Als Sharon Van Etten vor einigen Jahren ihr erstes Album „Because I Was In Love“ vorgelegt hatte, konnte der einnehmende, aber doch ziemlich spirituelle Songwriterfolk überzeugen, allerdings war den Songs doch eher eine geringe Halbwertszeit beschieden. Auf „Tramp“ sah das, vielleicht auch aufgrund der Mithilfe der umtriebigen Aaron und Bryce Dessner schon anders aus, strahlte neben den schmeichelnden Klängen der Musikerin doch ein ebenso unverhohlener Hang zu elegischer Vehemenz. Die ist auf „Are We There“ sicherlich noch nicht abgelegt, doch schwingt zusätzlich dieses gewisse Etwas mit.

Schon allein im vortrefflichen Auftakt mit dem genauso vorsichtigen wie präsenten „Afraid Of Nothing“ und „Taking Chances“, das sich als regelrechter Hit entpuppt, spielt Van Etten die Karten zu ihren Gunsten aus. Pianotropfen, die nicht von dieser Welt scheinen, die Gitarre, von zartherbem Anschlag getrieben und eben diese endlich vollends ausformulierte Klangfarbe, die zwischen Sehnsucht und Begehren pendelt.

„Are We There“ ist ein Zuhöralbum geworden, ein Werk dessen Vielfältigkeit im Kleinen, im Besonderen liegt. Die feine Akkordbrechung im Refrain von „Our Love“, bei dem die artverwandte Torres unterstützend eingreift, fällt genauso darunter wie der leichte Westcoast-Einschlag auf „Tarifa“, dessen Bläsersätze so unterschwellig wie möglich, aber doch so zwingend wie nötig für die Atmosphäre scheinen. Dazu singt Van Etten ihr Innerstes nach außen und lässt jeden, der sich darauf einlässt, daran teilhaben. „I love you but I’m lost“ singt sie im gleichnamigen Song wieder stimmlich gedoppelt, als ob sie vielen (Liebes-)Dingen eine zweite Seite geben will. Das klingt dann manchmal wie ein schmerzhafter Abgesang, strahlt aber aufgrund der Intensität eine wahnsinnige Stärke aus.

Sharon Van Etten mischt ihre intime Texten sicherlich bevorzugt in schwarzweißen Tönen, schwelgt aber darüber hinaus in Schönheit. Die Melodiebögen verschmelzen mit dem ausdrucksstarken Timbre der Sängerin und öffnen der vordergründigen Melancholie Tor und Tür. Doch da ist immer auch Stärke und Kraft in den Worten, indem sie die besungenen Abgründe und Zweifel wie selbstverständlich beschreibt, sie sogar verstärkt und sie eher in sehnsüchtige Seufzer verwandelt. Sie sucht ihr Heil im Selbst, wie im kraftvollen „Taking Chances“, stellt aber auch fest und wagt gar den Ausblick, wohin sie will. „Maybe something will change“ heißt es und später „Nothing will change“ und dazwischen „I will meet you“ und „I will reach you“ – Sätze, die zwischen Hoffnung, Vorausahnung und Resignation changieren und ihrer Einfachheit so vieles auf „Are We There“ erklären.

Das Album ist ein echtes Kammerspiel geworden, feinsinnig und von klarer, wenn auch nicht immer ganz geradliniger Struktur. Die intimen, auf Piano und Stimme konzentrierten Stücke wechseln mit den ausgeschmückteren Songs, von denen viele so unnahbaren Schönklang erzeugen, dass dem besungenen Gräuel ein regelrecht wohliger Ton bereitet wird. So ist der direkte Text von „Every Time The Sun Comes Up“ sicherlich fragwürdig, in die herzzerreißend schöne und gefällige Melodie eingebettet aber ein echter Seelenstreichler. Das ist aber auch gut so, denn so endet „Are We There“ mit einem Höhepunkt und einem echten Hit. Und da Van Etten dort fragt, was passiert, wenn sie nach einem One-Hit-Wonder einen zweiten produziert, wage ich eine Antwort: Sie hat einfach nur ein wunderschönes Album gemacht.

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