Musik, die sich aus keinen oder nur wenigen instrumentalen Quellen bedingt und vielmehr die Stimmen der beteiligten Musiker in den Vordergrund rückt, ist jenseits von klassischer Musik oder popbeflissenen Vokalensembles eine klares Nischenprodukt. Jetzt besetzen Roomful Of Teeth, ein neunköpfiges Kollektiv, diese Nische nicht nur perfekt. Sie füllen sie so dermaßen bis an deren Ränder aus, dass sich zwangsläufig Überschneidungen mit Genreschubladen ergeben, die schon bei den ersten Klängen ihres zweiten Albums „Render“ augenscheinlich werden.

Gründer Brendan Wells beschrieb den Anstoß für das Ensemble 2009 dahingehend so, dass er den Ausdrucksmöglichkeiten der menschlichen Stimme ein angemessenes Forum bieten wollte. Was sich zunächst sehr abstrakt und vor allem sehr technisch anhört, wird allerdings schon nach einer ersten kurzen Beschäftigung mit „Render“ deutlich. Neun Stimmen, allesamt geschult nach mehrjähriger Ausbildung, treffen sich zu einem Miteinander, das sich in jedem Stück anders ausformuliert und darüber hinaus außer einigen perkussiven Ausflügen keine technische Hilfe einfordert. Doch nicht nur die Stimmen an sich unterstützen den Klang auf „Render“, auch die Kompositionen und Texte, die mal von aktuellen oder ehemaligen Mitgliedern stammen oder wie das dreiteilige „The Ascendant“ aus der Feder ensemblefremder Protagonisten, in diesem Fall sind es der australische Komponist Wally Gunn sowie die Lyrikerin Maria Zaykowksi.

Auf „Render“ passiert unglaublich viel, so dass vor dem ersten Hördurchgang vermutlich zunächst einmal so ein Grundverständnis für diese Art von Musik eingefordert werden muss. Doch auch dem ungeübten Ohr erschließen sich nach und nach die eigenwilligen vokalen Exkurse, die von sardischer Obertonmusik über die klassische Moderne bis hin zu Kehlkopfexperimenten und Belcanto reichen. Roomful Of Teeth schaffen es hier, den geneigten Indiehörer in einen Vergegenwärtigungsprozeß hineinubeziehen, indem sie die aufgezählten Stilformen und Einflüsse nicht nebeneinander stellen, sondern sie je nach Wirkweise in einen Kontext und vor allem in einen Zusammenklang zu bringen.

Trotz der unterschiedlichen Urheber der einzelnen Stücke wirkt „Render“ wie aus einem Guss. Das fängt bei der Vogelstimmen-Motivik von „Vesper Sparrow“ an. Hier stimmen Sopran und Alt nur kleine Intervalle an, schließlich entstehen sich verfolgende Kuckucksrufe, die sicherlich lautmalerisch die titelgebende Abendammer nachahmen. Im folgenden ersten Teil der „Ascendant“-Trilogie stößt der Perkussionist Jason Treuting hinzu, der ein erstes Wiedererkennungsmerkmal setzt. Durchaus in die Nähe stimmlicher Extremsportler wie Tanya Tagaq, Björk, DM Stith oder den vertrackten Rhythmikjunkies von Adult Jazz rücken Roomful Of Teeth beim abwechslungsreichen „High Done No Why“, wohingehend das wohlig rauschende Titelstück ausschließlich mit tonalen Variationen und auf- und abschwellender Dynamik arbeitet.

Besonders ausdrucksstark ist „Beneath“ aus der Feder von Caleb Burhans, der wie so viele Ensemble(ex)mitglieder innerhalb des Labels munter an den unterschiedlichsten Projekten beteiligt ist. „Beneath“ baut sich über deutlich mehr als 10 Minuten aus einer schlichten Grundfigur auf und zeigt über die Bandbreite von vier Oktaven, was stimmlich menschenmöglich ist. Wieder und wieder wiederholt sich das Motiv in den Altstimmen, erhebt sich zu einem sakralen Hymnus, der bis zum Sanktnimmerleinstag anschwillt, um dann nach einem zwischenzeitlichen Schlussakkord ein komplett neues Erscheinungsbild zu bekommen, Tenor- und Bassostinato inklusive.

„Render“ endet im klanglich überlaufenden letzten Teil der Trilogie „The Ascendant“ mit „Surviving Death“. Hier fließen wie auch in den ersten beiden Teilen Akkordfolgen eng aneinander vorbei, berühren sich beinahe und sorgen trotz aller vordergründigen Atonalität nicht für Reibung – für Spannung allerdings, aus der sich dann auch der Sog des ganzen Albums gründet. Ein befremdlicher Sog, sicher, schließlich sprechen wir bei „Render“ im Großen und Ganzen trotz aller Popaffinität noch von einem klassisch motivierten Werk. Wer sich hiervon allerdings nur ein ganz kleines Bisschen freimachen kann, erlebt mit „Render“ sein blaues Wunder.

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