Jamie xxIn Colour

Selbstredend veröffentlicht Jamie Smith sein Soloalbum nicht gerade unbeachtet: Nicht nur erscheint „In Colour“ ebenso auf dem Indiegiganten XL wie die Platten seiner Band The xx, auch führt er dabei deren Insignien als Teil seines Künstlernamens prominent an und sogar das geviertelte Logo des ehemaligen Quartetts ziert das Cover seines Debütalbums. Allein schon durch dieses Umfeld begegnet „In Colour” in manchen Kreisen ein ähnliches Maß an Erwartung und Vorschusslorbeeren wie einem neuen Apple-Produkt. Dabei kann Jamie xx auch durchaus auf eigenen Beinen stehen.

Meistens erwecken seine Kompositionen den Anschein, als würde über ihre Spieldauer wenig geschehen. Stücke wie das Four-Tet-plinkerige „Sleep Sound“ drifteten unter kontinuierlicher Dämpung und Ausblendung fast schon ambientartig durch den Äther, besäßen sie nicht auch eine innere Bewegung über oft nur angedeutete Jungle- und Garage-Breaks, die ebenso vintageweich gehalten werden wie die wolkigen Melodien. „The Rest Is Noise“ synkopiert Claps und ein dezent hämmerndes Bassruckeln in einen ansonsten simpel dahintuckernden Balearic-Beat, wie hier tariert Jamie xx gerne zwischen innerer Animation und äußerer Entspanntheit aus, indem er den tragenden Beat mit weniger Bpm schüchtern dahintapsen lässt und höherfrequentige Perkussion mitunter sogar polyrhythmisch einstreut. In der Verlinkung dieser beiden Ebenen mit unsichtbaren Fäden brilliert er vor allem als Sounddesigner des schwer Greifbaren, der Zwischenzustände.

Weniger gut gelingt ihm auf „In Colour“ der Kompromiss hinsichtlich der Gesangsfeatures, bei denen er abgesehen von „Seesaw“ seine Produktionen zurückfährt für seine xx-KollegInnen und die beiden derart in den Vordergrund rückt, dass seine eigenen Kontributionen zu verblassen drohen. Doch harmoniert er freilich auch weiterhin mit Romy Madley-Croft und Oliver Sim, so dass „Stranger In A Room“ und „Loud Places“ leicht als farbintensivierte xx-Songs vorstellbar sind. Abgesehen von Samples bringt Jamie xx nur noch auf „I Know There’s Gonna Be (Good Times)“ andere Stimmen ins Spiel, doch wo die anderen Stücke maßgeschneidert für Madley-Croft und Sim sind, sind Popcaan und Young Thug (von einem patentierten Thugger-Vogelkrächzen mal abgesehen) dermaßen unbemerkenswert zwischen die übermächtigen Samples des Persuasions-Klassikers eingeflochten, dass ihre Positionen auch x-beliebig anders hätten besetzt werden können.

Ohne Vocal-Fokus kann sich das tickende „Sleep Sound“ noch so gerade im Ohr platzieren, doch versuppt „In Colour“ spätestens am Ende mit einem Überfluss an gleichermaßen lauwarmen Melodien, so flüchtig einander abwechselnd, dass die beste Albumerfahrung das halbe Hinhören ist. Ein aktives Verfolgen erweist sich als weniger fruchtbar und die Flüchtigkeit vieler Stücke macht es Smith auch schwerer, dem Album eine sinnige Gesamtstruktur zu verleihen. Das finale „Girl“ beispielsweise hätte in seinem vertiefenden Drift genauso gut, wenn nicht gar besser, weit vorne im Album stehen können und wird an dieser Stelle nur zum Nachgedanken.

Die Melancholie wie auch die Euphorie von „In Colour“ wirkt räumlich beschränkt, sich nicht weiter erstreckend als die eigenen vier Zimmerwände oder den Arbeits-Cubicle. Obwohl die Breaks, mit denen Jamie xx hantiert, fundamentalen Dance-Charakter besitzen, stellen sie auf diesem Album nur eine Erinnerung an das kommunale Erlebnis des Rave dar. Allerdings muss das letztlich keine Beschränkung sein: In der digital-vernetzten Moderne ist das als Einzelerlebnis konzipierte schließlich im Nu zur Gruppen- und Massenerfahrung gemacht, sei es ein Let’s Play, ein Track-für-Track-Livetweet eines Albums oder eine Videostream-Übertragung, wie man still und heimlich dazu durchs Wohnzimmer tanzt. Man muss nicht im selben physischen Raum sein, um jemand anderen im selben Momment dazu rhythmisieren sehen zu können, in dem man es selbst auch macht. Da ist es dann auch egal, wenn Jamie xx auf sich allein gestellt schon mal ins Periphere der Wahrnehmung abdriften kann.

Ein Kommentar zu “Jamie xx – In Colour”

  1. anfangs war ich, wie uli, auch eher skeptisch. aber inzwischen nach mehreren versuchen (seit der vö) und mehreren tagen über 30 grad muss ich sagen das album wächst und wächst mit den temperaturen ;-D

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