AUFTOUREN 2013 – Das Jahr in Tönen

Auch wenn es durchaus Entwicklungen auf musikalischer Ebene zu beobachten gab: Mehr als alles andere wurde 2013 von Comebacks geprägt. Jahre, oft gar Jahrzehnte nach ihren letzten Alben kam ein großer Name nach dem anderen mit neuen Werken an, ob bereits lange erwartet oder aus heiterem Himmel, ob hochwillkommen oder sofort wieder vergessenswert.

My Bloody Valentine, David Bowie, The Knife, Queens Of The Stone Age, Daft Punk, Pixies, Mazzy Star, Boards Of Canada, The Pastels, Suede, Black Flag, gefühlt jede Woche war irgendwer “wieder da”. Und das oft ebenso nach einem Bombardement aus teasenden Ankündigungen, Videos, Bildern und diversen anderen Marketing-Stunts wie auch bei Arcade Fire oder Kanye West, die ohnehin eines ihrer regelmäßigen Albumjahre hatten. Platz für neue Namen ohne die Mittel, sich ein ähnliches Maß an Aufmerksamkeit zu verschaffen, schien nicht zu bleiben im Zeitalter der Aufmerksamkeitsökonomie.

Gewiss finden sich auch viele bekannte und erwartete Alben in der Liste jener Werke, welche die meisten von uns dieses Jahr am meisten begeisterten, aber das liegt ja in der Natur einer Konsensliste. Mehr als eine Platzierung, die uns selbst letzten Endes überraschte, können wir trotzdem bis in die höchsten Ränge garantieren. Damit und insbesondere in unserer noch folgenden “Geheimen Beute” spiegeln sich auch unsere Bemühungen wieder, das ganze Jahr über nicht nur über die bekannteren Themen zu berichten, sondern auch am Rande zu graben. Doch nun soll erst einmal Konsens König sein: Wir wünschen viel Spaß mit unseren 50 Favoriten aus 2013.


50

Julianna Barwick

„Nepenthe“

[Dead Oceans]

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Für einen Schaffensprozess, der so autark ist wie der von Julianna Barwick, ist das Ausmaß ihrer Kollaborationen auf „Nepenthe“ bemerkenswert. Mindestens ebenso bemerkenswert ist, dass die Streicher-Beiträge von amiina und ein Chor junger Reykjavikerinnen auf das Wesen von Barwicks Ambient-Pop wenig Einfluss haben. Zwar porträtiert sie die erhabene Weite Islands oder auch wie in „Pyrrhic“ die daraus erwachsende Verlorenheit einer Einzelperson mit einer Klangpalette, die an frühere Werke von Sigur Ròs erinnert; dies ist aber unverkennbar Barwicks Musik, mit dem Aufschichten ihrer weiterhin im Zentrum stehenden Vocals, deren immense Ausdruckskraft sie nur noch facettenreicher in komplexere Arrangements kleidet. (Uli Eulenbruch)


49

Daughn Gibson

„Me Moan“

[Sub Pop]

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Americana 2.0. Daughn Gibson hat bereits im vergangenen Jahr bewiesen, wie anpassungsfähig, vor allem wie modern und zeitgemäß traditonelle Countrymusik aufbereitet werden kann. Auf „Me Moan“ veredelt er diesen Klang und mischt Discokugel mit Cowboyboots und Truckerästhetik mit zuweilen schwüler Elektronik. So betritt er mit verwegen ins Gesicht gezogenem Hut den Tanzboden und verirrt sich irgendwo zwischen Lee Hazlewood und James Blake am Tresen. Bewaffnet mit Slidegitarre und Dudelsäcken gewinnt er mehr Klangfülle als bei seinem Debüt und erschafft eine in vielen Farben schillernde Westernfantasie, die ihrerseits keine Angst vor Pop und Tanzbarkeit hat. (Carl Ackfeld)


48

Eleanor Friedberger

„Personal Record“

[Merge]

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All die Songs und Alben, die Eleanor Friedberger als Erfüllungsgehilfin ihres Bruders Matthew bei den Fiery Furnaces verbracht hat, lassen sich aus „Personal Record“ heraushören. Ein solches Händchen für detailliert ausgestaltete Erzählungen kann nur haben, wer sich das jahrelang aus der Nähe angeguckt und dann seine eigenen Schlussfolgerungen angestellt hat. Anders als der endlos verwirrende Matthew strebt Eleanor aber nach textlicher und musikalischer Gewissheit. „Personal Record“ ist ein lupenreines, nicht tothörbares Popalbum, seine Geschichten sind so klar und clever wie der Albumtitel. Außerdem erstaunlich: Die drei Songs am Ende sind die besten der Platte. (Daniel Gerhardt)


47

Altar Of Plagues

„Teethed Glory And Injury“

[Plastic Head]

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2013 war ein aufregendes Jahr für Ohren, die Metal vertragen, geprägt durch viel Bewegung und den Willen zum Experiment mit einem Ablegen von Scheuklappen. Auch wenn dies ein schon länger zu beobachtender Prozess ist, trug er dieses Jahr doch zahlreiche aufregende Blüten. Eine davon ist „Teethed Glory And Injury“ der Iren Altar Of Plagues. War der Vorgänger „Mammal“ noch geprägt von traditionellerem Black Metal, der allerdings mit sehr viel Gespür für Melodie aufwartete, geht die Band hier einen Schritt weiter: Die Songs werden kürzer, keiner überschreitet mehr die neun Minuten, milde Elektronik wird integriert, Repetition und kurze Riffs exzessiver ausgestellt, mit Doom-, Industrial- und Post-Hardcore-Elementen gespielt und ein anfangs irritierendes Klangbild erzeugt, was insgesamt den Dringlichkeits- und Aggressionslevel steigen lässt. Das Paradoxe daran – und hier liegt ihre eigentliche Größe – ist, dass die Platte bei all dem aufreizend zugänglich bleibt. (Mark-Oliver Schröder)


46

San Fermin

„San Fermin“

[Pias Coop/Downtown]

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Ein barockes Meisterwerk. Was wie bei einem monumentalen Deckenfresko auf den ersten Blick unübersichtlich wirkt, erscheint mit jedem weiteren Hördurchgang zugänglicher und detailverliebter. Ohne an Leichtigkeit zu verlieren, packen San Fermin opulente Arrangements auf ihr Erstlingswerk und erinnern an die überschwänglichen Popmomente von Dirty Projectors. Bei „Methuselah“ schwelgt die Band um Mastermind Ellis Ludwig-Leone in süßlicher Eleganz, „Sonsick“ wiederum enthusiasmiert mit eingängiger Hook und cleverer Rhythmik. So wird „San Fermin“ zum formvollendeten Wiedergänger sonniger Opulenz à la Nick Garrie oder Van Dyke Parks. (Carl Ackfeld)


45

Daughter

„If You Leave“

[4AD]

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Unter dem Strich ist „If You Leave“ bloß eine sehr gefühlsaffektierende Sammlung guter Songs. Melancholiemarmoriert und abgehangen, aufgeladen mit den Beziehungsdramen unserer Zeit, unserer Leben. Präsente Stimme, schneidende Gitarrenmelodie und totale Unaufgeregtheit – mehr braucht es nicht zum Musizieren bei Daughter. Dieser ausladende Folkpop ist so perfekt austariert, dass der Schmerz ganz von alleine kommt. Wem das nicht reicht, dem haut „Truth“ noch ein paar Trommeln ins Ohr oder „Touch“ einen wuchtigen Hallschauer über die bereits existente Gänsehaut. Spätestens dann sollte klar sein, dass dieses Debüt wehmütige Ekstase, vergemeinschaftete Einsamkeit und umgestülpte Innerlichkeit so hervorragend verbindet wie kein anderes Album in diesem Jahr. 2014 dürfen dann wieder Warpaint und Bon Iver übernehmen. (Markus Wiludda)


44

James Blake

„Overgrown“

[Polydor]

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Auf seinem weithin als Meisterwerk gefeierten Debütalbum setzte sich der junge Brite James Blake als postmoderner Soundtüftler in Szene, für den der Song an sich nur zweitranging war. Im Fokus stand der Klang, das zielgerichtete, aber ergebnisoffene Experiment mit Sounds, vornehmlich aus dem Bereich des Post-Dubstep. Auf seinem zweiten Werk „Overgrown“ zeigt sich Blake gereift, stärker songorientiert, ohne jedoch den grundsätzlich explorativen Charakter seiner Musik zu verraten. Das Album gibt sich als karges, emotionales, aber weitestgehend kühles Statement eines jungen Mannes, der in den letzten Jahren als das Wunderkind schlechthin gehandelt wurde. „Overgrown“ überzeugt mit minimalistischen Electro-Gerüsten, über welche sich Blakes Soulstimme legt, die manchmal fast körperlos wirkt. Mit der tollen Single „Retrograde“ beweist James Blake aber auch, dass es warm und knusprig geht. Eine Richtung, die er künftig gerne weiter verfolgen darf. (Kevin Holtmann)


43

Joanna Gruesome

„Weird Sister“

[Fortuna Pop!]

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Indiepop, besonders noisiger, lebt eigentlich von seiner intensiven Kurzlebigkeit und ist so für das Single-Format prädestiniert. Dennoch ist darauf Verlass, dass aus dem transatlantischen Labelbündnis aus Slumberland und Fortuna Pop! jedes Jahr mindestens ein perfekt unperfektes Album erwächst. In diesem Jahr war dies „Weird Sister” vom walisischen Quintett mit dem großartig lausigen Namen, das shoutig-souverän von Alanna McArdle angeführt durch zehn verrauschte Kleinode poltert und dabei das zeitlos großartigste Melodiegespür seit dem Debüt von The Pains Of Being Pure At Heart beweist. Erstaunlich ist dabei vor allem, wie im Spiel der Band immer wieder Kontrolle und Präzision durchscheinen, die ihre manische Energie aber eher verstärken als sie zu versteifen. Scheinbar unvereinbar, dein Name ist Joanna Gruesome. (Uli Eulenbruch)


42

Tim Hecker

„Virgins „

[Kranky]

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Mehr denn je scheinen auf dem meisterlichen siebten Album des Kanadiers die klaren, schmalen Anschläge zwischen langen Oszillationen und breiten Texturen durch. Einzelne Instrumente bekommen mehr Freiraum zur Konfrontation, übertünchen einander oder stampfen zusammen die Klippe runter. Die erstmalige Zusammenarbeit mit einem Ensemble ist aber keineswegs in Modern-Classic-Plingplong resultiert, geschweige denn in traditionellem Orchestralklang: Unverfremdet, ungedehnt oder ungeloopt bleibt hier kaum etwas. Hecker dirigiert ambientes Knistern so selbstverständlich wie wuchtiges Orgeln mit einer graduell überwältigenden Intensität, als würde er eine Klemme um die Seele enger schrauben. (Uli Eulenbruch)


41

Cass McCombs

„Big Wheel And Others“

[Domino]

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Spätestens seit diesem Jahr muss Cass McCombs definitiv in die Riege der spannendsten Songwriter unserer Zeit aufgenommen werden. „Big Wheel And Others“ veranschaulicht auf doppelter Albumlänge eine in ihren Grenzen unglaubliche Bandbreite und verhilft McCombs zum mindestens vierten herausragenden Werk in Folge. Ob er sich bei nun bei „Brighter!“ die leider viel zu früh verstorbene Karen Black zu Hilfe nimmt, in waidwundem 60er-Country badet oder manisch über stolpernde Seufzermotive hinwegrezitiert: McCombs beherrscht sein Handwerk, ohne sich zu wiederholen. (Carl Ackfeld)


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9 Kommentare zu “AUFTOUREN 2013 – Das Jahr in Tönen”

  1. Stefan sagt:

    Stark, Banque Allemande in den Top10.

  2. Nihil sagt:

    „You’re nothing“ von Iceage hat es nicht mal in die Top 50 geschafft? WTF!

  3. Ravin sagt:

    Irgendwie haben mir HAIM in meinem desaströsem Sommer das Leben gerettet! Keiner mochte die richtig, keine ahnung warum?

  4. yyyyyyyy sagt:

    Weil die einfach scheiße sind.

  5. yyyyyyyy sagt:

    Dass Iceage es nich geschafft haben will mir auch nicht recht einleuchten. Auf jeden Fall wäre es ein Kandidat für die Top 10 gewesen.

  6. Pascal Weiß sagt:

    Mir persönlich ist irgendwie der Reiz an der Band flöten gegangen, seit ich sie zweimal live gesehen habe.

  7. HAIM sind auf jeden Fall ne bessere Liveband als Iceage, haha.

    Aber für mich hat vor allem die Platte mit dieser aufgeblasenen Produktion nicht so ganz funktioniert, dafür war an manchen Stellen das Songwriting zu unterentwickelt, auch wenn sie sicherlich kompetenter im Spiel geworden sind.

  8. yyyyyyyy sagt:

    Sind natürlich sehr gut zu vergleichen, Iceage und HAIM.

    Die Kritik an den Livequalitäten von Iceage kann ich nicht bestätigen, auch wenn ich diese schon oft gehört hab. Im UT in Leipzig Anfang des Jahres haben sie top abgeliefert, was sich in Verbindung mit der großartigen Umgebung des Veranstaltungsortes zu einem sehr guten Konzerterlebnis entwickelt hat.

    Naja, genug Fanboy-Gedöns, zurück zu HAIM: Wenn ich Fleetwood Mac will, geb ich mir auch Fleetwood Mac. Und die waren schon scheiße.

  9. Der Vergleich war nicht ganz ernst gemeint, das sind natürlich etwas unterschiedliche Bands. Bei Iceage scheint aber durchaus die Tagesform zu schwanken, ich hab auch schon von Leuten gehört, dass sie von einem Auftritt hellauf begeistert waren und nach dem nächsten ein wenig ratlos, ob sie da die gleiche Band gesehen hatten.

    Dass HAIM genau die gleiche Musik wie Fleetwood Mac machen, würde ich stark verneinen, ansonsten machen Iceage nämlich genau die gleiche Musik wie Wire. Kann aber verstehen, dass man ohne ein Herz für Fleetwood Mac wahrscheinlich auch kein Herz für HAIM haben wird.

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