Zwei Jahrzehnte nach ihrem Debütalbum und zehn Jahre nach dem ambitionierten letzten Werk „The Woods“ kehren Sleater-Kinney zurück und setzen damit die Liste von starken Comebacks alter Helden fort.

„No Cities To Love“ klingt dabei einerseits wie ein zweites Debüt, weil das Trio so enthusiastisch, frisch und wild wie eine Newcomerband aufspielt. Andererseits hört man den Zwiegesprächen zwischen Gesang und Gitarre und dem fantastischen und stets songdienlichen Schlagzeugspiel von Janet Weiss an, dass hier drei Frauen miteinander musizieren, die sich trotz längerer Pause noch blind verstehen und musikalisch perfekt ergänzen.

Zwischen 1995 und 2005 veröffentlichten Sleater-Kinney sieben sehr gute bis herausragende Alben und legten damit einen produktiven und qualitativen Lauf hin, den nur wenige Bands toppen. Und auch in der zehnjährigen Pause danach waren sie keinesfalls unproduktiv: Janet Weiss trommelte unter anderem für Bright Eyes, The Shins sowie Stephen Malkmus & The Jicks, Corin Tucker veröffentlichte zwei Alben mit der Corin Tucker Band und Carrie Brownstein versuchte sich mit der satirischen Fernsehserie „Portlandia“ erfolgreich als Autorin und Schauspielerin. Außerdem waren da ja noch Wild Flag, die Supergroup aus Brownstein, Weiss, Mary Timony (Helium, Ex Hex) und Rebecca Cole (The Minders), und ihr selbstbetiteltes Debütalbum, das allerdings die von Sleater-Kinneys Abgang erzeugte Lücke nicht so recht füllen konnte.

Umso erfreulicher also, dass das Trio aus Olympia nun zurück ist, auch wenn „No Cities To Love“ nicht etwa mit einer freundlichen Umarmung zur Begrüßung, sondern der aggressiven, fast abweisenden Konsum- und Kapitalismuskritik „Price Tag“ beginnt. Der Song pendelt durchgehend zwischen stampfenden und tänzelnden Rhythmen, bevor sägende Gitarren ihn am Ende im hysterischen Durcheinander untergehen lassen. Das anschließende „Fangless“ baut dagegen auf einem lässigen und tanzbaren Groove auf, der in einen eingängig-hymnischen Refrain überleitet. Auch die beiden folgenden Songs funktionieren dramaturgisch ähnlich. Zunächst zeigen Sleater-Kinney mit „Surface Envy“ ihre lärmende, kratzbürstige Seite, um dann im Titelsong einen fröhlich-ausgelassenen Abgesang auf den Hype um manche Städte anzustimmen: „There are no cities, no cities to love/ It’s not the city, it’s the weather we love.“

„A New Wave“ drängelt während der Strophen mächtig nach vorne und gönnt sich im Mittelteil einen kurzen Ausbruch aus der recht strengen Struktur, „No Anthems“ entlarvt den eigenen Titel nach nur einer Minute als dreiste Lüge und liefert einen weiteren hymnischen Refrain. Mit „Gimme Love“ und der von allerlei Perkussion begleiteten zweiten Hälfte von „Bury Our Friends“ erkundet die Band anschließend die Tanzbarkeit und Funkyness ihrer Musik. Obwohl der vorletzte Song „Hey Darling“ zusammen mit dem Titelsong zu den poppigsten Momenten des Albums gehört, endet „No Cities To Love“ überraschend düster. „Fade“ schleppt sich wie ein verwundetes Tier mit schweren Riffs und unheimlich verzerrtem Gesang durch vier beklemmende Minuten.

Zum Glück versuchen Sleater-Kinney nicht, den ambitionierten und zum Teil ausschweifenden Vorgänger „The Woods“ zu übertrumpfen, sondern feiern mit „No Cities To Love“ ein unaufgeregtes, im besten Sinne unspektakuläres Comeback. Die zehn Songs sind kompakt in Struktur und Arrangement, ohne dabei eintönig oder langweilig zu klingen. Auch dass sich die musikalische Landschaft während ihrer Abwesenheit verändert hat, ist der Band bewusst, und so lesen sich einige Songtexte wie direkte Kommentare zur Wiedervereinigung: „Exhume our idols and bury our friends/ We’re wild and weary but we won’t give in.“ Schade wäre allerdings, wenn sich der Abgesang von „Fade“ ebenfalls auf das Comeback bezieht und sich Sleater-Kinney mit „No Cities To Love“ gleich wieder verabschieden. Doch auch dann gilt: „If we are truly dancing our swan song, darling, shake it like never before.“

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