Ziehen die meisten Produzenten elektronischer Tanzmusik ihre Inspiration aus eher urbanen Gefilden, ging Hendrik Weber für sein 2010 erscheinendes Album „Black Noise“ den umgedrehten Weg: Zusammen mit Joachmim Schütz und Stephan Abry vom Workshop-Label zog er sich in die die Schweizer Berge zurück. Die Zeit verbrachte das Trio mit ausgedehnten Improvisationen und Field-Recordings, die letztendlich das Basismaterial für die Platte bilden sollten. Das Haus in dem die drei an den Stücken arbeiteten, ist auf einem Schuttberg errichtet worden, der vor fast 200 Jahren abgerutscht ist und ein komplettes Dorf unter sich begrub. Laut Weber verlieh diese Tatsache dem Ort eine gewisse Melancholie und machte die gewaltigen Kräfte der Natur deutlich greifbar – zwei Aspekte die sich unverkennbar im Klang des Albums widerspiegeln.

Wie auch schon auf dem Vorgänger „This Bliss“, der 2007 auf Dial erschienen ist, arbeitet sich der in Paris lebende Soundtüftler an der organischen Seele des Klanges ab. Schon ab dem Eröffnungsstück „Lay In A Shimmer“ weiß man, mit wem man es zu tun hat: Kristalline Glöckchen tröpfeln über einen brummenden, erdigen Bass, sanfte Shaker und zischende Hi-Hats mischen sich dezent unter die pulsierende Bassdrum und hölzerne Percussion-Elemente klackern rastlos zwischen den Takten hin und her. Alles ist in Bewegung, jedes Pattern ist ein kleiner Mikroorganismus für sich – lebendiger war elektronische Musik nur selten. Weber verdichtet die Beschaffenheit eines Sounds auf den einen, bedeutenden Moment, legt so seinen wahren Charakter frei und formt das Ergebnis zu imponierenden und komplexen Klangfiguren. Wer würde sich zu soviel repetitiver Urwüchsigkeit besser als Sänger eignen, wenn nicht Noah Lennox? „Stick To My Side“ kommt mit schiebender Hi-Hat und knackigen Claps daher. Zu den sehnsüchtigen Gesangeskapaden des Panda Bear mischen sich ausufernde, elegische Streicherwände die von scharfen, gläsernen Glocken durchschnitten werden wie die Schweizer Bergluft von der eisigen Kälte. Pantha Du Prince knüpft an ein ähnlich melancholisches Naturverständnis an, wie es auch schon Dominik Eulberg mit seinen Singles und Alben tat, geht dabei aber deutlich experimenteller vor. Der mittlerweile etwas inflationär angewendete Begriff des Shoegaze spielt in seinem Schaffen ebenfalls eine wichtige Rolle, was sich aber in einer eher abstrahierten Art und Weise niederschlägt und nicht zur substanzlosen, ästhetischen Geste verkommt.

Auf dem furiosen Schlusstrack “Es schneit” werden klingelnde Metallgeräusche und kühle, introvertierte Streicherpads zu einem epischen Klangkonglomerat geschichtet, dass von einer seismisch schwingenden 808-Bassdrum voran getrieben wird. Auf „Black Noise“ bringt Weber seine Klangstudien nah an die Perfektion. Jedes seiner Stücke erzählt eine Geschichte, jedes Soundelement verweist auf seinen physikalische Träger und ist von einer natürlichen, vertrauten Aura umgeben. Das verleiht den Titeln eine tiefe Metaphorik – verschneite Wälder, zugefrorene Bäche und zerklüftete Berglandschaften lassen sich wohl kaum besser musikalisch illustrieren.

87

Label: Rough Trade

Referenzen: Lawrence, Efdemin, Dominik Eulberg, Glühen 4, Carsten Jost, Sascha Funke, The Field

Links: Myspace Official

Stream: “The Splendour”

Vö: 08.02.2009

13 Kommentare zu “Montags-Preview: Pantha Du Prince – Black Noise”

  1. R. sagt:

    fies, schon jetzt über das album zu schreiben, wo “uns” doch vorerst die ep bis zum 08.02.2010 (! – siehe oben) reichen muss.

  2. Markus sagt:

    du musst jetzt tapfer sein: das wird dir jetzt jeden montag passieren. ab sofort gibt es, wenn möglich, die weltexklusive erstmeinung zu einem “wichtigen” thema, unsere “montags preview”.

  3. R. sagt:

    werde das schon verkraften. :D vö ist trotzdem in 2010. *rummäkel* ;)

  4. [...] weitere Stufe ihrer Bekanntheit erreichen (Vampire Weekend, MGMT, M.I.A., Flying Lotus, Hot Chip, Pantha Du Prince, Yeasayer, Beach House, Frightened Rabbit) und von einigen werden wir wider Erwarten nur mäßige [...]

  5. Pascal Weiß sagt:

    Hat heute mehr als gefunkt zwischen uns;) Hey, allein dieser Song:

    http://www.youtube.com/watch?v=XEd4Hzpj604

  6. Markus sagt:

    Gerade nochmal gehört: Diese 87% sind tatsächlich keineswegs zu hoch gegriffen, ein Meisterwerk.

  7. [...] „Coke“ bahnt sich seinen Weg durch spritzige Hi-Hats mit einem gutmütigen Röhrengewusel, aufgeräumt und innerlich ausgeglichen, mehr auf den dumpfen Beat und den eigenen Stil konzentriert als die große Tanzrevolution auslösend. Ein immerwährend unterkühlter Track, der in seiner Art durchaus repräsentativ für das Album steht: Präzision ist hier wichtig, aber auch die Reduktion auf das Wesentliche der minimalen Digitalmusik: Beat, Synthieflächen und lose verstreute Details, die dank ihrer Platzierung gewinnbringend den Wirkungsgrad dieser Musik noch einmal erhöhen. Eine Art Kammermusik-Techno, der bewusst intim und übersichtlich gehalten wird und nicht so feingliedrig und mehrteilig daherkommt wie das überragende Werk von Pantha Du Prince. [...]

  8. Lennart sagt:

    so, jetzt bin auch ich vollkommen in beschlag genommen von diesem album. und da ich sonst eher techno-fern bin, erschließen sich mir dadurch völlig neue welten. wunderschön.

  9. [...] in diesen Tagen mit Pantha Du Prince, Four Tet, Pawel oder Lindstrom & Christabelle eine ganze Schar von ambitionierten neuen [...]

  10. [...] zu offenbaren, und auch die dominanten Glocken im düsteren Grundgerüst von „Bowls“ huldigen Pantha Du Prince leicht [...]

  11. [...] übereinstimmend diskutierte man auch an anderer Stelle: Mit Pantha Du Prince, Four Tet oder Lindstrøm & Christabelle konnte der Elektrosektor zu Beginn des Jahres ein [...]

  12. [...] Dunkler und zurückgenommener musiziert seit jeher Ellen Allien, die Chefin von BPitch Control. „Dust“ ist erfüllt von vager Aussagekraft und subtilen Einfällen, die sich beispielsweise in stylisch-cleanen, fast weiblich gefilterten Beats und rumorenden Extras zeigen. Viele digitale Adaptionen von analogen Instrumenten und Vocaltracks erweitern die vielseitigen Songs um eine humane Ebene, die das ganze Album zwischen kühler Präzision und warmem Grund hin- und hertreiben lässt. Zwischen Elektro und Kammer-Techno schleichen sich sogar einige ätherische Titel ein – und der Opener erinnert mit seinen glasglöckigen Synkopen an das immer noch an der Jahresspitzenposition stehende Werk von Pantha Du Prince. [...]

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