AUFTOUREN 2014Geheime Beute

AUFTOUREN 2014 - Geheime Beute

Mannequin Pussy – Gypsy Pervert [Tiny Engines]

Gerade einmal 18 Minuten und 23 Sekunden brauchen Mannequin Pussy für die zehn Songs ihres Debütalbums „Gypsy Pervert“. Dennoch gelingt es dem Trio aus Philadelphia vor allem dank der charismatischen und wandlungsfähigen Frontfrau Marisa Dabice zwischen kratzbürstigen Punksongs („Sneaky“), einer noisigen, aber dennoch lieblichen Variante von 60s-Pop („My Baby (Axe Nice)“, „Clit Eastwood“), Shoegaze („Someone Like You“) und grungigem Alternative Rock („Pissdrinker“) scheinbar spielerisch leicht, hin und her zu springen – ohne dabei auch nur eine Sekunde beliebig zu klingen. Stil, Besetzung und vor allem natürlich der Name sorgen fast zwangsläufig für Vergleiche mit Perfect Pussy und deren Debütalbum „Say Yes To Love“, doch „Gypsy Pervert“ ist weniger experimentell und chaotisch, sondern trotz des Lärms unverschämt eingängig und fesselnd. (Daniel Welsch)


The Central Executives – A Walk In The Dark [Golf Channel]

Discomusik für Erwachsene die klingt, als hätten sich Moloko, diverse Hi-NRG- und Italo-Dance-Spezialisten in einen Houseclub verirrt – so ungefähr könnte man „A Walk In The Dark“ sicherlich beschreiben. Woher genau es kommt, war lange nur dem Label selbst bekannt, wohin es aber geht, ist sofort ziemlich offensichtlich: in die Beine. Egal ob zum geflüsterten „High Roads“, das sich ohrenschmeichelnd erst im Nachhinein als echter Zappelphilipp entpuppt, beim hervorragenden „Dance Dance Dance“, das sich die Vocals tatsächlich bei Róisín Murphy entliehen haben könnte oder beim undurchsichtigen „Waveform Reform“: The Central Executives fordern alle zum Tanzen auf und wissen, wie man eine saxophongeschwängerte Bläsersektion richtig einsetzt. (Carl Ackfeld)


18+ – Trust [Houndstooth]

Ein Hecheln, ein Stöhnen und die Worte voller Lustwollen. Alle Zeichen könnten auf Sex stehen und doch steht das Duo 18+ auf Distanz zu allzu offenkundigem Körperlichkeits-R’n’B. „Crow“ könnte da fast noch als besonders unterkühlter Mustard-Ripoff durchgehen, wären nicht die „Hey, hey, hey“-Shouts hier durch Vogelkrächzen substituiert. Besonders in der Mitte von „Trust“ scheinen die skelettierten Snare-Beats in den Leerraum einer fast ganz verlassenen Halle zu laufen, neblig weiche bis hysterisch metallene Synths schaffen es auf befremdliche Weise, dazu und zueinander nicht im Widerspruch zu stehen, sondern laden gemeinsam zur Desorientierung ein. Doch auch wenn Justin Swinburne und Samia Mirza ihre gerne mal affektiert ausdruckslosen Vocals noch weiter verfremden, beseitigt das nicht die grundlegende Stimmchemie der beiden, die sie so in gendergemischtem Wechselgesang dann doch wieder ganz traditionell – bis durch das Funkeln von „Nectar“ ein sägendes Knarzen zieht. (Uli Eulenbruch)


Couch Slut – My Life As A Woman [Handshake Inc.]

Doch, doch, das Cover passt durchaus, auch zur feministischen Haltung der New YorkerInnen. „My Life As A Woman“ schwitzt aus jeder Pore, ist dreckig, laut und fordernd bis hin zum Körperlichen. Couch Slut verstehen es, Sludge und Noise durch fulminante Geschwindigkeitswechsel zu vermengen und im Ergebnis nicht mehr greifbar zu machen. Flirrend und vor Dominanz strotzend, bewegt sich das Album rücksichtlos wie im Fieberwahn fort. Fassade oder Attitüde ist hier rein gar nichts, denn diese Grundfesten wurden mit dem schmerzhaften Eröffnungsstück „Little Girl Things“ schnellstmöglich zum Einsturz gebracht. In dem chaotischen Rahmen wirkt naturgemäß vieles improvisiert und unfertig. Es ist genau dieser rohe Charakter, der das Album mit Leben füllt. (Felix Lammert-Siepmann)


Kyoka – IS (Is Superpowered) [Raster-Noton]

Selten wirft ein Album so konkret die Frage auf: „Was will uns die Künstlerin damit sagen?“ Es liegt in diesem Fall daran, dass die Japanerin auf ihrem Debütalbum schreinbar englischsprachige Vocals in den Fokus ihres trockenen Glitch-Techno stellt, die sie mehr spricht als singt und damit umso mehr einer semantischen Wahrnehmung nahelegt. Kyoka sampelt Silben vor und zurück und rekombiniert sie zu gehaltvoll klingenden, doch inhaltlich letztlich bedeutungslosen Worten – ein Dada-Effekt, an den man sich erst gewöhnt und ihn irgendwann höchstens noch in „Lined Up“ wahrnimmt, wenn sich im Hintergrund ein Dancehall-Vokalist dazugesellt. In „Toy Planet“ und „Meander“ zeigt sich dagegen bestens, dass für Musik der passende Silbenklang im richtigen Rhythmus wichtiger ist als ihre Bedeutung – ein Hoch auf die Phonetik! (Uli Eulenbruch)


Nathan Bowles – Nansemond [Paradise Of Bachelors]

Dass Nathan Bowles mal zusammen mit dem viel zu früh verstorbenen Jack Rose musiziert hat, merkt man seinem zweiten Soloalbum in jeder Sekunde an. „Nansemond“ klingt wie ein längst überfälliges Vermächtnis und bewahrt sich trotzdem ein großes Maß an Eigenständigkeit. Im Vordergrund stehen verblichene Appalachian-Folk-Traditionals, die Bowles wie durch ein Schlüsselloch betrachtet. Seine Fingerfertigkeit am Banjo, gepaart mit der Sogwirkung der Melodien, kommt kontemporären Drones sehr nahe und nimmt den Hörer mit auf eine archaische Reise tief in die uramerikanische Seele. „Nansemond“ schafft es jedoch auch, die befremdliche, nahezu instrumentale Kulisse aufzubrechen und stellt zwei richtige „Songs“ ins Zentrum des Albums. Doch die wahre Strahlkraft erreicht es in den fließenden Banjspuren bei „Sleepy Lake Tire Swing“, die sich wie Nebelschleier über den Nansemond River erheben und so nicht nur dem Albumcover absolut gerecht werden. (Carl Ackfeld)


Horse Lords – Hidden Cities [NNA Tapes]

Es besticht bei jedem Hören aufs Neue, wenn Horse Lords nach ein paar relativ laxen Minuten im letzten Drittel von „Outer East“ die Schlinge langsam enger ziehen und nach abruptem Drumfill als wasserdicht kompakte Einheit abheben. Auf seinem zweiten Album demonstriert das Baltimorer Quartett in jenem Eröffnungsstück wie auch in „Macaw“ die Elastizität seiner gemeinsamen Spieldynamik über Saxophon-Hochdruck und krautig-jazzig-mathige Polyrhythmik, dazwischen dehnen kürzere Stücke mit Synthdrone und -arpeggiogewitter ihr Spielspektrum noch kühner. Jedes davon ist in sich geschlossen und will doch nicht hermetisch vom Rest getrennt sein, weil diese Band ihre Vorstellung von Instrumentalrock so ungemein flexibel hält.(Uli Eulenbruch)

Good Throb – Fuck Off [SuperFi]

Mit dreiviertelleerer Whiskyflasche in der einen Hand und ausgestrecktem Mittelfinger am Ende der anderen ätzen Good Throb auf ihrem Debüt britisch-bitterhumorig wie der noch bösere musikalische Treffpunkt von mclusky und Sleaford Mods. „Tear off your cock/ Pedigree chum /Feed it to the dog/ you imbecile scum“ erklingt es so im Feelbad-Finale „Dog Food Dick“, anderswo werden Good Throbs textliche Abgründe weniger von cartooniger Überzogenheit verhohlen als in nackter Grausamkeit häppchenweise präsentiert. Sogar noch spröder rödelt ihr Post-Punk mit aufdringlich gehämmerter Basssaite und durchaus melodischen, aber nicht minder barschen Gitarrenmelodien daher, dabei setzt sich immer wieder ein gewisser Spielhumor durch wie in „Crab Walk“, dessen launig eingeworfener Refrain über munterem Tom-Tom-Gewummer exemplarisch für die herrlich absurde Kontrastbalance dieser Band ist. (Uli Eulenbruch)


Julia Brown – An Abundance Of Strawberries

Alles an Julia Brown ist anders. Nicht nur, dass es sich dabei natürlich nicht um irgendeine dahergelaufene Sängerin handelt, sondern um eines der zahlreichen Projekte von Sam Ray aka Ricky Eat Acid. Als jenem von ein paar Indielabels ein Haufen Indiekohle angeboten wurde, damit sie sein neues Indiepop-Album „An Abundance Of Strawberries“ veröffentlichen dürfen, hat der es kurzerhand einfach – ganz Indie – selbst per Download-Link auf Twitter veröffentlicht. Die Suche danach lohnt sich: Für ein Album, von dem im Endeffekt kaum jemand mitbekommen hat, geht es erstaunlich tief unter die Haut, jeder der 13 Songs perlt runder und geschmackvoller als der letzte, und wessen Herz für fragile Lo-Fi-Ästhetik schlägt, könnte es hier für längere Zeit verlieren. (Jennifer Depner)


Ian William Craig – A Turn Of Breath [Recital]

Es ist ein phänomenales Album, bei dem man vor lauter überwältigender Anmut glatt das Atmen vergessen kann. Mal schichtet der Brite in der Chamber-Intimität einer Julia Holter fremde Stimmen unter analogem Knistern ineinander, doch meist ist es seine eigene wie in „On The Reach of Explanations“. Hier kumuliert die Intensität des trainierten Opernsängers, seiner majestätisch schönen Drones und auch der vielen Klangschwankungen, Phasenverschiebungen und anderer Lo-Fi-Effekte seiner Tape-Manipulationen, bis die Lautsprecher zu bersten scheinen. Derart zur grenzchaotisch übersteuerten Julianna Brwick wird Craig aber nur selten und benötigt es auch nicht für seine mitreißenden, sakral-schmerzerfüllten Vocal-Kompositionen: Fast knisterfrei ziehen weitgehend wortlose „Uuuh“s, Summen und Brummen durch „Either Or“, dermaßen in ihren Bann ziehend mit ihrem An- und Abschwellen, dass man beim Zuhören alles andere um sich herum völlig (Uli Eulenbruch)

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2 Kommentare zu “AUFTOUREN 2014 – Geheime Beute”

  1. Carl Ackfeld sagt:

    Wow, ist die Ian William Craig toll! Wo hattest du die denn in deiner Vorauswahl versteckt, Uli?

  2. Zur Zeit der Vorauswahl war die noch in meiner „Platten, die ich allmählich wirklich mal gehört haben sollte“-Liste.

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