AUFTOUREN 2013Geheime Beute
The Stevens – A History Of Hygiene [Chapter]
Bislang war Alex MacFarlane eher ein indirekter Qualitätsgarant, wie Mikey Young produzierte er für Bands aus der Melbourner Indierock-Szene durchweg herausragende Alben. Eben Young nahm sich nun des Debütalbums von MacFarlanes eigener Band an, das nicht nur über die Krakelcollagen des Booklets Erinnerungen an Pavement und Guided By Voices weckt. „A History Of Hygiene“ versammelt zur Hälfte Lo-Fi-Heimaufnahmen von MacFarlane und Co-Sänger und -Songwriter Travis Macdonald, zur anderen Hälfte Jangle-Rock in voller Bandbesetzung, was schon bei weniger als 24 Songs einen chaotischen Mischmach befürchten ließe. Doch The Stevens gelingt der Balanceakt, weil die belebteren Stücke ebenso eingängige Melodien auffahren wie die intimeren Songs schlechtwettergelaunt das Tempo rausnehmen – selten für mehr als zwei Minuten. (Uli Eulenbruch)
ÄÄNIPÄÄ – ÄÄNIPÄÄ [Editions Mego]
„Through A Pre-Memory“ ist die überraschendste und in ihrem konsequenten Zusammendenken von Minimalelektronik und Doom konsequenteste Weiterentwicklung von „Illbient“, seit Skiz Fernando diesen Begriff 1995 für sein WordSound-Imperium eingeführt hat. Die Wucht und der mentale Sogn den Mika Vainio und Stephen O‘Malley mit diesem Album erzeugen, das in seinem Aufbau eher einer klassischen Suite folgt als überkommenen Techno- oder Rocktraditionen, sind schlichtweg angsteinflößend und machen „Through A Pre-Memory“ in meinen Augen zu einer der Veröffentlichungen des abgelaufenen Jahres. (Mark-Oliver Schröder)
Om’mas Keith – City Pulse
Gewisse Ähnlichkeiten von „City Pulse“ mit „channel ORANGE“ – vor allem die Albumkonstruktion, in der anfangs unscheinbar opulente Stücke über Spoken-Word-Samples ineinander fließen – kommen nicht von Irgendwoher, schließlich legte Om’mas Keith die Arbeiten an seinem Solodebüt eine Weile auf Eis, um Frank Ocean bei der Studioumsetzung seiner Songs zu helfen. Doch trotz kurzen Thundercat-Bass-Gastspiels ist der electro-funkende R’n’B von „You Know What I Like“ näher an The-Dream, Miguel oder auch Prince, Keiths lebhafte Passionslieder sind von quietschenden Autoreifen und dem Neonfunkeln der Großstädte erfüllt, die er weltweit betourte. So fungiert das gratis herunterladbare „City Pulse“ nebenher fast als positives Gegenstück zum abgehangenen Nihilismus des diesjährigen Weeknd-Albums. (Uli Eulenbruch)
The Revival Hour – Scorpio Little Devil [Antiphon]
DM Stith ist zurück und kaum jemand hat’s gemerkt. Doch auf „Scorpio Little Devil“ beschwört er gemeinsam mit John Mark Lapham als The Revival Hour wiederum allerlei lichtscheues Gesindel. Anders als bei seinen Alleingängen gönnt er sich aber elektronisches Beiwerk der verstiegensten Sorte, die Lapham wahrscheinlich von seinen früheren Tätigkeiten bei Autio oder The Earlies aufgegabelt hat. Die aussergewöhnliche Stimme und das wogende, zuweilen wie in „Hold Back“ aufbrausende Klangbild geben nur langsam preis, welch anziehende Wirkung „Scorpio Little Devil“ mit sich bringt. Genau darin und in der unglaublichen Detailverliebtheit liegen die Stärken des Albums, das mit „Riverbody“ den vielleicht besten DM-Stith-Song aller Zeiten enthält. (Carl Ackfeld)
The Range – Nonfiction [Donky Pitch]
Zwischen dem wenig markanten Künstlernamen, dem unwürdigen Artwork, dem fast nur digitalen Vertrieb und der leicht als Four Tet/Caribou-Imitat abfertigbaren Musik auf „Nonfiction“ war es fast, als wollte The Range auf keinen Fall herausstehen. Bunthübsch plinkert, plonkert und gelegentlich glockenläutet es über verschnittenen Vocal-Samples und hibbeligen Basskissen, deren dezente Breakbeat-Ausbrüche zur Albummitte noch originell wirkten, wären sie nicht ausgerechnet 2013 passiert. „Nonfiction“s Stärke liegt im perkussiven und emotionalen Eigenleben, das The Range heraufbeschwört, in ungewissen Stimmen und Melodien erwachsen kontrastreiche Herzen zu dem wilden Gliederschwingen um sie herum. (Uli Eulenbruch)
The Rational Academy – Winter Haunts
Unnahbar beim ersten Date. Vor dem flüchtigen Beobachter können The Rational Academy sich noch hinter massiven Noise- und Drone-Wänden verbergen. Jede weitere Begegnung lässt die Schutzmauer dann aber bröckeln wie den Putz an den Altbauten in Dortmund-Scharnhorst. Ähnlich wie die frühen Aereogramme fremdweht der Gesang Benjamin Thompsons durch Songs wie „夏 夫 (Summer Husbands)“ oder „Let It Bleed“ und bildet den fragilen und meditativen Gegenpol zur lautstarken Instrumentierung. Ein Album, so aufwühlend wie eine frische Beziehung, so sehnsüchtig wie die Zeit davor – oder danach. (Pascal Weiß)
Roly Porter – Life Cycle Of A Massive Star [Subtext]
Dies ist ein Album, das sich länger anfühlt, als es ist. Und größer. Was als sein Triumph zu werten ist, denn hier ist der Titel das Konzept, nicht weniger als die gewaltige, schöne, unbarmherzige Weite des kalten Weltalls evoziert der Brite Roly Porter über gerade mal 35 Minuten. Von „Cloud“s umsägtem Stakkato über brodelnden Ambient bis zu „Giant“s monströsem Dronebersten hält Porter seine Stücke präzise umrissen, und doch klangdynamisch immens wirkend. „Life Cycle Of A Massive Star“ beweist in einem Meer aus Improv-Tapes und CD-R-füllenden Einzelstücken, dass auch im Bereich der Klangpanoramik höchst ökonomisch komponiert werden kann. (Uli Eulenbruch)
Nadine Shah – Love Your Dum And Mad [Apollo]
Es ist der erste Moment, in dem Nadine Shah zu singen beginnt. Ein leichtes Kräuseln der Nackenhaare, ein Schauer einer plötzlichen Gänsehaut. Das metallische, perkussive Schlagzeug tut ein Übriges und schon wird „Love Your Dum And Mad“ zu einem Album, das ungeheuer fesselnd und einnehmend ist. Musikalisch bewegt sich Shah zwischen Nick Cave und PJ Harvey, mit eben genau dem Extraschuß Drama, der ihre Stücke so unwiderstehlich macht. Dazu reicht sie eine tiefe Melancholie, die den teils rissigen, gerne auch biographischen Texten mehr Gehalt verleiht. Derart ausgerüstet wetteifert sie mit dem Teufel um die Vorherrschaft der Düsternis, welche sie im irrlichternden „Devil“ und im trübsinnigen „Dreary Town“ meisterlich erreicht. (Carl Ackfeld)
Owel – Owel [Intheclouds]
Trotz Eigenproduktion ist Owels Debüt kein kleindimensioniertes Rockalbum. Instrumentalrockige Streicher und Gitarren tragen das Emo- bis Yorke-Falsett von Jay Sakong hoch und weit, als würden die Sunny Day Real Estate und Smashing Pumpkins der Frühneunziger nebst Sigur Rós die gleiche Bühne der großen Gefühlsarena bespielen. In „The Unforgiving Tide“ kommt alles zusammen, was dieses Album ausmacht: die sichere Melodieführung, die großen Gitarren- und Geigenwände, das kontrastierend kleine Glockenspiel und Fingerpicking, das Auf- und Abwellen von Musik und Gefühl in Einheit unter goldigem Gesang. Es wird schon fast zuviel. Aber nur fast. (Uli Eulenbruch)
Segue – Pacifica [Silent Season]
Understatement ist ein wesentlicher Teil der Wirkungskraft von Segues dubbigem Ambient-Techno. Tief in seinem Nebel schleichen die Melodien eher umher, als dass sie dick aufgefahren würden. Feuchtes Knacken und Quietschen und noch tiefer verwobenes Wind- bis Wellenrauschen zeichnen Echoräume, die naturnah scheinen, aber keine bloßen Abbilder sind. Derart tief zieht und lullt „Pacifica“ in seine eigene Welt, dass es umso grandioser wird, als kurz vor Schluss mit “Ocean” dann doch ein großer, heller Ausbruch geschieht. (Uli Eulenbruch)



Tony Molinas Album ist leider nicht mehr (zum Zeitpunkt der Artikelerstellung war’s das noch) auf Bandcamp zu hören und nur noch mühsam als LP aufzutreiben. Die gute Nachricht ist dafür, dass es im kommenden Frühjahr nochmal auf Slumberland erscheint: https://soundcloud.com/slumberland-records/tony-molina-change-my-ways