Der Liedschatten (82): Gute Nacht, lieber Buhmann!

Heintje: “Heidschi Bumbeidschi”, November 1968

Was sollen wir nur mit Heintje anfangen? „Heidschi Bumbeidschi“ ist seine dritte Nr. 1 innerhalb eines halben Jahres, aber neuartig ist daran nichts.

Wie bereits „Mama“ und „Du Sollst Nicht Weinen“ wurde es nicht eigens für ihn geschrieben, anders als bei diesen sind die Urheber jedoch unbekannt. Das immerhin ist neu, was sich von Arrangement und Interpretation nicht sagen lässt.

„Müsste der nicht längst im Bett sein?“: Heintje erquickt die vor Rührung rauchenden Gäste eines Biergartens.

„Heidschi Bumbeidschi“ ist ein aller Wahrscheinlichkeit nach aus Böhmen, einem Gebiet des heutigen Tschechiens, stammendes Wiegenlied. Ein solches sollte ja bereits von Haus aus sanft und einlullend sein, den Produzenten aber war es damit offensichtlich nicht genug. Es ist nicht einfach nur so, dass in Heintjes Version die Gefälligkeit wie gewohnt maßlos übertrieben wird (man beachte bitte den Einsatz von Chor und Halleffekt), auch der Text wurde wieder geändert.

Bei Heintje heißt es erst:

„Aber Heidschi Bumbeidschi es schlafen,

am Himmel die Schäflein, die braven.

Sie ziehen dahin, an dem himmlischen Zelt,

vergessen den Schmerz und den Kummer der Welt.

(…)

Aber Heidschi Bumbeidschi wirst sehen,

wie schnell alle Sorgen vergehen.

Und bist du auch einsam und bist so allein,

bald schau’n ja die Engel zum Fenster herein,“

dann plötzlich:

„Aber Heidschi Bumbeidschi schlaf lange,

und ist auch dein Mutter gegangen.

Und ist sie gegangen und kehrt nicht mehr heim,

und lässt ihr klein’s Bübchen so ganz allein,“

was für seine Verhältnisse zugegeben hart ist. Die Bedrohlichkeit seiner Variante bleibt dennoch weit hinter der tradierten Version zurück. Dort beginnt das Lied folgendermaßen:

„Aber heidschi bumbeidschi, schlaf lange,

es is ja dein Muatter ausgange,

sie is ja ausganga und kimmt nimma hoam

und lasst dös kloan Büabale ganz alloan (…)“

und endet mit der wenig trostreichen Strophe

„Und da Heidschi-Bumbeidschi is kumma

und hat ma mei Büaberl mitg’numma.

Er hat ma‘s mitg’numma und hat‘s neama bracht,

drum wünsch i mein’ Büaberl a recht guate Nacht.“

In beiden Versionen gibt es Engel und Sterne, in der ursprünglichen jedoch erst, nachdem klar gemacht wurde, die Mutter komme nicht mehr zurück, dazu noch schließt es mit der Erzählung eines Kindesraubs. „Wirst sehen wie schnell alle Sorgen vergehen,“ dieser Trost aus Heintjes Version bleibt hier verwehrt.

heintje_heidschieImmerhin mussten keinen Platten verkauft, sondern Kinder ruhig gestellt werden, was (wollen wir einmal hoffen, dass es heute nicht mehr üblich ist) oft durch Androhung von Strafe geschah. Dabei muss es sich nicht zwangsläufig um Schläge handeln, es reicht schon der Hinweis, wenn dieses oder jenes nicht geschehe, werde das Kind geholt. Bei mir wäre dies laut meinen Eltern durch den Buhmann vom Dachboden oder den „bösen Hubschrauber“ erfolgt, eine Figur, die von älteren Geschwistern stammt und sehr viel eindrucksvoller war als ein böser Wolf, den ich nur als meiner Meinung nach unglücklichen Bewohner des Zoos kannte. Ähnlich harmlos schien mir der Sandmann, ebenfalls eine klassische Schreckgestalt (siehe E.T.A Hoffmanns gleichnamiges Werk), der nur ein wenig langweilte, bevor endlich Pittiplatsch kam. Der war immerhin ein frecher Kobold. So unterhaltend war der Schwarze Mann nicht, wobei ich mir nicht recht erklären konnte, was er denn mit den Kindern vorhatte, nachdem er sie verschleppte. Die Nixen hingegen nahm ich sehr wohl ernst. Sie warteten, so glaubte ich, auf eine Gelegenheit, Kinder zu rauben und zum Dienst in ihrem Schloss unter der Elbe zu zwingen. Diese Vorstellung behagte mir gar nicht übel, dort hätte es nämlich keine Erwachsenen gegeben, die Furchtbares wie Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter“ vorlasen, sondern Wesen, deren Äusseres mir einen Zusammenhang zwischen Schönheit und Verbot offenbarte, der auf Kosten meiner Neigung zum Erlaubten ging.

Denn selbstverständlich ist Toben und Quatschen schöner als Schlafen, macht Grimassieren (ebenfalls damals üblich: „Mach das nicht, wenn die Uhr schlägt, bleibt dein Gesicht so!“) Spaß und ist das Herumstreifen an unbekannten Orten aufregend. Warum also damit aufhören? Diese Frage ist durchaus berechtigt, ihre Beantwortung jedoch nicht immer logisch möglich. Warum schlafen, wenn man doch noch nicht müde ist und spielen kann? Einleuchtende sachliche Argumente („Du musst morgen früh aufstehen“ dürfte für Kinder wenig plausibel sein) lassen sich dafür schwerlich finden. Dennoch ist die Drohung mit unheimlichen Gestalten äußerst unpassend und beileibe nicht die einzige Möglichkeit, einen Kompromiss zu finden, Zuwendung und Rituale funktionieren bestens und sind mit Sicherheit der Beziehung zwischen Eltern und Kind zuträglicher. Gruseln wird sich ein Kind so oder so, dazu braucht es keine Eltern, nur dabei (falls es wen interessiert: Ja, der Autor ist Vater).

Wer genau der Kinder entführende Heidschi Bumbeidschi des Wiegenliedes auch sein mag, nett ist er nicht und allzu idyllisch geht es im Lied nicht zu. Mutter weg, Kind weg, das kann nur mögen, wer das Lied vorgesungen bekam und seinen Inhalt nicht verstand. Kauften sich diese Menschen Heintjes Single? Einige von ihnen gewiss, vor allem dann, wenn sie als Teil der deutschböhmischen Minderheit in Tschechien aufgewachsen waren.

Für andere (Kinder ausgenommen) dürfte das über Musik und Film verbreitete, durch Heintje personifizierte Klischee des lieben Kindes mit Engelsstimme gelangt haben, von dem in den beiden bisherigen Folgen zu ihm schon die Rede war und dem sich durch das heutigen Lied nichts hinzufügen lässt. Sein größter Reiz dürfte im offensichtlichen Gegensatz zur Realität bestanden haben, darin, dass Kinder sich nun einmal anders als das Ideal ihrer Eltern verhalten und all diejenigen, die sich als junge Erwachsene 1968 ungebührlich benahmen, vermutlich einst mehr oder minder gehorsame Kinder waren. Mit Heintje konnte eine irreale „gute alte Zeit“ zurückkehren.

3 Kommentare zu “Der Liedschatten (82): Gute Nacht, lieber Buhmann!”

  1. Alte Kindermärchen oder Kinderlieder waren oft grausam und Angst schüren. Weil eben die Erziehungsmethoden grausam waren, wie die Zeiten allgemein beängstigend waren. Die Zeiten mögen sich vermeintlich gebessert haben, aber die tradierten Verängstigungen sind noch geblieben. Wir wissen mittlerweile, dass man ein Kind frei von Drohungen, Züchtigungen oder Verstörungen erziehen sollte. Aber ist ein Kind heute in seinem Erleben der Umgebung glücklicher als etwa vor 100 Jahren?

    Das ist das Problem bei den Schlagern und der Volksmusik der letzten Jahrzehnte. Dass sie überlieferte Waisen, deren Wert durchaus in ihren Abgründen besteht, kräftig weichspülen. So werden viele Lieder, die als Zeugnisse einer vergangenen Alltagskultur und Lebenswelt oft recht spannend sind, zu einem sinnbefreiten Tralala.

  2. Lennart sagt:

    Klar, Abgründe sind vorhanden und sollten nicht ignoriert werden, Märchen, Geschichten und Lieder auf jeden Fall auch von ihnen handeln. Auch sollte man sich gemeinsam mit seinem Kind mit solchen Sachen befassen, nur eben nicht damit drohen.

    Und ob ein Kind glücklicher ist… mhm, mir reicht es, wenn ich das bei einem weiß respektive vermute und ansonsten nach Möglichkeiten darauf hinweise, wenn ich glaube, dass da ei anderen etwas hinderlich ist.

    Und nur, weil die Lebensumstände im Großen und Ganzen als vor 100 Jahren sind, muss niemand glücklich sein. Glücklich sein, dass kann man ja von niemanden einfach so erwarten.

  3. […] das Jahr 1968 mit der Wiedereinnahme der Chartsspitze durch Heintje („Heidschi Bumbeidschi“, ab dem 14. 12. 1968) enden wird, können wir uns noch einmal unerwartet mit den Beatles […]

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum