „San Francisco (Be Sure to Wear Flowers In Your Hair)“ war der direkte Vorläufer in den Hitparaden und ebenfalls eine sanfte Ballade des schweifenden […]

  5. […] außer einem lauteren Lebenswandel in deren Sinne unmöglich macht, was angesichts Stones, Beatles, Hippies und Studentenbewegung die Sehnsucht nach adretten Sprößlingen gestillt haben […]

  6. […] auch recht ansehnliche Methode, zumindest dann, wenn auch ja niemand vergisst, sich Blumen ins Haar zu […]

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