
Schon ein Blick auf die Tracklist des jüngsten Streichs „The Hazards Of Love“ lässt tief blicken: 17 (zusammenhängende) Songs, eine übergeordnete Struktur mit vier Haupttiteln, dazwischen und darunter Namen und Titel, die allein beim Lesen jedem Romantiker und Liebhaber des historischen Epos das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen dürfte. Und wer sich schon bei „The Crane Wife“ an größte Gesten und dicke Schmöker erinnert fühlte, muss hier seine Maßstäbe neu definieren – wie auch die stets ambitionierten Laienspieler aus Portland sich tatsächlich neu definieren und die definitive Pergamentrolle entfalten. Spätestens jetzt. Wenn der Vorgänger die Treppenstufe auf dem Weg zu diesem wahren Riesen von einem Album war, ist „The Hazards Of Love“ die Rolltreppe hinauf zum Rockolymp. Man hat wie immer das Gefühl, dass es trotz konkreter Figuren und ihres ganz persönlichen Kosmos um nichts Geringeres als die Welt als solche geht.
Eine eiernde Breitwandorgel, mutmaßlich eine der letzten Überlebenden ihrer Art, weist den Weg in die Geschichte, deren Inhalt für eine Rezension schlicht zu umfangreich ist. Stets im Schatten der alten Rockgiganten aus der TimeLife-Werbung spielen die Decemberists vielleicht selbstbewusster denn je ihren Folk, der zwar nicht mehr ist was er mal war, aber eindeutig was er immer schon mal sein wollte. „Won’t Want for Love (Margaret in the Taiga) “ rühmt sich mit kompromisslos opulenten Gitarren, kommt aber nicht umher, dieses unfehlbare Gespür für die richtige Melodie ein weiteres Mal zu unterstreichen. Auch die übrigen Songs, alles was von eins bis siebzehn Gesang enthält, besitzt eine Gesangslinie, die die Lust weckt, am liebsten schon beim ersten Hören mitsingen zu können.
Immer wenn Pracht und Glanz voll erstrahlen, setzt es eben keinen weiteren großen Paukenschlag. Stattdessen verdunkelt sich das Bühnenbild kurzzeitig und punktuell beleuchtet wirkt ein wunderschönes Akustik-Duett wie „Isn’t It a Lovely Night“ als Ruhepol. Hoch anzurechnen ist den Decemberists außerdem, mit welcher Geduld sie dieses Riesending in gerade einmal knapp einer Stunde auf- und wieder abziehen. Manche Bausteine bestehen in der Tracklist vor allem zu jenem Zweck, den Weg für das nächste Feuerwerk zu ebnen, ohne jemanden zu verschrecken. Zwar hat der grimmige „Rake’s Song“ genug Feuer dahinter, um auch gestandenen Männern reichlich Respekt einzuflößen, aber dann doch einen zu eindringlichen Charme, um es so oder so völlig verstehen zu können. Ebenso Verwirrung stiftet „Annan Water“, das von allen tollen Melodien wohl die grandioseste in seiner Strophe bereithält und im Refrain vorn über kippt. Im folgenden „Margaret in captivity“ gibt es dann auch ernsthafte Streicher, in „The Hazards of Love 3 (Revenge!)“ gar einen Classic-Rock-Rhythmus auf dem Cembalo(!), während ein Kinderchor bitterböse und langsam das Ende einläutet. Ein Musterbeispiel an spielerischer Seriösität, die für die kompletten 60 Minuten gilt. Dies macht „The Hazards of Love“ auch für solche Anhänger der Decemberists, die sich 2005 liebend gern solidarisch und mitfühlend neben „Eli The Barrow Boy“ in die Grube geworfen hätten, zu einem nicht nur erträglichen, sondern nachvollziehbaren neuen Weg.
Label: Rough Trade / Beggars / Indigo
Spieldauer: 58:38
Referenzen: Led Zeppelin, Get Well Soon, Trail Of Dead, Okkervil River, The Devine Comedy
VÖ: 27.03.2009