AUFTOUREN 2013Geheime Beute

AUFTOUREN 2013 – Geheime Beute

Bed Wettin’ Bad Boys – Ready For Boredom [R.I.P Society]

Den Preis für den dümmlichsten Bandnamen 2013 kann ihnen kaum jemand streitig machen. Musikalisch spielen Bed Wettin‘ Bad Boys aus Australien allerdings in einer ganz anderen Liga, „Ready For Boredom“ entwickelte sich intern zu einem absoluten Liebling und hätte es fast in unsere Top 50 geschafft. Das hat nun leider nicht geklappt, daher sei jedem dieses Kleinod an Indie-Slacker-Rock an dieser Stelle aufs Wärmste ans Herz gelegt, denn Bands, die unausgesprochene Lebensweisheiten in solche Zeilen, wie „I wanna be bored, you wanna be bored. We’re ready for boredom, baby!“ übersetzen können, haben neben Respekt nahezu kultische Verehrung verdient. Und es vergeht, seit ich dieses Album habe und wenn ich draußen bin, kein Abend, an dem ich nicht einen seiner Songs spiele. (Mark-Oliver Schröder)


Muso – Stracciatella Now [Chimperator Productions]

Zugegeben, Muso an dieser Stelle als Geheimtipp zu verkaufen, ist gelinde gesagt grenzwertig. Dass sein Debütalbum „Straciatella Now“ dann doch nicht so einschlug, wie sich das einige Medienschaffende erträumten, die ihn allen Ernstes zum neuen Casper oder Cro auserkoren hatten, muss allerdings auch erstmal so stehen bleiben. Der Grund dafür: Musos abstrakter Flow, seine assoziativen und oft beklemmenden Texte und die an Cloudrap und Elektropop angelehnte Produktion sind zumindest für die deutschen Charts wahrscheinlich immer noch viel zu weit draußen. Seien wir also froh, dass wir den jungen Mann mit dem schönen bürgerlichen Namen Daniel Giovanni Musumeci in naher Zukunft erst einmal nicht beim Phrasendreschen in irgendwelchen TV-Shows erleben müssen und genießen stattdessen ein Album, das sicherlich zu den spannendsten Deutschrap-Entwürfen der letzten Jahre zählt. (Bastian Heider)


Chastity Belt – No Regerts [Help Yourself]

Irgendwo zwischen Riot Grrrl und dem freundlichen, verträumten US-Indiepop der Jetztzeit muss man wohl Chastity Belt verorten. Ihr Alleinstellungsmerkmal ist dabei neben dem etwas eigentümlichen, derben Humor recht simpel: Es sind schlicht und einfach die überragenden Songs, die „No Regerts“ zu einem der überzeugendsten Indiepop-Alben des Jahres machen. Ein erstaunliches Gespür für Dynamik sorgt zwischen getragenem Midtempo und treibenderen, ja punkigen Stücken für wesentlich mehr Variantenreichtum als man dem guten, alten Prinzip des Rock-Vierers eigentlich noch zugetraut hätte. Wer Real Estate und Veronica Falls schon im Regal stehen hat, sollte für die grundsympathischen Seattlerinnen spätestens jetzt schleunigst noch ein Plätzchen freiräumen. (Bastian Heider)


Kelela – CUT 4 ME [Fade To Mind]

Wer schon die Mixe aus dem Hause Night Slugs und seines US-Schwesterlabels Fade To Mind gehört hat, dürfte kaum davon überrascht sein, dass sich die Produktionen von Girl Unit oder Kingdom vorzüglich mit R’n’B-Vocals paaren, schließlich erwuchsen daraus schon glorreiche Verbindungen wie diese. Auf dem exquisiten „CUT 4 ME“ denkt Kelela diese Zusammenkunft einen Schritt weiter, mit einem Allstar-Team der beiden Labels kollaboriert sie für ihre eigenen Songs, auf denen sie die ungewöhnliche Topographie dieser Produktionen intuitiv navigiert und futuristische Bassvisionen mit Seele erschafft. Wer das R’n’B-Nachwuchstalent 2013 hören will, kann ihr Mixtape in recht guter Qualität sogar umsonst herunterladen. (Uli Eulenbruch)


Oranssi Pazuzu – Valonielu [Svart]

Auch wenn die Synths im Klimax von „Uraanisula“ psychedelisch rumschwurbeln, dass sich alles zu drehen beginnt: Zu eitlem Rumgenudel verkommt „Valonielu” nie, denn die finnischen Space-Metaller wissen ihren grandiosen kosmischen Trip mit Groove und starken Riffs zu fundieren. “Reikä“ schwelt sogar mit wenig mehr als spukigen Oszillationen, die eher nach Goblin als nach Geisterbahn klingen, als Kontrast bersten die mittleren Stücke auf jeder Albumhälfte, als wären beim Verstärker ein paar Widerstände rausgeflogen. Vor allem aber sind die beiden Langstreckenstücke derart taktvoll komponiert, dass sie bei aller kolossartigen Imposanz hookreich dazu einladen, an ihrer Gipfel- und Talfahrt teilzunehmen. (Uli Eulenbruch)


Logos – Cold Mission [Keysound]

Einer der Faktoren für die Vitalität britischen Grimes vor einem Jahrzehnt war die recht simple Soundpalette, welche die Produktion zugleich leicht für Neulinge zugänglich machte, einen irrsinnig hohen Materialausstoß wie den von Wiley ermöglicht(e) und die Kreativität anspornte, aus der Beschränkung immer wieder Neues rauszuholen. Auch der Neo-Grimer Logos zaubert immer wieder neue Druck- und Flusskonstellationen aus gesampelter Pistolen-Entsicherung und metallisch schabenden Drums, doch statt zu explodieren schwelen seine Instrumentals meist unheilvoll, voller Leerraum oder ganz basslos. Erst zur Mitte hin erwacht das Album zum Leben, “Cold Mission” wartet sogar mit schönen Melodien auf, bleibt aber vor allem in seiner Ereignislosigkeit mitreißend. (Uli Eulenbruch)


Torres – Torres

Das Erstaunlichste und wirklich Überwältigende an „Torres“ ist der heilige Ernst, mit dem Mackenzie Scott die zehn Lieder ihres Debütalbums singt. Das Themenfeld ist klar abgesteckt, Titel wie „Jealousy & I“, „Come To Terms“ oder „Don’t Run Away, Emilie“ funktionieren meistens auch als Songzusammenfassung. Scott aber spielt clever mit Erzählperspektiven und -strukturen, singt schon mal mehrere Rollen im selben Song und kann sich auf Lieder verlassen, die formell vielleicht Folkrock sind, sich aber schicksalhafter, schwerwiegender und eben ernster anfühlen. Harte Platte also, und das ist nur gerecht. (Daniel Gerhardt)


Ovlov – Am [Exploding In Sound]

Ovlov spielen im Zeitalter des Post-Irgendwas einen ausgesprochen aufregenden Prä-Grunge, wie er seinerzeit 1985 bis ’88 besonders von Dinosaur Jr. rausgedroschen und etabliert wurde: Laute Gitarren bis zum Anschlag verzerrt, lange psychedelische Soli, der Bass treibend, das Schlagzeug furios wirbelnd, der Gesang angenehm vernuschelt ins Chaos eingebettet und der Sound ist so erdig gehalten, dass man den Dreck fast schmecken kann. Retromania? Klar, aber Currywurst isst man (ausgenommen, man ist Veganer und Vegetarier) ja auch immer wieder gerne, weil die Soße zur Wurst an allen Buden neu und anders schmeckt (für Falafel ist dies natürlich auch gültig). (Mark-Oliver Schröder)


Fire! Orchestra – (Without Noticing) [Rune Grammofon]

In Zeiten, in denen nicht selten das Ende oder wenigstens der Untergang des Jazz postuliert wird, wirkt ein umtriebiger Musiker wie Mats Gustafsson äußerst erfrischend. Solange es Künstler wie ihn gibt, ist dieses Genre noch voller Leben – trotz der zunehmenden Vereinnahmung durch Pop und Soul. Fast jedes der unzähligen Alben, auf denen Gustafsson seine Saxophon-Spuren hinterlässt, lohnt in der Anschaffung und erweitert den Horizont. So auch das zweite Fire!-Album im Jahre 2013. Dafür, dass „(Without Noticing)“ nicht in Free Jazz abgleitet, sondern sich richtige „Songs“ auf ihm finden, zeichnen sich die ehemaligen und sehr geschätzten Mitglieder von Tape beziehungsweise Wildbirds & Peacedrums, Jonas Berthling (Bass) und Andreas Werliin (Drums), verantwortlich. Rauer psychedelischer Jazz, der mit einem Auge ehrfürchtig zu seinen Vorbildern aufschaut, aber mit dem anderen in die Zukunft schielt. Abseits des Mainstream-Jazz liegen etliche Perlen am Wegesrand verstreut, „(Without Noticing)“ ist eine davon. (Constantin Rücker)


Paisley Parks – Бh○§† [Pan Pacific Playa]

Mit dem offiziellen Debüt von RP Boo und DJ Rashads „Double Cup“, die sicher auch dank prominenter Labelplatzierung auf Planet Mu und Hyperdub weite Beachtung fanden, hatte Jukes und Footworks Heimat Chicago ein besonders prominentes Albumjahr. Doch längst ist der Sound weit über eine Stadt und auch die USA hinausgewachsen, bestes Beispiel dafür war der mächtige Einstünder der Yokohamaer Produzentengruppe Paisley Parks. Mit biestigem Perkussionspeitschen und herausstechenden Schnippel-Vocals ist „Бh○§†“ geladene Battle-Munition, doch Paisley Parks scheuen auch nicht vor ebenso wüster Abstraktion ihrer Drum-Muster zurück. Neben eingängigeren Stücken in der Mitte, die bis in traumhafte Weichheit driften, hilft die recht kurze Dauer der Tracks, das prima sequenzierte Album auch für den Heimgebrauch verdaubar zu halten – auch wenn es eher Footwork für Fortgeschrittene repräsentiert. (Uli Eulenbruch)

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Ein Kommentar zu “AUFTOUREN 2013 – Geheime Beute”

  1. Tony Molinas Album ist leider nicht mehr (zum Zeitpunkt der Artikelerstellung war’s das noch) auf Bandcamp zu hören und nur noch mühsam als LP aufzutreiben. Die gute Nachricht ist dafür, dass es im kommenden Frühjahr nochmal auf Slumberland erscheint: https://soundcloud.com/slumberland-records/tony-molina-change-my-ways

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