Plattenkritiken


Musik aus Strom: Neuneinhalb elektronische Alben im Schnellcheck (I)

Wie lautet eigentlich der Notruf bei Reizüberflutung durch Nullen und Einsen, durch digitale Musik? 110? Binnen vier Wochen erscheinen so viele erwähnenswerte Elektronik-Alben wie kaum zuvor. Erstaunlich ist nicht nur der Veröffentlichungszeitpunkt direkt vor der sonst eher poppig dominierten Festivalsaison, sondern auch, dass keines der  Werke, die wir euch in diesem zweiteiligen Special vorstellen wollen, wirklich abfällt.

EFDEMIN – CHICAGO

Der Regentechno-Pionier Efdemin reizt mit seinem neuen Werk „Chicago“ die Einsatzmöglichkeiten von minimalem Techno zwischen Klub und Kopfhörer aus und reduziert seine Formsprache nach dem letzten Konsenswerk abermals. Viele der Stücke funktionieren gerade trotz des Fehlens auffälliger Effekte oder gewagten Arrangements der musikalischen Muster und sind von kaum merklichen sphärischen Flächen geprägt, die durch den akustischen Raum schweben und die Platte zurückgenommen, elegant und manchmal jedoch auch reserviert wirken lassen. So zelebriert Philipp Sollman vielleicht auch im Grundsatz ein wenig zu streng und zu humorlos – es dauert bis zur Mitte des Albums, bis die Ernsthaftigkeit allmählich der Lockerheit weicht und Platz macht für House-Anleihen, Jazz-Ahnungen, synkopierte Luftsprünge und verbeulte Konstruktionen, die den Ausdruck des Albums enorm zu steigern wissen.

Label: Dial | Homepage | VÖ 28.05.2010

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RUSKO – O.M.G.

Spaß ganz anderer Art kann man mit „O.M.G.“ des britischen Produzenten Rusko haben, der seinen Beats nicht nur im Opener „Woo Boost“ einen Turboboost verpasst, sie ironisch monströs aufbläst, um sich mit maximalen Showeffekten den Weg durch den Grime-Dschungel zu bahnen, der London weiterhin im Griff hat. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille, die andere bietet ein Musikkonglomerat, das Vergleiche mit einer Compilation nicht zu scheuen braucht. Von frischem Pop über Soul und Dub reicht das Spektrum, das leider oft mit allzu plumpen Beats unterfüttert wird und recht einseitig Feierlaune zu versprühen versucht. Mit nervenden Rave-Attacken ist ebenso zu rechnen wie mit stotternd rückwärts gespulten Dubstep-Einflechtungen und fast schon linearen Disco-Poppern („Feels So Real“).

Label: Mad Descent | Homepage | VÖ 14.06.2010

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OST & KJEX – CAJUN LUNCH

Was Rusko an Farbe und Vitalität zuviel hat, fehlt manchen Tracks des Osloer Produzententeams Ost & Kjex, die vor allem aber dank vieler analoger Einspielungen und einer überkandidelt-angestrengten Stimme punkten können. Wenn „Continentel Lover“ sogar an TV On The Radio und (Stimme) Nôze (alles andere) erinnern lässt, ist der übliche Referenzrahmen längst aufgesprengt und zeigt die Variabilität des „Cajun Lunch“s, was ebenso funky wie diskomäßig glitzert und auch über die volle Distanz mit recht wenig Aufwand in den Details prächtig unterhält. Eine House-Platte mit hohem Alltagsgebrauchfaktor.

Label: Diynamics | Homepage | VÖ 14.06.2010

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ELLEN ALLIEN – DUST

Dunkler und zurückgenommener musiziert seit jeher Ellen Allien, die Chefin von BPitch Control. „Dust“ ist erfüllt von vager Aussagekraft und subtilen Einfällen, die sich beispielsweise in stylisch-cleanen, fast weiblich gefilterten Beats und rumorenden Extras zeigen. Viele digitale Adaptionen von analogen Instrumenten und Vocaltracks erweitern die vielseitigen Songs um eine humane Ebene, die das ganze Album zwischen kühler Präzision und warmem Grund hin- und hertreiben lässt. Zwischen Elektro und Kammer-Techno schleichen sich sogar einige ätherische Titel ein – und der Opener erinnert mit seinen glasglöckigen Synkopen an das immer noch an der Jahresspitzenposition stehende Werk von Pantha Du Prince.

Label: BPitch Control | Homepage | VÖ 28.05.2010

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REBOOT – SHUNYATA

Kosmopolitischer sind die Klänge Frank Heinrichs, der unter dem Pseudonym Reboot auf Cadenza debütiert und dabei dem Frankfurt-Techno eine neue Identität stiftet. Percussion ist ebenso wichtig wie ein globales Flair, das mit Feinsinn und Überlegung in die Geradlinigkeit der Produktionen eingeflochten wird. „Save Me“ ist ein tiefsumpfiger, großartiger Techno-Blocker, „Dreilach“ eine fahrig-spacige Odyssee und „Down Pantha“ eine humorvoll verknotete Miniaturausgabe seiner eigenen Idee, was genügend stimmige Ansatzpunkte für weitere Alben bieten sollte.

Label: Cadenza | Homepage | VÖ 14.06.2010

2 Kommentare zu “Musik aus Strom: Neuneinhalb elektronische Alben im Schnellcheck (I)”

  1. [...] im Gegenteil -, davon könnt ihr euch hier überzeugen. Per Klick geht es übrigens noch einmal zu Teil 1 dieses [...]

  2. [...] Beach Fossils – Beach Fossils Wild Nothing – Gemini Ariel Pink’s Haunted Graffiti – Before Today Actress – Splaszh Efdemin – Chicago [...]

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