YeasayerOdd Blood

Den Einfluss, den das Ende 2007 erschienene Debütalbum „All Hour Cymbals“ der New Yorker Hipster von Yeasayer mittelfristig auf die amerikanische Indieszene ausübte, kann man, von heute aus betrachtet, als durchaus beachtlich ansehen. Man mag zwar darüber streiten können, ob sie wirklich die ersten waren, die traditionelle afrikanische Rhythmen in ihren psychedelischen Pop mit einfließen ließen, als sicher lässt sich jedoch feststellen, dass Yeasayer mit dem Weiterdenken des Ansatzes von TV On The Radio (die Einbettung typisch afro-amerikanischer Popmusik wie Soul und Funk in einen Indierockkontext, beziehungsweise andersherum) jenen Punkt markierten, in dem der schon seit längerem grassierende Trend zu einer neuen Weltmusik abseits von Ethnokitsch auch in Gitarrenindiehausen seine endgültige Entsprechung fand, die dann noch einmal etwas netter und massenkompatibler verpackt im immensen Erfolg Vampire Weekends mündete.

Gut zwei Jahre später wagen Yesayer nun den nächsten Schritt, der wieder mal ein großer sein könnte (wenn auch diesmal eher für die Band selbst anstatt für Indierock im Allgemeinen), denn auf „Odd Blood“ öffnen sie sich  an allen Ecken und Enden dem in großen Buchstaben geschriebenen POP. Die erste mit reichlich Hitpotenzial ausgestattete Single „Ambling Alp“ kann samt ihrem bunt schillernden Video als richtungsweisend angesehen werden für ein Album, das zwar einige Anhänger der ersten Stunde vergrämen, dafür aber viele neue Fans hinzugewinnen dürfte. Wo man sich auf dem Vorgänger abseits der beiden Hits „Sunrise“ und „2080“ noch recht oft in sympathischer Schrulligkeit verlor, wirkt hier alles kompakt und durchstrukturiert hinter der psychedelischen Fassade. Dem von tribalistischen Elementen getriebenen, natürlich fließenden Soundbild von „All Hour Cymbals'“ stellt man nun einen wesentlich synthetischer klingenden Ansatz entgegen, der so gar nichts mehr mit dem langsam auslaufendem Bild von bärtigen New Yorker Neo-Hippies zu tun haben will. Zwar mangelt es auch „Odd Blood“ nicht an verrückten Ideen, Bongos und einer guten, besonders im Opener „The Children“ kultivierten Portion Voodoo-Schamanismus, statt Schellenkränzen, Handclaps und Gospelgesängen regieren hier aber immer öfter schrille Synthesizer und Funkversatzstücke das quietschbunte Treiben. Dort wo zuletzt noch die aufgehende, rote Sonne angebetet wurde, hängt jetzt eine Discokugel.

Die Hitdichte, die Yeasayer dabei abschöpfen ist beachtlich, neben „Ambling Alp“ laden besonders das durch hymnische Choräle überzeugende „Madder Red“, die 80er Jahre Popper „ONE“ und „Love Me Girl“ sowie der stark an das letzte TV On The Radio-Album erinnernde Ethnofunk von „Rome“ und „Mondegreen“ zum munteren Freakout in die Indiedisco. Dabei schreckt die Band – und allein dafür verdient sie Respekt – auch vor vermeintlicher Cheesiness nicht zurück und lässt es kaum negativ ins Gewicht fallen, wenn einem bei „Madder Red“ auch mal a-ha, bei „Love Me Girl“ stellenweise die Eurythmics und ansonsten immer wieder Culture Club durch die Gedanken kreisen. Gute Popmusik rechtfertigt im Endeffekt und hier wieder mal ganz besonders eh so gut wie alles. Zwar mag es sich dann doch noch ganz vorzüglich darüber diskutieren lassen, ob die auf diesem Album zur Schau gestellte Weirdness nun letztendlich einen essentiellen Bestandteil oder doch nur aufgesetztes Stilelement der Musik darstellt. Abgesehen davon, dass solche Streitereien um angebliche Authenzität ja eine von Grund auf eher zweifelhafte Angelegenheit sind, wäre das angesichts der ausgelassenen Freude, die man an diesem über weiteste Strecken äußerst gelungenen Pop-Album haben kann, aber so albern wie überflüssig.

75

Label: Mute

Referenzen: TV On The Radio, Dragons Of Zynth, Celebration, Gang Gang Dance, Animal Collective, El Guincho, MGMT

Links: Homepage, MySpace, Blog

VÖ: 05.02.2010

6 Kommentare zu “Montags-Preview: Yeasayer – Odd Blood”

  1. Sven sagt:

    Ich schätze mal, dass mir das insgesamt noch viel besser gefallen wird als der Vorgänger. Live gingen alle verschlurften Hippieträume ja schon dort extrem nach vorn. Wie es sich mit den neuen Popsongs verhält, kann man sich dann ja an einer Hand abzählen. :-)

  2. […] Bekanntheit erreichen (Vampire Weekend, MGMT, M.I.A., Flying Lotus, Hot Chip, Pantha Du Prince, Yeasayer, Beach House, Frightened Rabbit) und von einigen werden wir wider Erwarten nur mäßige Werke […]

  3. […] MySpace-Präsenz: „Enya with bounce“), das sollte Bastian Ende Dezember in der dann folgenden ausführlichen Rezension bestätigen. Allein schon die herausragende Vorab-Single „Ambling Alp“, die es zudem noch in […]

  4. […] ruppig das Gaspedal durchdrückten und dabei sichtlich Spaß hatten, lief es im Pressebereich für Yeasayers „Mogli“ Anand samt Mischer nicht ganz so rund. Acht Partien am Stück gewann letztlich das […]

  5. […] werden. Aber auch Sigur Rós-Frontmann Jónsi verschenkt hervorragenden Indiepop und dass Yeasayer ein Händchen für Hits haben, braucht man wohl nicht mehr zu erwähnen. Viel Spaß beim […]

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