AUFTOUREN 2013Geheime Beute

AUFTOUREN 2013 – Geheime Beute

Unsere Top 50 sind nun bekannt, doch darin findet sich natürlich nicht alles, was 2013 an herausragender Musik zu bieten hatte.

Jedes Jahr türmt sich schon während des Erstellens unserer Favoritenliste ein Berg an Werken auf, die nicht minder hörenswert sind, die oft aber zu abwegig, zu genrespeziell oder einfach zu unbekannt waren, um genug Stimmen für den großen Konsens zu finden. Damit wir nicht so jedes Mal vor lauter Reue und Bedauern versinken (und weil sich manche von euch eben auch eine Liste mit Musik wünschen, über die ihr nicht schon das ganze Jahr lang bei uns und anderen lesen konntet), haben wir unsere „Geheime Beute“, in der wir 30 heimliche Lieblinge und randständige Juwelen versammeln. Wir hoffen, es gibt dabei für euch noch so einiges zu entdecken.


Courtney Barnett – The Double EP: A Sea Of Split Peas [House Anxiety]

Zu lange Songs kann jeder schreiben. Kaum jemand aber kann es mit Courtney Barnett aufnehmen, bei der die zu langen Songs immer genau die richtige Länge haben. „The Double EP“ (zusammengesetzt aus zwei 2012 und 2013 veröffentlichten Kleinformaten, aber auch als notdürftiges Album sehr stimmig) ist großartig im Immer-noch-etwas-Weitergehen und Kein-Ende-Finden. Die Songs hoppeln um vermeintlich letzte Ecken, kriechen über vermeintlich erreichte Ziellinien – und setzen dann doch noch mal an. Das reicht für Slacker-Folkrock mit Vorbildcharakter, wirft in der Bob-Dylan-Halsumdrehung von „Avant Gardener“ aber auch eines der besten Stücke des Jahres ab. (Daniel Gerhardt)


Vic Mensa – INNANETAPE [Save Money]

„They made a list about Chicago rappers and they skipped me.“ Nach der Veröffentlichung von „INNANETAPE“ dürfte es wohl kein Magazin mehr geben, das Vic Mensa mit Missachtung straft und ihm einen Platz in der Liste der vielversprechenden Rapper Chicagos verwehrt. Zuvor hatte man ihn hauptsächlich als Mitglied der mittlerweile aufgelösten Band Kids These Days wahrgenommen oder als Kopie seines Kumpels Chance The Rapper abgetan. Doch trotz stimmlicher und stilistischer Ähnlichkeiten hat Mensa mit „INNANETAPE“ ein eigenständiges Werk abgeliefert, das im Vergleich zu „Acid Rap“ nicht ganz so eklektisch und überdreht daherkommt, dafür sonnig-entspannte („Orange Soda“, „Lovely Day“), sehr besonnene („Holy Holy“ mit Ab-Soul) und triumphale Momente („That Nigga“) vereint. (Daniel Welsch)


Felix K – Flowers Of Destruction [Hidden Hawaii]

Quer durch die Stilbank bedienten sich BeatmacherInnen in den vergangenen Monaten des Amen-Breaks und genereller Jungle-Vibes für ihre Bassmusik, als habe irgendwo ein Sample-Räumungsverkauf stattgefunden. Drum’n’Bass-Produzent Felix K hingegen kommt aus der Richtung des Dekonstruierenden, seine „Flowers Of Destruction” reduzieren Breakbeats auf ein knöchriges, gelegentlich um Schellenperkussion augmentiertes Skelett und noch ausgehohlter, bis sie nur noch als geisterhaftes Echo pulsieren. Mehr als alles andere erinnert das mit seiner beeindruckenden, ominösen Atmosphäre und unheilvoll runtergepitchten Vocals an Shackletons frühe Dubsteppereien, doch K ist basssprachlich versiert genug, um hiermit seine gänzlich eigenen Visionen zu manifestieren. (Uli Eulenbruch)


Radioactivity – Radioactivity [Dirtnap]

Die Garage ist so groß wie die Galaxie. Mindestens! So muss es zumindest sein, denn jedes Jahr bespielen unzählige neue wie alte Bands diesen „Ort“ kollektiver, nostalgischer Erinnerung an adoleszenten Aufbruch und juvenilen Ungehorsam. Radioactivity (benannt nach einem Kraftwerk-Album! …na, wohl eher nicht, wäre aber lustig) gehören auch dazu, als Band sind sie neu, als Musiker jedoch alte Hasen im Genre, spielen oder spielten sie doch in namhaften Garage-Combos wie den Mind Spiders. So sollte es nicht verwundern, wenn sie ausgesprochen gekonnt und mitreißend einen Cocktail aus der Tradition der Ramones und Wipers mixen und diesen beeindruckend runterrocken. Das ist natürlich nicht neu und es gibt so viele gute bis sehr gute Garage Rock Platten auf dieser Welt, vermutlich so viele wie Sterne am Himmel, und dies ist nur eine davon – die aber lohnt es, entdeckt zu werden. (Mark-Oliver Schröder)


SubRosa – More Constant Than The Gods [Profound Lore]

Mit zärtlicher Härte erschaffen SubRosa auf „More Constant Than The Gods“ turmhohe rauschhafte Klangkathedralen. Doom in seiner ganzen epischen Auffassung beherrscht das Album, wenn Rebecca Vernon und Jason McFarland zu wahlweise verzweifelnder Kargheit oder tosender Wucht in „The Usher“ duettieren, wenn Gitarren sich zu giftigen Echokaskaden hochschaukeln oder auch die brodelnden Zwischentöne irgendwo zwischen schwelender Vorhölle oder erlösender Katharsis verschwimmen. Und doch ist da diese unterschwellige Romantik, die nicht nur in den ruhigen, geradezu folkinfizierten Passagen für einen wohligen Ausgleich sorgt. Es ist hart, jedoch nie brutal, was auf „More Constant Than The Gods“ passiert, gerade so eingängig und bedächtig dosiert, dass man sich darin verlieren könnte. Doch nur einen Schritt weiter bricht das nächste Donnergrollen los und springt von hinten ins Genick. (Carl Ackfeld)


Tony Molina – Dissed And Dismissed [Melters]

Dass man sich nach den zwölf Stücken von „Dissed And Dismissed“ völlig zufrieden fühlt, obwohl sie im Schnitt keine Minute dauern, ist dem herausragenden Talent ihres Machers geschuldet. Tony Molina kann die Essenz von angepunktem Powerpop zwischen Teenage Fanclub, Weezer und Guided By Voices auf eine einzelne Strophe von solcher melodischer Stärke destillieren, dass er in krimineller Missachtung von Songwriting-Gesetzen selten einen Refrain, geschweige denn eine zweite Strophe braucht, sondern oft nur noch ein knackiges Solo vom Stapel lässt und getaner Arbeit nach Hause gehen kann – wo er sich wohl gleich den nächsten meisterlichen Einminüter erträumt. (Uli Eulenbruch)


David Lang – Death Speaks [Cantaloupe]

Nur mal kurz die Eckdaten: Shara Worden singt, Bryce Dessner spielt Gitarre, Nico Muhly Klavier und Owen Pallett kümmert sich um die Streicher. Dies ist keine Supergroup nach AUFTOUREN-Gusto, sondern die Besetzung des fünfsätzigen „Death Speaks“ von Komponist David Lang. Seine scheinbar schwerelosen Kompositionen orientieren sich an den Kunstliedern Franz Schuberts und stellen die Fragen nach Leben und Tod als neoklassische Suite. Zuweilen an der Grenze zur Meditation klingt „Death Speaks“ wie eine sich aus romantischer Verklärung erhebende Reise zu den eigenen Urängsten, ohne jedoch irgendwie ins Pathetische abzudriften. Meditativer, da weitaus reduzierter geht Lang auf dem Albumbegleiter „Depart“ vor, einem fast schon kristallenen, ambienten Konzentrat aus vier Frauenstimmen und einem Cello. (Carl Ackfeld)


HOAX – HOAX

Neben Metal jagte noch ein anderes Genre, welches nicht unbedingt für ausgeprägten Hang zu fortwährendem Innovationswillen bekannt ist, 2013 von einer tollen Veröffentlichung zur nächsten: Hardcore. Das Debüt von HOAX machte eindrucksvoll deutlich, warum Hardcore-Punk auch 2013 immer noch wertvoll ist: Die Gitarren bis zum Anschlag auf Säge mit Hang zum lustvollen Geriffe und Lärm, misanthropes Gebell voller Aggression auf den Staat, die Gesellschaft, die Menschheit und sich selbst, eine ausgefuchste Rhythmusgruppe und ein Songwriting, das weiß, wann Geschwindigkeit gemacht und wann die Bremse getreten werden muss. Mehr braucht’s nicht! Und – klar – keiner ihrer Songs geht über die 2:30-Minutenmarke. (Mark-Oliver Schröder)


Humanbeast – Venus Ejaculates Into The Banquet [Load]

Ob es an der zielgruppenmäßig fragwürdigen Labelwahl des Noiserock-Urgesteins Load liegt, dass dieses lederne Electropop-Goldstück maßlos unterbeachtet blieb? Nicht nur sind Humanbeast mit feinem Gespür für eingängige Melodien um Welten eindrucksvoller als so viele Gruppen der letzten Jahre, die Goth-Allüren als einen Freifahrtschein für faule Atmosphärik und Vocals nahmen, zudem erweist sich die eine Hälfte des Duos als stimmstarke und ausdrucksvolle Textinterpretin. Am Konfrontativsten wird „Venus Ejaculates Into The Banquet“ noch, wenn sie die Stimme zu solch einem Banshee-artigen Volumen erhebt, dass sich die Nackenhaare senkrecht aufstellen und fluchtartig aus ihren Wurzeln bersten – aber diese Momente nutzen Humanbeast ebenso wohlgezielt zur Stimmungserzeugung wie maßvolle noisige Verfremdungen. (Uli Eulenbruch)


PINS – Girls Like Us [Pias Coop/Bella Union]

PINS sind wütend und kraftvoll. Mit viel Gespür für düsteren Garagerock brettern die vier Mädels um Sängerin Faith Holgate relativ humorlos durch ihr gut dreißig Minuten langes Album und verbreiten dabei betretene Stimmung der besten Sorte. Doch so trist die Stimmung auch scheinen mag, PINS entlocken ihr jede Menge Spektakel und Abwechslung. Mit der Lust am Unperfekten klingen 80er-Jahre-Janglerock-Reminiszenzen brüchiger als ihre Urahnen und können sich doch wie im erzählten „Velvet Morning“ nicht einmal einem Quäntchen Eleganz verwehren. Wer neben den gefeierten Savages noch eine garstigere Alternative sucht: Hier darf bedenkenlos zugegriffen werden. (Carl Ackfeld)


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Ein Kommentar zu “AUFTOUREN 2013 – Geheime Beute”

  1. Tony Molinas Album ist leider nicht mehr (zum Zeitpunkt der Artikelerstellung war’s das noch) auf Bandcamp zu hören und nur noch mühsam als LP aufzutreiben. Die gute Nachricht ist dafür, dass es im kommenden Frühjahr nochmal auf Slumberland erscheint: https://soundcloud.com/slumberland-records/tony-molina-change-my-ways

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