Der Liedschatten (86): Tief gehen ohne Tiefgang

Donovan: “Atlantis”, März – April 1969

Ende der 1960er handelte in der BRD erfolgreiche Popmusik nicht mehr einfach nur von Liebe oder ein wenig Frohsinn und Tanz, auch profane Sehnsucht und Fernweh waren seltener anzutreffen. Deutlich wurde dies vor allem an den Liedern der Beatles, deren Lobhudelei wir uns an anderer Stelle wieder zuwenden werden.

Erwähnung finden sie heute vor allem wegen ihres guten Bekannten Donovan, der Beatles-Fans durch das Beisteuern einer Zeile zu „Yellow Submarine“ oder den Aufenthalt in Rishikesh bekannt sein dürfte. Dort lehrte er Lennon und McCartney für sie neue Stile des Fingerpickings, unter anderem den Clawhammer, eine Technik aus dem Genre der Folkmusik. In dieser debütierte Donovan 1965 mit seinem ersten Album „What’s Bin Did and What’s Bin Hid“ und wurde deshalb als „britische Antwort auf Bob Dylan“ vermarktet. Diese Phrase werdet ihr an zahlreichen Stellen finden können, obwohl sie zum einen in Bezug auf Popmusik vollkommen überflüssig ist (wer wurde nach 1962 nicht von Dylan beeinflusst?) und auch im Detail nicht der Wahrheit entspricht.

Zwar wurden beide Künstler in ihrer Frühphase von traditionellen Songwritern geprägt, doch kann dies kaum als bemerkenswerte Gemeinsamkeit angesehen werden. Wenn man es dennoch tut, gibt es sicher in jeder Ecke der Erde eine Art personalisierte, regionale Variante Dylans, die sich meist auf einem so durchschnittlichen Niveau bewegen dürfte, dass zum Beispiel die Bezeichnung „die sibirische Antwort auf Bob Dylan“ am Ende gar kein Lob mehr darstellen würde. Denkt doch einfach nur einmal an Wolfgang Niedecken!

Nein, tut es lieber nicht.

Im Zweifel hilft der direkte Vergleich: Dylan erscheint Donovan.

Die Feststellung, Donovan sei eben „kein Dylan“ gewesen, ist ansonsten eine rein sachliche, sie fällt nicht zu Donovans Nachteil aus. Denn anders als Dylan nahm er den psychedelischen Stil der Hippies, ihre oberflächliche, naive Liebe zum Bunten begeistert auf. Während Dylan 1967 auf „John Wesley Harding“ Country spielte, schwelgte Donovan in einem mysteriösen „Mellow Yellow“, und ein Anhänger der Flower Power kann nun einmal nicht Bob Dylan sein, der nie ein Hippie war.

„Born high forever to fly“: Donovan, Meister der elektrischen Banane. Fragt ihn, nicht mich.

Bis 1969 sollte sich an Donovans Begeisterung für die transzendale Herrlichkeit hippiehafter Liebe nichts geändert haben, von Feinheiten wie der Beschäftigung mit Mystizismus und Meditation anstelle von Drogen oder der Adaption eines rockigen Sounds im Jahr 1968 (siehe „Hurdy Gurdy Man“) einmal abgesehen.

Seinen letzter großen Hit hatte der 1946 in Schottland geborene Songwriter mit „Atlantis“, und das, wie wir leider feststellen werden müssen, gleich zwei Mal.

Hat er denn nie Lovecraft gelesen? Donovan glaubt an das Gute auf dem Meeresgrund.

Der Aufbau des Songs erinnert durch Überlänge sowie eine klare Teilung in eine ruhige erste Hälfte und ein opulentes Finale sicher nicht zufällig an „Hey Jude“. Der Vorwurf des Abkupferns ist jedoch angesichts der geringen Schöpfungshöhe des Aufbaus „erst leise, dann laut, erst wenig, dann viel“ nicht haltbar. Zulässig ist es hingegen, „Atlantis“ an sich und jenseits aller Referenzen als wenig inspiriert zu bezeichnen.

donovan_atl*     Donovan greift darin den erstmals bei Platon zu findenden Mythos von Atlantis auf. Bei diesem vermutlich ursprünglichen Atlantis handelt es sich aber keineswegs um den von einem gottähnlichen, philanthrophischen Volk bewohnten Kontinent des Liedes. Es war ein aggressiv expandierendes Reich, das erst von den Athenern militärisch zurückgeschlagen wurde und anschließend aufgrund eines Erdbebens im Meer versank. Dieser vermutlich zu einer kaum als sachlich zu bezeichnenden Argumentation für Platons idealen Staat erdachte Mythos hat wenig mit der kleinen Geschichte zu tun, die Donovan uns hier vorträgt.

Auf eine Lagebeschreibung der Landmasse Atlantis folgt dort die Offenbarung, die „antediluvianen“ (vor der biblischen Flut existierenden) Könige des Reiches hätten die Welt kolonisiert. Denn sie wussten um ihr bevorstehendes Schicksal und so

„(:..) Atlantis sent out ships to all corners of the earth

on board were the twelve: the poet, the physician, the farmer, the scientist,

the magician and the other so-called gods of our legends“

Sicher, der Wissenschaftler als Gott unserer Legenden, schön wär’s. Nur fünf Heilsbringer werden ihrer Funktion entsprechend erwähnt, denn wichtiger als Vollständigkeit dürfte die Zahl 12 gewesen sein, denn 12 Mitglieder hatten, wie es recht hübsch bei Wikipedia heißt, die griechischen und nordischen Götterkollegien, 12 ist außerdem noch die Anzahl der Jünger Jesu. Und bedeutungsschwanger sollte es ja sein, das Lied, immerhin geht es um die Hoffnung auf die Wiederauferstehung des, das implizieren Text und Atmosphäre, paradiesischen Atlantis.

„(…) Let us rejoice and let us sing and dance and ring in the new. Hail Atlantis!

Way down below the ocean where I wanna be she may be (…)“,

sein(e) Bonnie ist also nicht over the ocean, sondern unter ihm. Und der Weg zur Liebe als und auf dem Grund der Dinge führt über Gesang und Tanz, eine eher unwahrscheinliche, aber ansprechende und aller Wahrscheinlichkeit auch recht ansehnliche Methode, zumindest dann, wenn auch ja niemand vergisst, sich Blumen ins Haar zu stecken.

Worum also geht’s? Um eine simple Ursprungsmythologie der menschlichen Kultur im Ganzen und eine sehr schwammig beschriebene Utopie, deren Realisation Restauration bedeuten würde. Die Welt soll nicht verändert, sondern zurückgeführt, die Gegenwart nicht gestaltet, sondern geflohen werden, wobei Ziel und Mittel esoterisch anmuten und in ihrer Vagheit jedem, der sich in der Gegenwart hin und wieder einmal unwohl fühlt, ohne gleich aufbegehren zu wollen, ein wenig Trost spenden. Denn wenn man nur möchte und will, so suggeriert das Lied, lässt sich die Verbindung zu den gewesenen Göttern mit Tanz und Gesang herstellen, ist das Träumen des Traumes schon Teil seiner Erfüllung.

Kurzum, „Atlantis“ ist ein astreiner Schlager und Zeichen der Resignation einer Jugendkultur, die endgültig zur Stilfrage wurde und keiner eigenen Inhalte mehr bedurfte. All das, worum es in dem Song geht, ließe sich nämlich auch anders vortragen, je nach Zeitgeschmack, so gering ist seine Substanz, siehe die 2001 erschienene Neuaufnahme mit den No Angels (Platz 5 in der BRD). Lieber als diesen Clip verlinke ich deshalb einen anderen Song mit einer zumindest ähnlichen Thematik.

Spaß mit dem Mythos: The KLF variierten das Motiv des versunkenen Kontinents, hier „Mu“ genannt, in Anlehnung an die Trilogie „Illuminatus!“ von R.A. Wilson und R. Shea mit sehr viel mehr Humor und Stil als Donovan.

Das Hakenkreuz auf dem Cover fiel auch mir auf, es wird aber eher mit okkulter Folklore als Nazikram zu tun gehabt haben. Das lassen zumindest Richtung seiner Strahlen und Donovans Interesse an östlichen Religionen, die dieses Symbol auch verwendeten, vermuten. Ansonsten weiß ich nicht, ob es das Cover der Veröffentlichung in der BRD  ist.

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