Zusammen mit James Blake und Darkstar gehören Mount Kimbie zur Dubstep-Klasse von 2010/11, die das Genre mit einer Hinwendung zum Pop endgültig geöffnet (böse Zungen sagen auch: zerstört) und seine formalen Grenzen gesprengt hat. Sei es in Richtung Singer/Songwriter-Soul wie bei Blake, Synthie-Pop bei Darkstar oder einer damals gerne postulierten Öffnung für Indie-Kids wie im Falle von Mount Kimbie.

Die ganz großen Erfolge für die beiden Letztgenannten blieben aus, einzig James Blake vermochte es zumindest partiell, zum Beispiel mit „The Wilhelm Scream“, in den Mainstream auszustrahlen. Blake und Darkstar haben inzwischen schon beachtliche Nachfolgealben veröffentlicht, auf denen sie ihren eingeschlagenen Weg fortführen. Mount Kimbie legen nun mit „Cold Spring Fault Less Youth“ ebenfalls ihr zweites Album und ihr erstes nach dem Labelwechsel zu Warp Records vor.

Als erstes fällt auf, dass Gesang eine wesentlich größere Rolle als auf „Crooks & Lovers“ spielt, schon der erste Track „Home Recording“ macht reichlich Gebrauch davon. Für „You Took Your Time“ und „Meter, Pale, Tone“ haben sich Dom Maker und Kai Campos mit King Krule sogar eine prominente Stimme ans Mikrophon geholt. Allein diese Tatsache zeigt, dass sich Mount Kimbie leicht in Richtung der Hörerschichten bewegen, die mit rein instrumentaler Musik wenig oder nichts anfangen können. Die beiden ersten Tracks „Home Recording“ und „You Took Your Time“ zeigen auch schon, wie das musikalisch bewerkstelligt werden soll: Dubstep, der irgendwie einmal so etwas wie das Fundament von Mount Kimbies Tracks war – man sollte noch einmal erinnern, dass „Crooks & Lovers“ bei der Dubstep-Institution Hotflush, dem Label von Paul Rose alias Scuba veröffentlicht wurde – taucht nur noch in homöopathischer Dosis in Form geshuffelter, swingender Beats oder minimaler, atmosphärischer Störungen auf. Genretypische Subbässe? Großteils Fehlanzeige, allerdings waren Mount Kimbie damit schon immer eher sparsam.

Dort, wo James Blake beispielsweise in „Digital Lion“ seiner Liebe für die Gras-geschwängerten Untergrundclubs huldigt, tanzen Mount Kimbie barfüßig durch den Sand am balearischen Strand dem Sonnenaufgang entgegen oder schlurfen freudig verstrahlt durch die verpeilte Afterhour. Musikalisch findet das seinen Ausdruck in einer Hinwendung zu entspannteren Sounds (am Ende in „Fall Out“ werden sogar Steve-Reich-ige Gamelansequenzen intoniert) und einer eher an House oder eben Balearic (obwohl dieses Genre nur auf der Insel als eigenständig wahrgenommen wird) orientierten Atmosphäre. Viele der Tracks, wie die mit King Krule, stehen außerdem Alt-J oder Django Django näher als einschlägiger Clubmusik. Auch wenn Mount Kimbie gänzlich ohne Gitarre auskommen, die Bassgitarre wird (zumindest virtuell) schon gerne mal gezupft.

Was bedeutet das nun? Im Grunde gar nichts Schlechtes. Mount Kimbie haben mit „Cold Spring Fault Less Youth“ ein souveränes und rundum gelungenes Zweitalbum aufgenommen, das sich um Genrezuweisungen noch weniger schert als sein Vorgänger und auch durchaus offen Richtung Charts schielt. Puristen werden das natürlich verdammen und den ewig gleichen Gesang vom Ausverkauf anstimmen, aber es gibt ja noch genug spannende, undergroundige Label da draußen. Das Label von Mount Kimbie heißt jetzt nun mal Warp Records und hat sich inzwischen zu so etwas wie einem Indie-Elektronik-Riesen mit angeschlossenem Mailorder entwickelt, da denkt man und denken die Künstler schon mal in anderen Größenordnungen als tausend gepressten Whitelabel. „Cold Spring Fault Less Youth“ ist denn auch nicht weniger als ein feiner Begleiter für den – hoffentlich – noch kommenden Sommer und die Open-Air-Saison, egal ob am Strand, am Baggersee, im Park, beim Auto oder Zugfahren, oder einfach nur auf dem Balkon liegend. Vielen Dank dafür!

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum