Der Liedschatten (97): Erweiterter Schlager

Christian Anders: “Geh nicht vorbei”, Oktober 1969

„Geh Nicht Vorbei“ ist das, was ein Schlager zumindest dann sein muss, wenn er nicht pauschal mit der sogenannten „Volksmusik“ verwechselt wird: zeitgemäß, wenn auch mit einer Einschränkung.

Seit den 1950ern waren die Texte der innerhalb der BRD erfolgreichsten Schlager meist entweder albern, plump umschriebene Altherrenwitze oder schwülstig, nur selten wirklich gewitzt, lustig oder im besten Sinne sentimental. Auch der erste große Erfolg des damals 24jährigen Christian Anders steht ganz in dieser Tradition.

Hier werden Wörter und Phrasen abseits jeglichen Feingefühls oder zumindest einer zwar pathetischen, aber glaubwürdigen Leidenschaft aneinandergereiht. Nach einer zweifelhaften Logik bettelt und fleht der Protagonist und wechselt dabei zwischen Erniedrigung und Besitzansprüchen.

„Als ich dich fand, ging eine Sonne auf
und der Himmel war so nah.
Und deine Augen versprachen mir so viel,
was ich noch nie, niemals sah.
Wir glaubten beide an die Liebe.
Warum brach sie entzwei, sie entzwei?“

Gut, bis hierhin vermögen wir zu folgen. Hoffnungen wurden enttäuscht, ein Mensch ist verletzt und reagiert mit einem verständnislosen „Warum?“, und diese Frage scheint berechtigt. Von der Last der Unwissenheit gebeugt bittet er also:

„No, no, geh nicht vorbei, als wär‘ nichts gescheh’n,
es ist zu spät, um zu lügen.
Komm und verzeih, ich werd‘ mit dir geh’n
wohin dein Weg auch führt.
Und die Welt, sie wird schön.“

anders gehWas aber ist das? Er verlangt von ihr, sie möge ihm verzeihen? Und weiß doch nicht, warum die Liebe entzweibrach? Also wirklich. Wobei, vielleicht ist er in etwas hineingeschlittert, dessen unbedachte Folgen ihn nun überfordern. Die Frage nach dem „Warum?“ wäre dann ein „Warum musste ich das tun?“ und Ausdruck der Einsicht in die eigene Schuld. Was mahnt er dann aber „geh nicht vorbei, als wär‘ nichts gescheh’n“? Vermutlich bezieht er sich damit auf eine Liebe, die er verletzte, eine Verletzung immerhin, die ohne diese Liebe gar nicht möglich gewesen wäre. Allerdings geschieht eine Liebe nicht einfach, sondern eine versehentliche Verfehlung. Und was diese anbelangt, soll sie, im Gegensatz zum Geäußerten, ja nicht so tun „als wär‘ nichts gescheh’n“, also bleiben, obwohl etwas geschah. Und an wen richtet er sein „es ist zu spät, um zu lügen“, sich selbst? Denkt er etwa laut, würde er denn lügen, wenn es nicht zu spät wäre? Oder soll sie, die ihm Verzeihung gewähren soll, sich gefälligst nicht so haben, immerhin liebe sie ihn doch? Der Mann wirbt, wird erhört, geht fehl, fleht und ist überhaupt sehr bemüht, was vollkommen ausreichend sei, um wiederum erhört zu werden, denkt er zumindest.

„Bleib bitte, bleib doch stehn.
Du mußt doch fühlen, dass ich dich,
ja dich nur liebe“,

wie kann sie da so herzlos sein? Was will eine Frau denn mehr, als geliebt zu werden? Etwa selber lieben? Bereits drei Jahre vorher hatte Nancy Sinatra die einzig richtige Antwort auf eine solche Zumutung, nämlich „These boots are made for walkin‘ / and that’s just what they’ll do“.

Nun könnte man auch fragen „Herrje, was sucht er denn auch das Gute und Schöne ausgerechnet im Schlager?“, wozu sich entgegen ließe: sucht er ja gar nicht. An sich müsste es doch eh vorhanden sein, da der Schlager, so sagt man, das einer Sehnsucht vieler Menschen entsprechende Bild einer heilen Welt zeichne, eine Ansicht, die auch der Autor gewiss einmal geäußert hat. Nun aber fällt ihm auf: Moment, in ihnen gibt es gar keine heile, sondern nur eine per Beschränkung übersichtlich gemachte Welt, die durch den bloßen Gebrauch einfacher Reizworte wie zum Beispiel „Sonne“, „Himmel“, „Augen“, „glaubten“, „Liebe“ „Weg“, „schön“ und eben „Welt“ grob zusammengefügt wird. Das macht die „heile Welt“ der Schlager nicht einfach zu einem Wunschbild, sondern einer verzerrenden Projektionsfläche halbgarer Sehnsüchte. Dem entspricht der Inhalt des heutigen Hits.

Ist auch in dieser Hinsicht alles wie gehabt, so erscheint die musikalische Form im Vergleich zu früheren Schlagern doch geradezu frei zu sein. Man darf dem Komponisten Joachim Heider durchaus Kalkül unterstellen, wenn hier versucht wird, durch eine ähnliche Opulenz wie bei „Hey Jude“ oder „Atlantis“ von Donovan Wirkung zu erzielen, immerhin ging der Trend seit allerspätestens 1967 weg von simplen Formen hin zu gewagter, ambitionierter Größe. Schlager und vor allem Popsongs hatten sich zumindest von ihrem Image als einzig zu Tanz und Unterhaltung dienenden Liedchen emanzipiert. Dieses neue Selbstverständnis ermöglichte im Jahr 1969 „Abbey Road“ von den Beatles oder auch Pink Floyds „Ummagumma“, Captain Beefhearts „Trout Mask Replica“, The Whos „Tommy“ oder Cans „Monster Movie“. Zwar ist eine Gleichsetzung ihrer Musik mit Anders‘ Hit absurd, unbeeinflusst vom sich darin ausdrückenden neuen Selbstbewusstsein der mitterweile reiferen Popmusik wird er aber dennoch nicht gewesen sein, wobei nicht davon auszugehen ist, seine Autoren hätten sich an in etwa Can orientiert.

Ob der Komponist Joachim Heider wohl gekichert hat, als das Stück mit gut sechs Minuten Länge den Titel „Geh Nicht Vorbei“ erhielt? Dass ihm die Substanz für eine solche Spielzeit fehlt dürfte nur dem aufgefallen sein, der sowieso keine Schlager mag. Die meisten jedoch werden vom bedeutungsschweren, aufreizend langen Break vor dem Refrain und dem Part mit Orgel ab der vierten Minute ebenso wie von der Person des Interpreten angetan gewesen sein, sonst hätte sich die Single nicht in siebenstelliger  Zahl verkauft. Sie war der Beginn einer Karriere, die gut sieben Jahren noch in einigermaßen üblichen Bahnen verlief, danach teils kuriose, teils wahnwitzige Wendungen nahm, um die es dann anlässlich Anders‘ zweiter Nr. 1 gehen soll.

Hier noch symbolisch: Anders rettet die Welt. Später wollte er sich damit nicht mehr begnügen.

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