Ian William CraigCentres

Wäre „A Turn Of Breath“ nicht in unserer Geheimen Beute von 2014 aufgetaucht und hätte mich der darauf folgende Eintrag im Guardian über „The 101 strangest records on Spotify: Ian William Craig – A Turn Of Breath“ nicht noch neugieriger gemacht, hätte es diesen Text nicht gegeben. So bleibt mir aber nichts anderes übrig, als diesem sonderbaren kanadischen Komponisten, Musiker und ausgebildeten Opernsänger eine Aufwartung zu machen.

Es ist starker Tobak, den uns Ian William Craig auf seinen zahlreichen Veröffentlichungen präsentiert. (Weißes) Rauschen, kosmische Klänge, Geisterchöre, himmlische Drones und ambiente Strukturen – Craig malt nicht, er konstruiert Sounds, denen ein (neo-)klassischer Grundgedanke innezuwohnen scheint. Schicht an Schicht lässt er Texturen miteinander korrespondieren, hat keine Scheu vor Interferenzen und lässt Stimmen zu Instrumenten und Instrumente zu Stimmen werden. Bereits auf „A Turn Of Breath“ wusste dieses Amalgam zu überzeugen, doch mit „Centres“ wächst er über sich selbst hinaus. Die begleitende erste Single „A Single Hope“ übertrifft das bisherige Schaffen und lässt gar einen Hauch originärer Popmusik zu, bevor sich der knisternde Vorhang zuzieht und Stimme und Melodie in den Orkus verschwinden.

Ein stetiges An- und Abschwellen beherrscht „Centres“, dessen Kern im Verborgenen zu liegen scheint. Craig verbindet weithin bekannte Ideen anderer Soundbastler, doch schafft er sich Spielräume, um Gleichklang zu vermeiden und trotzdem so repetitiv zu arbeiten wie nötig. Das chorische Atmen in „Drifting To Void On All Sides“ lässt Bezüge zu den Schleifenloops einer Julianna Barwick erkennen, die cinematographische Anmutung des eröffnenden großartigen „Contain (Astoria Version)“ wiederum gemahnt an Kreng oder William Ryan Fritch, doch weder zitiert Craig noch spielt er nach. Vielmehr wirkt es, als würde er Schattenrisse und Andeutungen entwerfen, die den Hörer nur auf die Spur bringen könnten.

„Centres“ ist geprägt von einem zerrissenen Klangbild, das traurig und düster klingt und dennoch zufrieden und selig macht. Sicher, wenn zum ersten Mal „Power Colour Spirit Animal“ durch die Lautsprecher erschallt, mit urtümlichen Klopf- und Kratzgeräuschen eine eher undurchsichtige Wand aus sich stetig wiederholendem Schall und Wahn aufbaut, mag der Wohlklang ein wenig auf der Strecke bleiben. Nach und nach zwängen sich aber feinste Nuancen von Craigs Echostimme dazwischen, bis ein Chor entsteht, der mit Cherubim und Seraphim vom Himmel heruntersteigt, um sich nur kurze Zeit später wieder in die zweite Reihe hinter die knisternden Soundfragmente einzuordnen. „Arrive, Arrive“ erinnert kurz darauf an frühe Perfume-Genius-Werke, bevor Craig im folgenden „A Circle Without Having To Curve“ vor fahlen Industrialflächen zitternder und bebender erscheint als je zuvor.

Es ist schwierig, ein Werk wie „Centres“ zu beschreiben, ohne auch nur einmal die Worte „experimentell“ oder „atmosphärisch“ zu benutzen, so eng scheinen beide Kennzeichnungen mit dem Gehörten verwurzelt zu sein. „Centres“ geht jedoch weit über das hinaus, was gemeinhin solcher Beschreibung bedarf. Es wäre vermutlich viel zu einfach, solche Schubladen zu bemühen, nicht minder als neue zu erfinden, und so das Album oder Craig in die Nähe von Künstlern zu rücken, die mit dem Stempel auf der Stirn geboren wurden. Ob es allerdings des schlichten „strange“, also „seltsam“, bedarf, das Craig für sein 2014er Werk erhalten hat, bleibt dahin gestellt, die Güte dieser herausragenden LP definitiv nicht. Die ist schlicht und einfach ein Meisterwerk.

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