Mit der liturgischen Vesper hat Missy Mazzolis halbstündige, elegische Suite ungefähr so wenig am Hut wie ihre Labelheimat New Amsterdam und dessen andere Mitglieder mit Klassik. Mag sie auch damit aufgezogen oder darin ausgebildet sein, blickt sie statt zu (re)interpretieren lieber mit eigenen Werken nach vorne und steht unter Utilisierung moderner Technologie näher an den klassizistischen IDM-Entwürfen eines d’Eon, Holly Herndon oder Oneohtrix Point Never. Trotz der kompositorischen Einzelvision der New Yorker Pianistin stellt „Vespers For A New Dark Age“ die Beiträge aller Mitwirkenden des Victoire-Ensembles wie auch den dezent flächenstrickenden Wilco-Drummer Glenn Kotche großzügig in den Vordergrund, wo allen voran die drei Vokalistinnen, die auch unter anderem Teil von Roomful Of Teeth sind, Meditationen über moderne Kommunikationstechnologie in sinnsuchende Melodien transformieren. Nahtlos gehen ihre Stimmen ebenso in Oboe und Violine über wie in die Synthesizer von Mazzoli und Lorna Dune. Noch enger gebunden sind die Vocals an Dunes Remix der älteren Mazzoli-Komposition „A Thousand Tongues“, der deswegen auch trotz seiner vom restlichen Album separaten Entstehung einen dreampoppig forschenden Abschluss bildet und in irrealer Ambientverdichtung den Geist von Mazzolis Komposition digital weiterführt. Der Geist ist in der Maschine angekommen.

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