Der Liedschatten (81): Die guten Beatles

The Beatles: “Hey Jude”, Oktober 1968

Schlechte Singles der Beatles dürfte es nicht geben, höchstens mehr oder weniger beliebte, wobei oft gelten dürfte: je offensichtlicher ein Stück von McCartney stammt, umso mehr gehen die Meinungen der Fans auseinander.

Ist dem wirklich so? Der Autor, ein von Geburt her zu nichts anderem als der Retrospektive fähiger Verehrer der Band mit latenter Vorliebe für die Stücke Lennons und Harrisons, sagt: „Selbstverständlich! Denkt doch nur mal an ‚Yesterday‘, ‚Let It Be‘ oder, oh Schande, ‚The Long And Winding Road‘!“.

Zeitgenössische Hörer der Band werden sich mit Behauptungen unterschiedlicher kompositorischer Qualitäten, mal abgesehen von der Frage nach dem „Lieblingsbeatle“, womöglich kaum befasst haben. Wussten sie seinerzeit überhaupt, wer welches Lied schrieb? Gewiss nicht, sie werden die Veröffentlichung mit dem Credit „Lennon-McCartney“ gekauft, gehört und so sehr gemocht haben, dass auch Menschen zu ihrem Erwerb bewegt wurden, die womöglich einfach nur einen guten Song hören wollten. Und gute Songs gibt es bei insgesamt 217 Stücken zuhauf, auch wenn einige besser als andere sein mögen. Ist unser heutiger Hit, „Hey Jude“, die womöglich erfolgreichste Single der Band, ein solcher besserer Song – also, nicht besser als irgendetwas, sondern besser als andere Songs der Beatles?

http://www.youtube.com/watch?v=GEKgYKpEJ3o

Nicht nur optisch das Ende der Uniformität: Die Beatles fanden 1968 jeder für sich und abseits der Band zu sich selbst.

beatles_judeDie kanonische Entstehungsgeschichte besagt, die Idee zu Melodie und Text sei McCartney auf dem Weg zu und im Gedanken an Julian Lennon, John Lennons Sohn aus erster Ehe, gekommen, als dieser 1968 unter der Scheidung seiner Eltern zu leiden hatte und Trost durch seinen väterlichen Freund benötigte. John Lennon hingegen, der das Lied für eines der besten Werke McCartneys hielt, sah es als eine Art Bestätigung seines Bestrebens, sich ganz und gar auf die Beziehung mit Yoko Ono einzulassen. Womöglich, sagen andere, sang McCartney, der damals ebenfalls die Trennung von seiner langjährigen Freundin Jane Asher durchlebte, hier für sich selbst. Wie auch bei anderen Stücken der Band sind Intention und Gegenstand also nicht vollkommen klar, die grundlegende Botschaft hingegen schon. Selbst die Frage nach der Bedeutung des wunderlichen „the movement you need is on your shoulder“ erscheint angesichts des bestätigenden, stets präsenten „Kopf hoch!“ irrelevant, wenigstens wissen wir, dass es nicht die Welt sein kann, denn diese soll sich dort keinesfalls befinden, eben: „don’t carry the world upon your shoulders“.

Dieser und weitere Ratschläge also werden einem „Jude“ erteilt, lassen sich aber auf jede beliebige andere Person beziehen, betreffen sie doch die elementaren Empfindungen Schmerz, Angst und Liebe.

„ (…) and anytime you feel the pain, hey Jude, refrain

don’t carry the world upon your shoulders

for well you know that it’s a fool who plays it cool

by making his world a little colder

hey Jude, don’t let me down

you have found her, now go and get her

remember to let her into your heart

then you can start to make it better (…)“

Das mögen zwar Allgemeinsätze sein, aber recht hübsche sind es doch, die man in dieser Art nicht von einer Hitband, erst recht nicht den teilweise doch sehr kryptischen Beatles („Strawberry Fields Forever“, „I Am The Walrus“) erwartet hätte. Gerade das dürfte eine große Rolle für den Erfolg gespielt haben.

„Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band“ und „Magical Mystery Tour“ waren kultivierte Freakouts, psychedelisch, verspielt und mehr- bis keindeutige Geniestreiche. „Lady Madonna“, die Vorgängersingle zu „Hey Jude“, deutete zwar an, in welche Richtung sich die Beatles entwickeln würden, wurde jedoch durch ihre B-Seite (Harrisons „The Inner Light“ mit indischen Musikern und Texten aus dem Daodejing) in ihrer indikativen Wirkung etwas beschnitten. Es waren eben nicht zwei Rockstücke, es war eines, und da die Beatles von jeher zahlreiche Einflüsse verarbeiteten, warum dann nicht auch einmal wieder Rock’n’Roll? Abzusehen, was danach folgen würde, war daraus nicht, eine überlange Verbindung von Ballade und Rocksong als Nachfolger dürfte deshalb für viele Fans eine kleine Sensation, für alle anderen Hörer zumindest überraschend gewesen sein.

Mit Sicherheit hatten die Beatles schon reizvollere Songs veröffentlicht, so bedacht wie in „Hey Jude“ aber klangen sie trotz der recht simplen weltlichen Erbauungslyrik noch nie. Selbst Lennons „In My Life“, das von wehmütigen Erinnerungen handelt, ist dagegen noch jugendlich. Dort behandelten sie das Altern, bei „Hey Jude“ jedoch handelten sie gealtert und präsentierten sich damit als eine unbekannte Art Beatles. Und das war, je nach Standpunkt des Betrachters, nicht oder aber doch ohne.

„’Nicht oder aber doch ohne‘, was soll das denn heißen?“ Nun, liebe unterstellte Frage, Folgendes:

Erst einmal selbstverständlich „nicht ohne“. McCartneys Gesangsmelodie in der ersten Hälfte des Songs ist schlicht, catchy, einfühlsam und durchaus angenehm, zumindest, solange der Song einzig gehört, und nicht, wie im obigen Video, von einem Sänger mit Dackelblick intoniert wird. In der zweiten Hälfte mit seinem unklar motivierten „Nah nah nah nah nah nah nah“ wandelt er sich plötzlich und zwanglos zu schlicht, catchy und mitreißend, und auch das vermag zu gefallen, solange man sich an großen Chören im Stile eines „Und jetzt alle!“ nicht stört. Gott sei Dank bleibt ein solcher ein Ruf, leider anders als die durch den Rock’n’roll früher Tage inspirierte Shouts McCartneys, in expliziter Form aus.

Arrangement und Instrumentierung hingegen sind „ohne“, jedoch nicht ohne Orchester. Nachdem das Stück sich über beinahe vier Minuten mit Klavier, Bass, Gitarre, Schlagzeug, Backing Vocals und Percussions begnügt hatte, taucht kurz vor Minute vier ein Orchester mit Violinen, Kontrabässen, Flöten, Klarinetten, Trompeten, Hörner, Violas, Celli und anderem auf. „(…) on Thursday 1st August, they packed thirty-six highly-trained classical musicians into a small room to play four chords over and over again, closing the evening by requesting them to clap and sing along. Persuaded by a double fee, all but one complied.“ So schön lakonisch werden die Aufnahmen dazu von Ian MacDonald in seinem empfehlenswerten Buch „Revolution In The Head. The Beatles‘ Records And The Sixties“ beschrieben. Deutlich wird, wie verschwenderisch, beinahe dekadent die Beatles mittlerweile vorzugehen vermochten. Sie brauchen ein Orchester? Dann bekommen sie es und fernab davon, sich durch ein ausgefeiltes Arrangement dafür erkenntlich zu zeigen, ließen sie studierte Menschen mit musikalisch simplen Mitteln zu ein wenig Opulenz beitragen, eine höchst erfreuliche und gelungene Art der stilvollen Verschwendung.

Diese wurde ihnen hinsichtlich Räumlichkeiten, Zeit und Equipment bereits seit 1966 im beschränkten Rahmen (sogar „Sgt. Peppers …“ wurde noch mit einem Vierspurgerät aufgenommen, die Anschaffung des in den USA üblichen Achtspurgerät war ihrer Plattenfirma zu teuer) zugestanden, als sie keine Tourneen mehr zu spielen brauchten und sich ganz auf die Arbeit in den Abbey Road Studios konzentrieren konnten. Die Räumlichkeiten befanden sich im Besitz ihres Labels EMI, weshalb diesem durch unübliche lange Aufnahmezeiten keine zusätzlichen Kosten verursacht wurden. Musikalität, wirtschaftlicher Erfolg und damit Narrenfreiheit, Aufgeschlossenheit, Drogen und Interesse an indischer Musik ließen allerspätestens mit „Revolver“ Songs entstehen, mit denen die Band endgültig konkurrenzlos werden konnte. Erstaunlicher als dieser Erfolg waren die Lieder, mit denen sie ihn erlangte, in etwa die Singles „Penny Lane / Strawberry Fields Forever“ und „Hello Goodbye / I Am The Walrus“ und Albumtracks wie „Tomorrow Never Knows“, „Within You Without You“ und „A Day In The Life“. Nicht nur der Inhalt, auch die Form war hier innerhalb der Popmusik neuartig, worunter nicht nur die Verwendung unüblicher Instrumente, sondern auch die Nutzung der Studiotechnik als künstlerisches Mittel zu verstehen ist.

„Hey Jude“ – und hierin liegt letztendlich das „ohne“ – ist verglichen mit den Veröffentlichungen der Jahre 1966 und 1967 geradezu herkömmlich, die Verwendung des Orchesters sogar ein wenig gigantomanisch. Vielleicht schrieben die Beatles nun keine schlechteren Songs, dennoch war der bandinterne Zenit überschritten.

Von einem plötzlichen Niedergang kann aber keinsfalls die Rede sein. Ähnlich wie die Rolling Stones, jedoch ohne deren Konsequenz, wandten sich die Beatles nun erneut an Rock’n’Roll und Blues orientierten Formaten zu, wobei sie im Gegensatz zu Jagger und Richards keine Rücksicht auf ein Livepublikum zu nehmen brauchten und sich so vorerst ihre durch die Arbeit im Studio geprägte Verspieltheit und Vielfalt bewahren konnten.

Wenn letztere in der Vergangenheit auf dem Zusammenwirken Lennons und McCartneys gründete, so kam sie nun durch ihr Nebeneinander zustande. Beide blieben, wenn auch seltener in ergänzendem Songwriting, eher gemeinsam als solo aktiv, dazu noch steuerte Harrison mehr Songs als in den Anfangstagen der Beatles bei. Sie waren vielleicht keine Gang mehr, aber noch immer eine Band. Nur mit dem Wissen um ihr Ende zwei Jahre später zeigt eine Single mit „Hey Jude“ auf der A- und „Revolution“ auf der B-Seite nicht einfach die unterschiedlichen Qualitäten zweier Songwriter, sondern deren voneinander getrennt verlaufende Entwicklung.

 Sgt. Pepper hätte in Öffentlichkeit nie so gestöhnt: John Lennon teilt sich via Beatles mit.

2 Kommentare zu “Der Liedschatten (81): Die guten Beatles”

  1. […] klare Teilung in eine ruhige erste Hälfte und ein opulentes Finale sicher nicht zufällig an „Hey Jude“. Der Vorwurf des Abkupferns ist jedoch angesichts der geringen Schöpfungshöhe des Aufbaus […]

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