Nur wer nicht mehr jung ist, gedenkt der Jugend. Wer ganz und gar nicht mehr jung ist, gedenkt der Jugend und spinnt sich Generationen zusammen, Zeitgeist, „Die Jugend von heute“ und derlei. Dabei schert sich die Jugend selbst am wenigsten um ihre eigene Jugend und ist, wo nicht ganz unverständlich, so pathetisch vereinfachend und verkitscht sinnsuchend wie Doors-Alben und Hesse-Romane. Aber um über Jim und Herrmann in einer Mischung aus Nachsicht und Hohn sanft schmunzeln zu können, muss man schon erwachsen/altersweise/zynisch genug sein, um nicht mehr als jung zu gelten. (Ich war nie jung.)

Young Galaxy aus Montreal sind nun nicht gerade allzu jung. Die Band um das Ehepaar Catherine McCandless und Stephen Ramsay stammt aus dem Umfeld des Labels Arts & Crafts, ist kollaborativ verbandelt mit Bands wie den Stars, The Dears und A Silver Mt. Zion und veröffentlicht bereits ihr viertes Album. Und auch der verträumte Synthie-Pop auf „Ultramarine“ ist nur so jung wie die sich erinnernde Maske der Jugend. So singt McCandless Zeilen wie „For you I am a gangster“ und „Bring me back to your first home/ and marry me/ under its tree“ im langsam auf einem Synthie-Ozean surfenden „Hard To Tell“ – klingt Jugend wirklich so theatralisch und dumm?

Die Texte machen es einem nicht immer schwer, aber oft. Die Musik macht es einem weniger häufig schwer, aber auch. In „Fall For You“ zum Beispiel, dessen Reggae- und Weltmusikeinschlag auch von Victoria Bergsman stammen könnte, oder von The Knife. Habe ich schon erwähnt, dass Young Galaxy nicht nur weiterhin mit dem Produzenten Dan Lissvik zusammenarbeiteten, sondern „Ultramarine“ auch in dessen Heimatland, in Schweden nämlich, aufnahmen?

Aber ehe ich mich vor lauter altersbedingtern Verbitterung in einer all zu peniblen Fehlersuche verliere, sei gesagt: „Ultramarine“ hat einen Hang zum Hit. Dream-Pop für die Sommerwiese, geradliniger Chillwave ohne Quertreibergehabe, Synthieschichten mit Melodien statt Pomp. Gitarren klingen mal funky und Piano-Hooklines spielerisch („Out The Gate Backwards“), „In Fire“ und „Privileged Poor“ sind Songs für die Augenbindendiskothek, aber bitte mit Plüschecken aus harmoniebeschwingten Refrains. Ein gehetzt, aber warm pulsierender Beat ist es, der „Pretty Boy“ in sentimentale Höhen trägt („I don’t care/ if the disbelievers/ don’t understand,/ you’re my pretty boy/ always“), denen nur eine Geige standhalten kann. Und sie kann, sehr gut sogar. „New Summer“ ist dagegen ruhiger, aber nicht weniger dringlich und nicht weniger Hit, so inbrünstig, wie McCandless den Sommer besingt (Freude über Jahreszeiten, wie jugendlich!) und so gefällig sie die Synthies umgarnen.

Einmal wird die Band sogar saucool: „Fever“, ein versteckter Bluesrock mit Fuzz Bass, schwelendem Chor und dem nonchalant gesungenen Refrain „Saw the doctor first light in the morning,/ said: I got a fever.“ So jung, um fit zu sein, sind sie nicht mehr, aber alt genug, um cool zu sein.

Und mit jedem Hören und jedem Ton fällt es leichter, Young Galaxy die unbedarfte und einfache Jugendlichkeit der Themen nachzusehen, dafür verlockt und verführt der Pop-Einschlag von „Ultramarine“ zu sehr, ohne sich aufzudrängen. „I don’t need no distinction/ to make mine what is mine… I don’t need authenticity/ to make me more like me,“ singt Catherine McCandless in „What We Want“. Der Rahmen ist gesetzt, er ist geschmückt, er gefällt.

Ein Kommentar zu “Young Galaxy – Ultramarine”

  1. […] mit seiner runterperlenden Perkussionsverzahnung am meisten von allen an die luftigen Schwedenpop-Produktionen Dan Lissviks erinnert, heben und senken sich die Vocals wie ein warmer Herzschlag zu ätherischen […]

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