Der Liedschatten (79): Bis einer weint

Heintje: “Du sollst nicht weinen”, August – September 1968

Wie unschön Wiederholung doch sein kann! Das gilt zuerst einmal für Menschen, die sich unfreiwillig einer solchen ausgesetzt sehen. Lächelnd und gerührt immer wieder gehörte Geschichten geliebter Großeltern seien davon ausgenommen, ebenso bierselige Freundschaftserzählungen gemeinsam durchstandener Dummheiten.

Auch um das Fernsehen soll es nicht gehen, wir sind ja nicht beim Smalltalk, ebenso nicht um den Smalltalk, – bei dem wir, wir erinnern uns, ja nicht sind – nein, nicht einmal um Menschen, die es zustande bringen, sich regelmäßig über ihre Arbeit zu beschweren, ohne sie zu kündigen.

In dem seltsamen Buch mit den vielen Männern drin steht geschrieben „ (…) wie tharstu sagen zu deinem bruder, halt, ich wil dir den splitter aus deinem auge ziehen, und sihe, ein balcke ist in deinem auge. du heuchler, zeuch am ersten den balcken aus deinem auge, darnach besihe, wie du den splitter aus deines bruders auge ziehest.“, was in unserem Fall bedeutet: Wenn die anderen schon schlimm sind, so vermag man selbst zuweilen noch viel schlimmer zu sein.

Und wirklich: Sich selbst beim Wiederkäuen einer einst originellen, tiefsinnigen, emotionalen Phrase ertappen bereitet Unbehagen – vielleicht nicht jedem, aber mir. Das sei mir dann mein balcken, und er sei mir bitte belassen. Sonst sagt mir am Ende noch irgendwer, ich dürfe mich nicht der splitter anderer annehmen.

In dieser Reihe gibt es mit Sicherheit einige Feststellungen und Thesen, deren Wiederholung öfter als notwendig erfolgt. Gut, am Liedschatten wird bereits über anderthalb Jahre geschrieben, und das gewissermaßen „in Echtzeit“, jede Woche ein Text. Da unterlaufen Selbstzitate zwangsläufig und solange ich es nicht merke, soll es mir recht sein.

Der fürsorgliche Sohn hat die Zukunft seiner Mutter stets und überall im Blick.

Deshalb mag ich den heutigen Hit nicht.

heintke_weineViel zu viel von dem, was über Heintjes Version des Stückes „Mama“ gesagt wurde, ließe sich gleichermaßen bei „Du Sollst Nicht Weinen“ (ebenfalls die Interpretation eines älteren Stückes), anmerken. Auch hier singt ein Kind Worte, die ihm von Erwachsenen in den Mund gelegt wurden, äußert plumpe Banalitäten ohne emotionale Tiefe.

„Du sollst nicht weinen,

weil die Jahre viel zu schnell vergehen

und weil dein Junge einmal gross sein wird“,

sagt das etwa der Vater zur Mutter? Dann wäre es immer noch kitschig, aber verständlich. Doch nein, wie schon bei „Mama“ tröstet ein Junge seine hier nicht direkt angesprochene Mutter präventiv, wobei ein relativ ferner Abschied als Anlass dient. Noch einmal zum Vergleich:

„Mama“:

„Mama ich will keine Tränen sehen

Wenn ich von dir dann muß gehen“

„Du Sollst Nicht Weinen“:

„Oh, denk nicht dran, noch ist der Tag so weit

Auch morgen wird die Sonne wieder scheinen

und Rosen blühen noch lang vor deiner Tür.“

Abgesehen von ein wenig mehr Farbe durch die scheinende Sonne und blühende Rosen blieb alles beim Alten, Hit Nr. 2 ist eine Variation von Hit Nr. 1. Es liegt hier eine in ihrer Ablehnung jeglichen Risikos geradezu freche Wiederholung vor.

Wobei, nicht ganz. Ein wenig wagemutiger war man schon, denn während die B-Seite der Single „Mama“, „Zwei Kleine Sterne“, dasselbe Thema, dieses Mal mit tröstender Mutter, behandelt, ist „Ich Bau‘ Dir Ein Schloß“ geradezu gewagt frivol. „Ich bau dir ein Schloss, du wirst schon sehen / bald bin ich schon gross, dann zieh’n wir ein“, wie putzig. Ts. Also wirklich.

Däumchendrehen im futuristischen Gefährt: Diese junge Dame macht alles richtig. Wenigstens eine.

Nun, dem Kind Hendrik Nikolaas Theodoor Simons mit Künstlernamen Heintje kann man hier wie auch in Folge LXXVI keinen Vorwurf machen, überhaupt ist es eine Unart, Kindern etwas vorzuwerfen. Er konnte singen und er sang voller Inbrunst, es gefiel, er sang wieder, wurde gelobt, und so sang er weiter, bis der Erfolg Mitte der 1970er ausblieb. Nein, über ihn herzuziehen wäre sehr taktlos, beinahe so taktlos wie das lebensferne Ideal des wohlklingenden Scheitels mit lieben Äuglein, das er für sein erwachsenes Publikum darstellen durfte.

Eskapismus wurde auch in den Stücken anderer Genres gepflegt. In Großbritannien geschah dies sogar auf ähnliche Weise, man denke nur an „The Kinks Are The Village Green Preservation Society“ und seine Darstellungen ländlicher Kindheit. Es ist keinesfalls verdammenswert, sich in eine bravere Welt zu träumen, Gründe dafür gab und gibt es zuhauf. Utopien können ein gesunder Weg zur nichtalltäglichen Wahrnehmung sein und die ist wichtig.

Heintjes Lieder aber sind nicht utopisch, nicht einmal phantastisch oder nostalgisch, sondern verlogen. Bei den Kinks wird hinter dem Garten geraucht („Do You Remember Walter?“), liegt eine weltreisende Katze auf dem Baum, die einst Erleuchtung erfuhr, daraufhin die Diät aufgab und fett wurde („Phenomenal Cat“) und in „Wicked Annabella“ droht eine  Hexe Kinder zu entführen. In der Welt der beiden bisherigen Hits Heintjes gibt es so etwas nicht.

Gewiß wäre es zuviel von einem Lied verlangt, das ganze Spektrum, all die Spielarten menschlicher Empfindungen abzubilden, so etwas schaffen auch große Popsongs kaum. Darum geht es ja aber gar nicht, einzelne Facetten wie bei den Kinks reichen vollkommen aus. Nicht einmal Ehrlichkeit ist vonnöten, weder hinsichtlich des Inhalts noch des Gefühls. Glauben wir McCartneys Worten bei „Michelle“? Mitnichten, wir schmunzeln ob seines „I want you, I want you, I want you / I think you know by now“ und sind dennoch ergriffen. Das sind wir auch, wenn uns Elvis in “Are You Lonesome Tonight?” wenig originell etwas von der Bühne, die das Leben sei, erzählt. Wer würde sich denn an jedem Bisschen Pathos stören wollen? Abgeklärtheit verliert in Gefühlsdingen rasch an Relevanz, Schmelz und Schmalz („How Deep Is You Love“ von den Bee Gees) sind da hin und wieder willkommene Begleiter.

Der unnatürliche Kitsch bei „Du Sollst Nicht Weinen“ aber ist, im Gegensatz zu den genannten Liedern, gänzlich ungetrübt und ungebrochen. Heintje dient zur Projektion einer Botschaft, die nicht „das kann“, sondern „so soll Kindesliebe sein“ lautet. Hier ist ein Kind stets ein Ideal, so, wie in anderen Schlagern stets Liebe und sogar Sehnsucht perfekt sind.

Wer verstehen möchte, was Adorno gegen Schlager vorzubringen hatte, nämlich „(sie) beliefern die zwischen Betrieb und Reproduktion der Arbeitskraft Eingespannten mit Ersatz für Gefühle überhaupt, von denen ihr zeitgemäß revidiertes Ich-Ideal sagt, sie müßten sie haben“, möge deshalb Heintjes Lieder hören. Wer sich aber den Glauben an den unterhaltenden, geschickten Schlager, daran, dass er doch so schlimm nicht sein kann, bewahren möchte, dem sei das musikalische Werk Manfred Krugs Anfang der frühen 1970er empfohlen.

Liebe wird zwar oft überbewertet, witzig ist sie aber schon und Spaß macht sie auch. Das aber besser heute als morgen.

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