Ben FrostA U R O R A

Ben Frost wird seinem Nachnamen endlich gerecht. So kalt, klar und eisig wie die neun Kompositionen auf seinem aktuellen, zu großen Teilen im Kongo aufgenommenen Werk „A U R O R A“ waren selbst die langgezogenen, gitarrengetränkten Epen seiner Vorgängerwerke nicht. Kannte man Ben Frost gar vorher nur als Mitglied der Bedroom Community, so wird der erste Höreindruck zum regelrechten Kulturschock, denn solch ein harsches, kristallines Glänzen war auf den bisherigen Alben des lockeren Musiker-Kollektivs, zu dem Künstler wie Sam Amidon und Nico Muhly gehören, Mangelware.

Mit Hilfe der – intensive Klangbearbeitung gewohnten – Mitstreiter Greg Fox (ehemals Liturgy), Shahzad Ismaily (unter anderem Laurie Anderson) und Thor Harris (immer mal wieder Swans oder auch jüngst Xiu Xiu) verströmt „A U R O R A“ beim ersten Hördurchgang ein ziemlich verqueres Hörgefühl. Mit „Flex“ schleicht sich zunächst viel zu leise ein undurchsichtiges Summen heran, das während seiner gesamten Dauer zwar den Geräuschpegel verstärkt, doch dabei keinesfalls statisch wirkt. Bereits beim folgenden „Nolan“ wird dann vollends zur Attacke geblasen und an Nerven und Sinnen gezerrt. Ein mahlender, dumpfer Drumbeat verschwindet im Lärm von Maschinen, die sich nach und nach immer mehr in den Vordergrund spielen. Wie Schneidbrenner zerteilen sie Gerüst und Kette und machen den Weg frei für eine erholsam aufwühlende Melodie, die von einer monochromen Kirmesorgel gespielt im Mondlicht glitzert.

Es gibt nur wenige stille Momente auf diesem Album: das Ruhe vor dem Sturm heischende „The Teeth Behind Kisses“ mit seinen Kirchenglocken, die dem bedrohlichen Unterton ein heilsames Paroli bieten, oder das ambiente „No Sorrowing“, das trotz aller künstlichen Maschinerie noch am ehesten auf das bisherige Schaffen Frosts verweist. Noch bevor die abklingende Stille vollends Überhand genommen hat, funkeln bereits neue, technoide Klänge vorbei. „Secant“ nimmt das Glockengeläut auf, setzt aber perfide berstende Beats in den Vordergrund und jagt waidwunde Elektronik hinterher. War „Nolan“ bereits ein drohendes Ungeheuer, reißt einem „Secant“ spätestens im letzten Drittel den Kopf ab, nicht ohne die Einzelteile spätestens bei „Venter“ noch einmal durchzudrehen.

Es ist eine Lust, spätestens nach einigen Hördurchgängen diesen Sog nachzuvollziehen, den „ A U R O R A“ produziert. Wenn die Echotrommeln zu Beginn von „Venter“ durch einen Raum unbestimmten Ausmaßes hallen und sich die Schlinge um Hals und Verstand stetig zu zieht und nach mehr verlangt. Wenn das sich in alle Richtungen streckende „No Sorrowing“ kein Ende mehr findet und sich vor der letzten Eruption noch einmal mit aller Macht in den Gehörgang drängt. Wenn das erst wie eine nervöse Moskito sirrende „Sola Fide“ zum großen Finale ausholt, um nur noch von der rauschhaften Energie des letzten Stückes „A Single Point Of Blinding Lights“ in die Schranken gewiesen zu werden.

Es ist immer noch finsterste Nacht, wenn sich „A U R O R A“ lustvoll in die vage Morgendämmerung verabschiedet. Die glänzende Firnis weicht einer besorgniserregenden Erlösung, die dazu verleitet, dem Album immer wieder und wieder zuhören zu müssen. Eine Sucht, der man sich nach und nach voll hingeben kann, der aber keine Nebenwirkungen zu attestieren sind. Eine Naturgewalt, die mehr Gewalt denn Natur ist. Gerade das macht sie so unfassbar faszinierend.

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