Der Liedschatten (67): Liebe, Liebe, Liebe.

The Beatles: „All You Need Is Love“, August – September 1967

1967 ereignete sich der sogenannte „Summer of Love“, in dessen Rahmen sehr viele junge Menschen Nordamerikas und Europas sich und auch andere lieb hatten, psychoaktive Substanzen konsumierten und einmal in San Francisco gewesen sein wollten. Neue Arten des gesellschaftlichen Lebens wurden ausprobiert, dazu trug der Mensch von Welt lange Haare und bunte Anziehsachen. Wichtig war es auch, dieses Treiben der auf unterschiedlichste Art interessierten Öffentlichkeit zu präsentieren. Eskapismus war eine Facette, aber nicht grundsätzliches Anliegen der Hippies, das farbenfrohe Ausschmücken ihres stillen Kämmerleins war ihnen kein Selbstzweck. Die Welt sollte nicht nur gewandet, sondern auch gewandelt werden.

Und wirklich, freie Liebe, freie Drogen und das friedliche Bitten um sowie laute Einfordern von mehr oder weniger konkreten Veränderungen hatten bleibende Folgen.

Der Konsum „ökologischer“ Güter und Nahrungsmittel, das Leben in WGs, Wahlverwandtschaften sowie die leider nicht gänzlich vollzogene, aber zumindest offiziell als erstrebenswert geltende Toleranz in sexuellen Dingen sind immerhin in den Kreisen der Menschen, die das Glück hatten, lange genug eine Schule besuchen zu dürfen, häufig anzutreffen. Zwar gehört schon sehr viel guter Wille dazu, all das den Hippies anzurechnen, ohne Zweifel aber befeuerte ihr Erscheinen die Etablierung von Ideen, auf denen das Selbstverständnis einer heutigen, sich als pluralistisch bezeichnenden Gesellschaft gründet.

Dass diese nach wie vor eine kapitalistische ist, in der Gewinne mit Rüstungsexporten erzielt werden, die den Regenwald zur Produktion von Futter für die Mastzucht abholzen lässt, in der es als erstrebenswert gilt, sinnlos viele Güter, zum Beispiel Autos, zu besitzen und in der Menschen zumindest in Großstädten nur deshalb in Wohngemeinschaften leben, weil ihre prekären Beschäftigungsverhältnisse nicht mehr hergeben, ist gewiss nicht ihr Fehler. Auch die Erschließung der Jugendlichen als eigenständige Konsumentenschicht, deren Ideale sich nicht an dem orientieren, wie die Menschen leben sollten, sondern daran, was sie konsumieren möchten, wäre gewiss früher oder später im großen Maßstab erfolgt. Hippies sind mehr Anzeichen als Auslöser, eher Anlass als Ursache. Ihre Musik aber war gar nicht mal so übel.

Das verdanken sie und wir nicht nur, aber zu großen Teilen den Beatles und ihrer Sensibilität für Ideen der Psychedelik. Im Stück „Tomorrow Never Knows“ des Albums „Revolver“ von 1966 empfahl Lennon „Turn off your mind, relax / and float downstream“. Darauf enthalten war auch Harrisons „Love You To“ mit der zentralen Aufforderung „Make love all day long / Make love singing songs“. Instrumentiert wurde das Stück mit für die damalige Popmusik ungewöhnlichen Instrumenten wie Sitar, Tabla und Tambura aus Indien.

Nun zu sagen „Aha! Die Beatles waren also Hippies!“ wäre ein wenig voreilig. Beide Stücke mögen zwar wichtige, hippie-eske Themen behandeln – in etwa Transzendenz, Drogen, Liebe und Spiritulität -, bloß waren diese ja keine Erfindung einer Jugendkultur, der die Beatles angehört hätten.

Die Frage nach dem Zusammenhang von Hippies und Beatles hat deshalb etwas vom problematischen Gedankenschmu mit der Henne und dem Ei. Die Beatles waren keine, „erfanden“ nicht „den“ Hippie. Die Gruppe war bereits vor ihrer psychedelischen Phase zu einflussreich, um einfach nur einseitig geprägt worden zu sein oder zu prägen. Was auf sie einwirkte, hätte es ohne sie nicht geben können. Das folgenreiche Überführen des Folk in den Rock durch die Byrds und Bob Dylan und das Selbstverständnis der Popmusiker als Künstler, deren Werkform nicht nur der einzelne Song, sondern ein ganzes Album ist, wären ohne sie nicht möglich gewesen.

Aufgrund ihres wirtschaftlichen Erfolges besaßen sie ab Mitte der 1960er nicht nur das Privileg, neuartige Erfahrungen machen zu können, sondern verfügten dazu noch über die Mittel, diese künstlerisch weitestgehend frei von Zwängen (beschränkte Studiozeit, Konzerte) zu verarbeiten, was sie davor bewahrte, einem Stil folgen zu müssen. Im Gegenteil. Gerade Neuerungen machten ihre Musik reizvoll und erfolgreich.

Dadurch wurden eine Single wie „Penny Lane / Strawberry Fields Forever“ aus dem April oder das Album „Sgt. Pepper’s Loney Heartsclub Band“ vom Juni 1967 erst möglich. Kurz darauf, Anfang Juli, folgte die nächste Single, „All You Need Is Love“ mit der B-Seite „Baby, You’re A Rich Man“.

Beautiful People: die Beatles und Komparsen. Nicht im Bild, aber in den minds: sicher nicht nur Liebe.

Verschiedene Zitate von der „Marseillaise“ bis hin zu „Greensleeves“, markante Streicher und laszive Bläser, Lennons überaus cooler, wenig pathetischer Gesang, Harrisons selbstverlorenes Solieren, all das ist mehr als nur songdienlich, es ist nur im Zusammenhang des Songs denkbar. Mag er auch von einem Medienunternehmen mit dem Ziel der Gewinnsteigerung produziert und vertrieben worden sein, der Song wirkt vollkommen altruistisch. Vielleicht ja, weil er zu einem Zeitpunkt aufgenommen wurde, als die Beatles sowieso anscheinend alles machen konnten, sogar etwas ernst meinen.

„All You Need Is Love“ fungierte als Beitrag Großbritanniens zur ersten live via Satellit übertragenen internationalen Fernsehsendung namens „Our World“. Dem Anlass entsprechend ist der Text simpel gehalten, „All You Need Is Love“ ist auch mit nur rudimentären Kenntnissen des Englischen verständlich. Die Strophen hingegen haben es in sich, nicht zwangsläufig zwar, aber potentiell.

„There’s nothing you can do that can’t be done
Nothing you can sing that can’t be sung
Nothing you can say but you can learn how to play the game
It’s easy

There’s nothing you can make that can’t me made
No one you can save that can’t be saved
Nothing you can do but you can learn how to be you in time
It’s easy“

beatles_loveIst es das, „easy“? Man kann nichts tun, was man nicht tun kann, klar. Heißt das, es kann getan werden, was man tun könnte? Im Sommer 1967, als der Vietnamkrieg im vollen Gange war und es in Amerika zu durch Rassismus verursachten Unruhen kam, zu sagen: „Du kannst lieben, also liebe. Ganz einfach.“, mochte keine schlechte Idee gewesen sein und ist es auch heute nicht. Ein wenig mehr Liebe, die ja nicht nur passiv sein muss oder sich schon gar nicht auf gesellschaftlich sanktionierten Sphären wie etwa Familie zu beschränken braucht, das wäre doch etwas Feines. Jetzt wäre nur noch zu klären, ob wir einfach lieben, um das Schlechte zu beseitigen, oder das Schlechte beseitigen, um lieben zu können.

Das aber fragen nur wir uns. In „All You Need Is Love“ geht es nicht um solche Spitzfindigkeiten, sondern um eine nicht näher bezeichnete Liebe, vermutlich eine Mischung aus christlicher Nächstenliebe und allumfassendem Gutheißen der eigenen und fremden Existenz. Ihr Ausgangspunkt dürfte das „mind“, das eigene Denken und Fühlen sein, dass ja, „it’s easy“, lieben kann. Man muss es also gewissermaßen nur wollen, eine Überlegung, die recht plausibel erscheint, wenn man bewusstseinsverändernde Erfahrungen hinter sich hat. Auf die Beatles trifft das zu. Lennons Zeilen „now I find I’ve changed my mind and opened up the doors.“ („Help“), „turn off your mind“ („Tomorrow Never Knows“) und „I’d love to turn you on“ („A Day in the Life“) stehen einer direkten Reihe, sie handeln von der Entdeckung, Öffnung und Veränderung des Bewußtseins und ihren als positiv wahrgenommenen Folgen. Als Mittel dazu können, müssen aber nicht psychoaktive Substanzen dienen. Wer einmal LSD genommen hat, weiß, wie wenig selbstverständlich die alltägliche Wahrnehmung und eigene Person während des Rausches und auch noch danach, im nüchternen Zustand, scheinen, eine Erfahrung, die auch die Beatles machten, in der sie sich aber nicht verloren. Ein Grund dafür dürfte die Beschäftigung mit den Lehren des indischen Gurus Maharishi Mahesh Yogi gewesen sein, die im Sommer 1967 begannen und weitreichende Folgen haben sollten.

Darauf werden wir aber noch zu einem späteren Zeitpunkt eingehen können, „All You Need Is Love“ war erst der fünfte von elf Nummer-1-Hits der Beatles in den Charts der BRD.

Eine kurze Anmerkung bezüglich des Liedschattens: Am 31. 05. 2012 findet in der Gesellschaft / Hamburg eine Feier anlässlich des Erscheinens der zweiten Ausgabe des Fanzines Transzendieren Exzess Pop statt. Zu diesem Anlass werden (unter anderem) Texte des Liedschattens durch musikalische Darbietungen ergänzt gelesen.

4 Kommentare zu “Der Liedschatten (67): Liebe, Liebe, Liebe.”

  1. […] man hingegen einen Hippie, womöglich keine große Rolle spielen, immerhin gilt, wie wir in der letzten Woche lernen durften, erst einmal und vor allem: „It’s easy. All You Need Is […]

  2. Johannes sagt:

    Sehr interessant zu lesen und gut geschrieben. Insgesamt mal ein Lob für die Kolumne, lese ich sehr gerne und bin gespannt, was noch kommt, liegen ja immerhin noch ein paar Jahrzehnte vor uns.

  3. Lennart sagt:

    Yeah! Besten Dank, ich werde mich weiterhin bemühen!

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