Kirin J CallinanBravado

Geschmacksfragen überlässt Kirin J Callinan den anderen. Auf seinem halsbrecherischen zweiten Album lässt der Australier immer wieder ganz würdevoll den Crooner raushängen, nur um sich – nicht selten im selben Song – dann kopfüber in Eurodance-Bummklatsch und euphorisches Tastenhämmern zu stürzen. Das ist alles andere als gemütliche Kohäsion und auch Callinan selbst kann wie eine wandelnde Karikatur erscheinen, wenn er bei „S.A.D.“ mit Frosch-Pitch „Just another song about drugs“ intoniert und vollentblößt im dazugehörigen Video das „Popstar reist in fernes Land“-Konzept verballhornt. Selbst der krude Funk von „Down 2 Hang“, das er zu James Chances Saxofon-Röcheln größtenteils improvisiert in einem einzigen Take einspielte, wirkt jedoch nicht erratisch verworren, gerade die steilsten Ausbrüche wie der markige Schrei in der Mitte von „Big Enough“ baut Callinan lieber behutsam auf. Nicht zuletzt wegen zahlreicher Gesangs- oder Instrumental-Kollaborationen mit ähnlichaltrigen, ähnlich neben der Genrespur agierenden Leuten wie Weyes Blood, Mac DeMarco und Sean Nicholas Savage ist „Bravado“ einladender als Callinans Debüt „Embracism“, dessen stellenweise penetrante Aggression dem provokativ herzerfüllten Pop von „Living Each Day“ gewichen ist. Radikale Brüche finden sich dort ebenso wenig wie in den soulig-balladesken „Tellin‘ Me This“ und „Family Home“, dafür ist „This Whole Town“ anschließend ein schamlos lustvolles Abraven, in dem ein potentielles Paar zwar Lust auf alles proklamiert, aber beide durch all die Optionen ihrer Dating-Apps paralysiert nicht aus dem Haus kommen. Mangelnden Mut zum Wagnis, das kann man dem Macher dieses Albums sicher nicht vorwerfen.

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